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Bösingen Weizen, Schokolade, Zigaretten und Honig

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Das Programm vom 17. Oktober 1948 war umfangreich. Foto: Schwarzwälder Bote

Bösingen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit kam das kulturelle Leben in der Region nur langsam wieder in Gang. Der verstorbene Bösinger Anton Bantle, Bruder des Ehrenbürgers Hermann Bantle, hatte sich im Gespräch mit Heimatforscher Karl Kimmich an die Wiedergründung des Gesangvereins Frohsinn Bösingen nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert.

Hilfsbereit in der "Blume"

Nach dem Krieg lagen alle Vereinsaktivitäten darnieder: Viele Menschen hatten andere Sorgen, wollten mit Parteien oder Vereinen nichts mehr zu schaffen haben und sahen sich durch die französische Besatzungsmacht schwierigen Genehmigungsverfahren ausgesetzt.

Am 16. Februar 1946 kam Anton Bantle aus Kriegsgefangenschaft heim nach Bösingen. Wie viele seiner Kameraden war er zunächst arbeitslos, weshalb er sich auf einem benachbarten Bauernhof als Knecht verdingt hatte. Kaum ein paar Tage zu Hause, kam der Vorsitzende des "Frohsinn" zu ihm und bat ihn dringend, mit sofortiger Wirkung geschäftsführender Vorsitzender zu werden, weil er altershalber nichts mehr machen werde.

So wurde Anton Bantle ganz ungewollt Vorsitzender, obwohl er selbst behauptete, gar keine Ahnung von diesem Geschäft zu haben. Eines aber wusste er: Der Verein musste dringend neu gegründet werden. Da kam ihm der junge Sänger Hermann Kammerer zu Hilfe.

Im Gasthaus Blume in Rottweil sei eine Dame, die sich in diesen Dingen auskennen würde. So fuhr er zu ihr und erklärte ihr sein Anliegen. Sie bot ihre Hilfe an. Anton Bantle sollte ihr sämtliche Namen der neuen Vereinsleitung und Gründer schriftlich benennen; Voraussetzung, sei aber, dass diese nicht in der NS-Partei waren oder aber zumindest entnazifiziert seien. Diese heikle Angelegenheit besprach er mit dem Dirigenten, Wendelin Banholzer. Nach mehreren Absagen in dieser Sache kamen sie beide zu dem Entschluss, dass sie einfach einige Bürger benannten, von denen sie annahmen, dass diese für geeignet befunden würden.

Mit dieser Namensliste fuhr er jetzt wieder in die "Blume" nach Rottweil zur gemeinsamen Mitstreiterin. Der "Hauchenacker-Wendel" mit seiner gestochen-scharfen Handschrift setzte den Genehmigungsantrag auf.

Die freundliche Dame aus der "Blume" zeigte sich abermals hilfsbereit und übersetzte den Antrag ins Französische, allerdings gegen zehn Eier und ein Pfund Butter. So vorbereitet und ausgestattet, suchte Anton Bantle den französischen Stadtkommandanten auf. Beim zweiten Besuch traf er ihn an.

Kein Gesang im Sommer

"Also Sänger wollen Sie werden anstatt Soldat", scherzte er mit Anton Bantle. Als Grundstock für die deutsch-französische Freundschaft erhielt er vom Stadtkommandanten eine Tafel Schokolade und eine Schachtel Zigaretten.

Erste Singstunden gab es nur so lange, bis die Feldarbeit im Frühjahr und Sommer andere Prioritäten verlangte, so dass den Sommer über kein Gesang stattfinden konnte. Zudem hatten die Franzosen beim Einmarsch einen Teil der Noten im Schulhof verbrannt.

Der Sommer bescherte den Landwirten eine reichliche Ernte. In seiner Not brachte Anton Bantle zwei Säcke voll Weizen nicht auf den Speicher seines Dienstherren, sondern stellte sie unterwegs zur Bühne in seiner Schlafkammer ab.

Der "Hauchenacker-Wendel" wäre ja gerne bereit gewesen, den Verein zu dirigieren, aber zuerst musste er von seiner Hände Arbeit leben. Als Schuhmacher brauchte er dringend Leder, das er gegen Geld nicht bekam. Da half ihm Anton Bantle mit einem der vollen Weizensäcke aus seiner Schlafkammer, den der Wendel gegen Leder eintauschen konnte. Der Dirigent war also gefunden.

Den zweiten Sack Weizen tauschte Anton Bantle gegen drei Notensätze ein. Er erinnert sich noch an den ersten Liedsatz: "O Schwarzwald, deine Berge".

Im Jahre 1946 wurde die Weihnachtsfeier des Vereins veranstaltet. Ein Landwirt spendete Mehl, so dass jeder Besucher eine Brezel erhielt. Der geschmückte Weihnachtsbaum auf der Bühne wurde nach amerikanischer Art versteigert. Vom Ertrag konnte der Brezel-Bäcker bezahlt werden.

Da dringend Sänger benötigt wurden, öffnete man 1947 den Chor für Frauen. Für fünf Zentner Weizen, Butter und 100 Eier fuhr der Fuhrunternehmer Erath mit seinem Holzvergaser zur Wallfahrtskirche Birnau, wo der Chor einen Auftritt hatte. Der Superior des Klosters schätzte sich überglücklich, denn erstmals nach dem Krieg hatte ein Verein in der Kirche gesungen. Im selben Jahr wurde ein Weihnachtstheater veranstaltet.

1948 wurde in der Mitgliederversammlung Anton Bantle zum Vorsitzenden gewählt und der "Hauchenacker-Wendel" als Dirigent bestätigt. Aber der Wendel musste sein Brot mit dem Schuhmacherhandwerk verdienen, und so hatte er oft wenig Zeit für die Singstunden. Da er den Sängern die Melodie auf seiner Klarinette vorspielte, musste er die Singstimmen auf sein Instrument umschreiben, was oft in letzter Minute erfolgte.

Am 17. Oktober gab der Verein im Sonnensaal ein großes Konzert. Das Programm war umfangreich.

Gewitter an Pfingsten

1949 war Fahnenweihe des Gesangvereins in Dunningen. Um das Gelingen seines Beitrags hierzu zu sichern, engagierte der Frohsinn Bösingen den Oberlehrer und späteren Schulamtsdirektor Fritz Hägele als Kritiker. Dieser nahm seine Aufgabe sehr wörtlich, so dass erneut viele Proben wegen der Umstellungen erforderlich waren.

Bei der Festveranstaltung selbst zu Pfingsten braute sich kurz vor dem Bösinger Auftritt ein Gewitter zusammen, so dass die Festgäste in die benachbarten Scheunen und unter die Dachvorsprünge flüchteten.

Pfarrer Anton Uhl war ein begeisterter Mundharmonika-Musiker. Er bat Anton Bantle, den bereits vor dem Krieg existierenden Mundharmonikaverein wiederzubeleben. Ausgerüstet mit zwei Gläsern Honig aus der pfarreigenen Imkerei, beschaffte Anton Bantle bei der Firma Hohner in Trossingen Mundharmonikas. Und zu Ostern umrahmten sechs Mitglieder des Mundharmonikavereins eine Theaterveranstaltung des Gesangvereins.

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