Boris Palmer und Rezzo Schlauch führten das Schramberger Gespräch mit Organisatorin Renate Claes. Foto: Ziechaus

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer stimmte mit Beispielen von Realsatire in die vierten „Schramberger Gespräche“ ein.

Während Gastgeberin Renate Claes in die Sphären der hohen Politik abheben wollte, stellte sich für den Oberbürgermeister von Tübingen die bodenständige Frage „Sind wir noch zu retten?“

 

Zu den Rentenbeschlüssen verwies er angesichts seines „fachlich kompetenten Publikums“ in der voll besetzten Aula des Gymnasiums auf die Geburtenrate nach den Babyboomern. Dafür erntete er verständnisvolles Lachen und er wandte sich einem beliebten Schlagwort in Diskussionen und Versprechen von Politikern zu, dem Bürokratieabbau. Argumente dafür liefere seit etwa 2015 der Datenschutzbeauftragte, dem er Vieles verdanke.

Die Gratulation zum 70. Geburtstag eines Hochschulprofessor im Gemeindeblättle führte zu dessen scharfem Widerspruch wegen fehlendem Datenschutz. Dieses bewegende Problem werde damit gelöst, dass Ortsverwaltungen in ihren Blättern nicht mehr gratulieren. Ein seltener Ziegenmelkervogel hat lange einen Anbau am Uniklinikum verhindert, bis er über Nacht verschwunden sei. Aber auch dann konnte nicht gebaut werden, der seltene Vogel könnte ja zurückkommen. Inzwischen gibt es einen amtlichen „Todesschein“ für den Vogel und jetzt könnte gebaut werden. Mit solchen Possen müssten sich er und seine Mitarbeiter auseinandersetzen.

Regelungen statt Innovationen

Die Welt macht Innovationen und wir machen Regelungen, bekräftigte Boris Palmer mit einem Schluck Wasser und ließ Renate Claes nachschenken. Er lasse sich „von einer Dame gerne das Wasser reichen“, dankte der OB aus Tübingen.

„Bürokratie funktioniert“

Rezzo Schlauch betonte, dass hier die Bürokratie funktioniere und man müsse die goldene Mitte finden. Auf die Frage von Renate Claes auf Entwicklungen in der Industrie antwortete der Rechtsanwalt, dass die Industrie ihre Potenziale ausschöpfen müsse, stattdessen zu viel geklagt werde. Im eigenen Unternehmen werde manches falsch gemacht und die Verantwortung auf die Politik geschoben. Dabei habe Daimler selbst die Luxusstrategie ausgerufen und an die Wand gefahren. Die Autos seien von Handwerkern gefahren worden und damit habe man Geld verdient.

Die Aula des Gymnasiums war voll besetzt. Foto: Christoph Ziechaus

Viele Ärzte und teure Medikamente

„Verzicht und Sparen“ riet Renate Claes, die Ärmel hochzukrempeln. Dazu hatte Boris Palmer gesuchte Daten im Smartphone gefunden. In Deutschland habe man das Gesundheitssystem ausgebaut mit den meisten Ärzten und den teuersten Medikamenten. Wir belasten unser Gesundheitssystem mit Arztbesuchen und Medikamentenverbrauch, dabei sollte bei einer Erkrankung „der erste Tag ein eigenes Problem sein“.

Damit wurde der Einkauf ein weiteres Thema, denn der sollte vor Ort erledigt werden und nicht im Internet. Online sollte die Mehrwertsteuer bei 25 Prozent liegen und sonst bei 15 Prozent.

Keine Fragen aus dem Publikum vorgesehen

Auch bei Diskussionen sollte die Region eine Rolle spielen, kam von Zuhörern der Gespräche eine Anregung. Zu den geplanten Windkraftanlagen der Stadtwerke Tübingen im örtlichen Feurenmoos hätte man gerne vom Aufsichtsrat und Oberbürgermeister Palmer etwas gehört, aber Fragen aus dem Publikum konnten nicht gestellt werden.