Bollenhüte und Totenköpfe haben so wenig miteinander gemein wie der Tannenwald und Heavy Metal. Dass beides miteinander funktioniert und dabei auch richtig cool aussieht, zeigt das Klamottenlabel Blackest Forest.
Es schneit. Je näher wir Grafenhausen kommen, desto größer sind die Flocken, die vom Himmel fallen. Der kleine Ort liegt auf knapp 900 Meter mitten im Hochschwarzwald. Der Laden befindet sich in der Nähe vom Skulpturenpark, gleich neben dem Schwarzwaldhaus der Sinne. Beim Betreten des Geschäfts werden wir ausgiebig beschnuppert. Momo, eine kleine Mischlingshündin mit glänzend schwarzem Fell begrüßt uns freudig schwanzwedelnd.
Blackest Forest ist das Label von Lillian und Simon Stiegeler. Beide sind schwarz gekleidet, an Lillians rechtem Mittelfinger glänzt ein silberner Ring mit Totenkopf, um den Hals trägt sie einen Runen-Anhänger, die rechte Augenbraue ziert ein Piercing, und auf ihrer schwarzen Hemdbluse prangt das Blackest-Forest-Totenkopf-Logo. Simon sieht aus wie der Anführer einer Motorradgang: langer Bart, Ohrringe, Lederarmband, Weste. Nur die obligatorischen Tattoos an den Oberarmen fehlen.
Gegen den Strich
Erst auf den zweiten Blick fällt uns auf, wo wir da eigentlich hineingeraten sind. In der Werkstatt, die sich an den Laden anschließt, liegen Messer, Hammer, Feilen. Die Wände hängen voller mystischer Masken. Hexen, Teufel, Waldgnome. Willkommen in der Welt von Blackest Forest.
Lilian und Simon sind Holzbildhauer, genauer gesagt Maskenschnitzer. Ihre Holzmasken, von Simon geschnitzt und von Lilian bemalt, finden sich nicht nur im Schwarzwald, sondern auf der ganzen Welt. In einer kanadischen Fernsehserie wie auch bei der Expo in Shanghai. In ihrem Metier sind sie erstklassige Künstler.
Aber das ist eine andere Geschichte. Heute erzählen sie uns die Story von ihrem Modelabel. Hinter einer Maske kann man sich verstecken. Wer Blackest Forest auf dem Leib trägt, der zeigt sein Gesicht mit Tannenwald, Bollenhut und Totenkopf. Es ist Lifestyle und Statement zugleich – Schwarzwald gegen den Strich gebürstet.
Angefangen hat alles vor zehn Jahren mit einem T-Shirt, das sich die beiden anfertigten. Das Logo zeigte den klassischen Bollenhut, darunter zwei gekreuzte Knochen – fertig war das von Simon Stiegeler entworfene Skull-Logo. »Wir trugen es bei einem Fernsehbericht über unsere Bildhauerwerkstatt«, erzählt Lillian. »Nach der Fernsehsendung haben uns alle nach dem T-Shirt gefragt.« Ein Freund der beiden, der Fotograf Michael Steck, war begeistert: »Das hat Potenzial!« Er ermutigte sie weiterzumachen.
Von null auf hundert
Die erste Charge der Shirts wurden den beiden quasi aus den Händen gerissen. Befeuert wurde die Nachfrage durch ein Fotomodell, das Michael Steck inszenierte und fotografierte: Ein bärtiger, tätowierter Typ, der einen Bollenhut – und natürlich das Skull-Logo Shirt trägt. »Gruß aus dem Schwarzwald« steht auf der Postkarte, die reißenden Absatz fand.
»Damals war das was ganz Spezielles«, sagt Simon. Der Schwarzwald war erst dabei, sich von seinem altbackenen Image zu befreien. 2014 war die Zeit, in der junge Künstler Heimat und Schwarzwald neu interpretierten. Man denke an Stefan Strumbel und seine Kuckucksuhren in schrillen Farben. Der Schwarzwald wurde Kult. Und bei Lilian und Simon Stiegeler wurde er immer schwärzer. »Blackest Forest« war geboren.
Dunkel und mystisch
Besteht da eine Affinität zur dunklen Seite? »Als Bildhauer sind wir kreative Menschen und beschäftigen uns mit allen Facetten des Lebens«, erklärt Simon und zeigt auf die große Kollektion der Engelswesen aus Holz, die von ihm und Lillian kreiert wurden und für die sie als Bildhauer neben den Masken auch bekannt sind. »Durch die Maskenschnitzerei setzen wir uns mit dem Dunklen und Mystischen auseinander, diese andere Seite des Schwarzwalds möchten wir mit ›Blackest Forest‹ zeigen. Dunkler und gefährlicher, aber auch mit einem gewissen Augenzwinkern.« – »Wir wollten keinen weiteren Souvenir-Artikel auf den Markt bringen, sondern einen Lebensstil transportieren«, ergänzt Lillian. Die traditionellen Motive des Schwarzwalds – Bollenhut, Nadelwälder- und Fichtenzapfen, Kuckucksuhren, aber auch Tiere wie Hirsch und Eule in einem neuem Kontext zeigen, das war die Absicht. Modern, frech, mit Heavy Metal und Rock, den die beiden Künstler gerne auch bei ihrer Arbeit hören, dazu die düsteren Sagen und Legenden, all das bildet die Inspiration für Simon Stiegeler, der als kreativer Kopf die Motive entwirft, während seine Frau Lillian sich um das Geschäftliche kümmert.
Hunderte Skizzen bilden die Grundlage für eine spannende Auseinandersetzung. Ideen werden skizziert, diskutiert, verworfen. »Es dauert lange, bis wir beide zufrieden damit sind«, sagt Simon Stiegeler. Eines ihrer neuen Motive beschäftigt sich mit der Natur und zeigt heimische Tiere des Schwarzwalds, die rund um ein magisches Auge kreisen. »Wenn wir in die Natur blicken, verstehen wir das Wesentliche im Leben«, ein Spruch, den einst Albert Einstein prägte. Eine wichtige Aussage, ziehen doch Simon und Lillian ihre kreative Kraft aus dem Draußensein in den Wäldern und bei Spaziergängen mit Hund Momo.
Großen Wert legen sie auf die Qualität der Schnitte und Stoffe. Die Shirts sind überwiegend aus Bio-Baumwolle gefertigt und von Fair-Trade-Firmen produziert. »Wir tragen die Shirts und Kapuzenpullover probe und testen, ob die Qualität für uns stimmt«, erzählt Lillian Stiegeler. Die Kleidungsstücke werden gewaschen, bedruckt und mit einem Logo-Aufnäher veredelt – alles vor Ort in Grafenhausen. Die Motive, es existieren um die 20, sind in kleinen Chargen für Frauen und Männer erhältlich. Anfangs sagten viele, die Klamotten sprächen nur junge Leute an, erinnern sich die Stiegelers. Doch das Klientel, das »Blackest Forest« trägt, zählt zum mittleren Alter und aufwärts. »Das hat uns selber überrascht«, gestehen Simon und Lillian.
Der Schorsch
»Der Schwarzwälder ist jemand auf den man sich verlassen kann, einer mit rauer Schale, durch die du erst mal durchkommen musst«, beschreibt Simon Stiegeler seine Verbundenheit zur Heimat, die er durch lange Lehrjahre im Ausland lieb gewonnen hat. Das spiegelt sich in einem Motiv wider, das sich wie ein roter Faden durch die Kollektion zieht: Wurzeln in den unterschiedlichsten Ausprägungen. »Vermutlich besinnt man sich erst im reiferen Alter auf seine Wurzeln«, mutmaßt Simon Stiegeler.
Inzwischen gibt es eine große Auswahl an Mützen, Schals, Taschen und Schwarzwald-Accessoires wie Speckbretter, Taschenmesser, Trinkflaschen und vieles mehr im Blackest-Forest-Design. Vor zwei Jahren gesellte sich der Gartenzwerg Schorsch dazu. Der Prototyp – vom Meister persönlich aus Schwarzwälder Holz geschnitzt – wird jetzt aus UV-stabilem und bruchfesten PVC-Kunststoff hergestellt und von Lillian Stiegeler bemalt. Die lustigen Gartenzwerge mit rotem Bollenhut, Sonnenbrille und weißem Bart sind von Hand gegossen, bemalt und endveredelt. Von jedem verkauften Schwarzwald-Schorsch werden fünf Euro an den Bundesverband Kinderhospiz e.V. gespendet. Im Frühjahr, verrät Simon, wird sich eine Freundin zu Schorsch gesellen. Ob es ein Punk-Mädel mit Bollenhut wird? Lassen wir uns überraschen.
Der Schwärzerwald
In diesem Jahr wollen Simon und Lillian weitere Designs kreieren, wobei bei Simon immer ein wenig Herzschmerz mitschwingt, wenn eine limitierte Edition ausverkauft ist. »Schließlich sind es alle meine Babys, mit denen man sich lange auseinandergesetzt hat. Dann freue ich mich aber auf das nächste, das dann noch cooler wird.« Lillian bestätigt: »Wir haben immer mehr Ideen, als im Kopf oder auf dem Blatt Platz haben, da kommen noch ganz tolle Sachen.« Mit Bollenhut und Totenkopf gibt es den Schwarzwald immer ein bisschen schwärzer als schwarz.
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