Polina Rodionova hat ihr Ziel im Visier: Hinter der 28-jährigen Ukrainerin liegt ein sehr schweres Jahr. In Villingen-Schwenningen freut sie sich nun über optimale Rahmenbedingungen für ihren Sport. Doch ihr Heimweh ist groß. Foto: Roland Sigwart

Seit Beginn dieser Bundesliga-Saison verstärkt die 28-jährige Ukrainerin Polina Rodionova den BC Villingen-Schwenningen. Wir besuchten die Weltklasse-Schützin, die momentan mit ihrer Mutter in Dauchingen lebt.

Ihre Tage sind voll durchgeplant. Vormittags besucht Polina Rodionova in diesen Wochen täglich einen Deutsch-Kurs in Villingen. Sie hat in der Ukraine Internationales Business-Management und Sportwissenschaften studiert. An den Nachmittagen trainiert sie – entweder mit dem Team des BC Villingen-Schwenningen oder auch allein – dann in der Bogenschießanlage der Firma Beiter in Dauchingen. Polina Rodionova zählt in der Halle zu den 30 besten Bogenschützinnen der Welt. Ihr großes Ziel ist die Olympia-Teilnahme 2024 in Paris.

 

Ihr Weg in den Schwarzwald-Baar-Kreis

Bis zum Februar diesen Jahres war ihre Welt in Ordnung. In Slowenien hatte sie bei der Hallen-EM mit der ukrainischen Mannschaft Gold geholt. Dann brach der Krieg aus. In ihrer Heimatstadt Sumy (270 000 Einwohner) kamen sie und ihre Familie zwei Wochen lang aus der bis April von Russland besetzten Metropole im Nordosten der Ukraine nicht mehr heraus.

Anschließend gelang ihnen die Flucht. Polina Rodionova setzte sich nach Polen ab, traf dort ihre Teamkollegen aus der ukrainischen Nationalmannschaft wieder. "Wir hatten mehrere Optionen, wohin unser Weg weiterführen sollte. Wir wollten professionell weiterhin unseren Sport betreiben", erinnert sich die 28-Jährige an ihre damalige Gefühlswelt zurück.

Die Wahl fiel für viele ukrainische Kaderschützen auf den Schwarzwald-Baar-Kreis, weil hier mit Andreas Lorenz ein sehr guter Bekannter lebt, der bereits verschiedene Funktionärsaufgaben beim Welt-Bogenschützen-Verband inne hatte und hat.

Die Entscheidung hier zu bleiben

Ab dem Frühjahr konnten die ukrainische Eliteschützen beim BC Villingen-Schwenningen trainieren und auch parallel dazu Weltcups in Europa oder die Sommer-EM in München absolvieren.

Im August gingen dann die meisten Mitglieder des Nationalteams zurück in die Ukraine. Ihre Mutter und sie entschieden sich fürs Bleiben. "Rein sportlich lief es für mich dieses Jahr bei den Feld-Wettbewerben nicht so gut. Die mentale Belastung war für mich zu groß. Täglich informierst du dich ja, was daheim passiert." Polina war die einzige Schützin aus dem Team, die den Krieg ganz nah miterlebte und wochenlang im Bunker leben musste.

Sumy war bis zu diesem Monat mehrmals Ziel von schweren Bombardements.

Etwas Ablenkung findet Polina Rodionova nun mit ihrer Mutter im Schwarzwald-Baar-Kreis. "Die Menschen hier sind sehr freundlich und hilfsbereit. Die Bedingungen, meinen Sport weiter auszuüben und meine Ziele zu verfolgen, sind top. Aber natürlich ist die Sehnsucht groß, wieder nach Hause zurückzukehren", sagt sie.

Warum sie die Bedingungen so schätzt

Sportlich war die Ukrainerin zunächst im Volleyball und im Tanzsport daheim. Im Alter von acht Jahren begann sie mit dem Bogenschießen. Ihr Onkel ist Coach der ukrainischen Junioren-Nationalmannschaft. Ihr Mutter war ebenfalls eine Schützin und ist eine internationale Kampfrichterin.

Ihr bisherige Karriere

Polina Rodionova war schnell sehr erfolgreich. Bei der Kadetten- und Junioren-EM belegte sie jeweils Spitzenplätze und wurde auch Team-Weltmeisterin. Dreimal bereits stand sie in der Ukraine in den internen Ausscheidungskämpfen zu den vergangenen drei Olympischen Spielen – und scheiterte jeweils knapp. Bereits im kommenden Jahr wird die Olympia-Qualifikation im ukrainischen Team intern wieder starten. Diese soll sogar im Westen des kriegsgeschädigten Landes stattfinden.