Boris Palmer talkte im Kino Waldhorn in Rottenburg unter anderem mit Überraschungsgast Winfried Hermann (rechts). Foto: Hete Henning

Die Rottenburger Bürgerstiftung lud Tübingens OB Boris Palmer zum Talk im Kino. Bei der ausverkauften Veranstaltung ging es vor allem um die persönliche Seite des Ex-Grünen.

Der Talk im Kino Waldhorn mit Boris Palmer soll keine politische Veranstaltung sein. Wird es aber irgendwie doch.

 

Ottmar Schneck von der Bürgerstiftung Rottenburg stellt ihn als „berühmtesten Oberbürgermeister Deutschlands“ vor. Es solle vor allem um die persönliche Seite Palmers gehen, sagt Schneck. Und fragt den prominenten Bühnengast, warum die Veranstaltung wohl schon einen Tag nach der Ankündigung ausverkauft gewesen sei. „Wegen mir“, mutmaßt Palmer – Gelächter im voll besetzten Kinosaal.

Erstes Thema Palmers Vergangenheit als Perry-Rhodan-Fan. Der mit Superintelligenz ausgestattete Perry Rhodan, erläutert der Tübinger OB, werde im Lauf der Zeit zum Präsidenten des Universums. Schneck wittert eine Parallele: Ob Palmer vielleicht Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden wolle? Nein: „Einen weitergehenden Verwendungszweck sehe ich für mich nicht.“

Gerne rechthaberisch Schneck bittet Palmers Mutter Erika als ersten Überraschungsgast auf die Bühne. Die 85-Jährige klärt auf: Während ihr jüngerer Sohn Patrick musikalisch sei, habe Boris die Streitlust von seinem Vater, dem als Remstalrebell bekannten Helmut Palmer. Und ihr älterer Sohn bekennt: „Ich gebe zu, dass ich mit zunehmendem Alter immer mehr Ähnlichkeit mit meinem Vater habe.“

Vater Helmut Palmer Helmut Palmer kandidierte erfolglos bei über 250 Bürgermeisterwahlen in Baden-Württemberg und war als eigensinniger Verkäufer von Obst und Gemüse auf Wochenmärkten bekannt. Die Markttage, bei denen Boris seinem Vater half, begannen um 3 Uhr morgens und zogen sich bis in den Nachmittag. Danach war Zeit für drei Stunden im Freibad. Am frühen Abend kamen schon wieder die Landwirte und brachten Ware für den nächsten Markttag. Hat der Vater sich je bei seinem Sohn bedankt? „Jeden Tag ...“

Ihr Boris sei zwar ein hochbegabter Schüler gewesen und habe mit einer Note von 0,75 das damals beste Abitur Baden-Württembergs gemacht, so Erika Palmer. „Aber er hat mit zwei Jahren noch nicht geschwätzt.“

OB tanzt seinen Namen Überraschungsgast Nummer zwei ist Patrick Palmer, laut Schneck 21 Monate jünger als sein Bruder Boris. Er hat früher Musik gemacht und gründete dann mit einem Kumpel eine Firma. „Daraus wurde eine schöne Start-up-Geschichte“, sagt er. Viel mehr kann er nicht sagen, denn nun geht es darum, dass sein großer Bruder die Waldorfschule besuchte. Schneck fragt, ob er seinen Namen tanzen kann. Boris Palmer steht vom Stuhl auf und buchstabiert mit großen, eurythmischen Armbewegungen B-O-R-I-S. Und schon dreht sich das Gespräch wieder um Vater Palmer. Er war, so Boris Palmer, „der einzige Politiker, der für seine Veranstaltungen Geld nehmen konnte“.

Gymnasium stand im Raum Schneck bittet Walter Schafarschik auf die Bühne. Der 86-Jährige unterrichtete früher an der Waldorfschule Engelberg. „Ich war nicht sein Deutschlehrer, aber ich habe ihn intensiv wahrgenommen“, sagt er über den jetzigen Tübinger OB. Als Palmers Wechsel an ein Gymnasium im Raum stand, habe die Waldorfschule den Siebtklässler kurzerhand zum Beleuchter in der Theater-AG gemacht, ein wichtiger Posten, den normalerweise erst Neuntklässler bekamen. Palmer blieb.

Messerscharf gerechnet Es wird jetzt doch politisch. Der Moderator fragt Palmer, ob er ein guter Bildungsminister wäre. Palmer verneint. Er habe zwar Mathematik und Geschichte auf Lehramt studiert, aber nie unterrichtet, sagt er. Und kommt auf eine vor ein paar Tagen veröffentlichte Umfrage zu sprechen. Danach möchten 30 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg, dass er nach der Landtagswahl einen Posten in der Landespolitik bekommt. Palmer rechnet messerscharf: „Wenn 30 Prozent möchten, dass ich Ministerpräsident werde, dann möchten es ja 70 Prozent nicht.“

Lange Grüne Vergangenheit Boris Palmer hat eine lange grüne Vergangenheit. 1996 wurde er Mitglied der Grünen, 2001 errang er einen Sitz für den Landkreis Tübingen im Landtag und wurde 2006 wiedergewählt. Im Herbst 2001 siegte er im ersten Wahlgang bei der Tübinger Oberbürgermeisterwahl. Dieser Erfolg wiederholte sich 2014 und 2022. Mit provokanten Äußerungen unter anderem in der Asyldebatte und zum Umgang mit der Corona-Pandemie machte er sich in der eigenen Partei viele Feinde. Um den Rauswurf zu verhindern, verließ er die Grünen 2023 von sich aus.

Jetzt ist Schluss Ob Palmer einen Mentor im Hintergrund habe, den er in solchen kritischen Situationen anrufen könne, fragt Schneck. „Kretschmann“, antwortet Palmer, „hätte gesagt: ‚Das musst Du jetzt selber wissen‘. Und Rezzo (Schlauch) hatte schon am Tag vorher gesagt: ‚Jetzt ist Schluss.’“ Zeit für den nächsten Überraschungsgast: den gebürtigen Rottenburger Winfried Hermann.

Nachtbus-Fahrplan Das Auftreten des Landesverkehrsministers Hermann scheint Palmer wirklich zu überraschen. „Wer sitzt denn da noch alles?“ Keiner mehr, aber jetzt kommt ein großer Verdienst Palmers zur Sprache: Als Tübinger Student, der samstags nach dem Kino nicht mehr heimkam, weil kein Bus mehr fuhr, entwickelte er 1996 kurzerhand einen Nachtbus-Fahrplan, der erst skeptisch geprüft und dann umgesetzt wurde.

Mehr als nur schwätzen „Der macht mehr als nur schwätzen“, schildert Hermann seinen ersten Eindruck von Palmer, der später zwei Jahre lang Mitarbeiter in seinem Wahlkreisbüro in Tübingen war. „Er war kreativ, vorlaut und ehrgeizig.“ Moderator Schneck macht noch einen Vorstoß wegen eines Ministerpostens für den parteilosen Tübinger OB: „Wäre Verkehrsminister was für ihn?“ Hermann antwortet zum großen Vergnügen des Publikums wie aus der Pistole geschossen: „Wir haben da schon vorgeschafft. Da muss er nicht mehr so viel machen.“