Das Ehepaar Weiss geht frohgemut einem neuen Lebensabschnitt entgegen. Reisen mit dem Wohnmobil haben sich Alfred und Lieselotte Weiss vorgenommen. Unterstützung erhalten sie durch das ein oder andere Geschenk. Foto: Hölsch

Bürgermeister nach 40 Jahren mit allen Ehren verabschiedet. Johannes Blepp tritt seine Nachfolge an.

Bösingen - Dann stehen alle von ihren Sitzen auf. Sie applaudieren und klatschen, applaudieren und klatschen. 550 Gäste in der Bösinger Mehrzweckhalle. Es sind die Momente, als Bürgermeister Al­fred Weiss seine Rede beendet hat und er als einziger auf der Bühne steht.

Es sind die Momente, als er nach 40 Jahren im Amt verabschiedet wird. Alfred Weiss blickt erfreut, gerührt und bewegt in den Saal. Er ist dankbar über die Wertschätzung, die ihm entgegengebracht wird. Eine Epoche ist am Freitag zu Ende gegangen.

Die Gemeinde Bösingen weiß sehr gut, Festivitäten zu veranstalten. Da greift ein Rädchen ins andere. Alle helfen mit. Bei kleineren Anlässen, bei größeren – und dieses Mal bei dieser besonderen öffentlichen Gemeinderatssitzung, als Alfred Weiss verabschiedet wird, den Ehrenring der Gemeinde überreicht bekommt und sein Nachfolger, Johannes Blepp, ins Amt eingesetzt und vereidigt wird.

Dann zeigt sich das eindrücklich, was Alfred Weiss in den 40 Jahren seines Wirkens als Kapitän des Gemeindeschiffes angestrebt, vorgelebt und maßgeblich geprägt hat: das Zusammenwachsen beider Ortsteile nach der Gemeindereform Mitte der 70er-Jahre. Ohne die Hilfe mehrerer Vereine und ihrer Mitglieder wäre dieser Abend nicht zu organisieren und zu stemmen gewesen.

"Man konnte immer zu ihm kommen. Er hatte jederzeit ein offenes Ohr für alle Anliegen", schwärmt eine Bürgerin aus Herrenzimmern am Rande des langen, intensiven und schönen Abends. Sie spricht Weiss’ Fähigkeit der Bürgernähe, lange bevor dies ein Schlagwort in den Verwaltungen geworden ist, an. Alfred Weiss strebt nach und lebt am liebsten in Harmonie.

Kommunikation und Harmonie sind Fähigkeiten und Tugenden, die – um es schwäbisch-zurückhaltend zu formulieren – Bösingen und Herrenzimmern in den Jahren von 1975 bis heute nicht geschadet haben.

Ganz im Gegenteil. Die auch und gerade dank der Persönlichkeit und der Kompetenz des scheidenden Bürgermeisters und vieler Mitarbeiter und Bürger zum hohen Ansehen der Gemeinde im Landkreis und sogar in Freiburg beim Regierungspräsidium (wie der Landrat verrät) entscheidend beigetragen haben.

Launige aber auch nachdenkliche Reden

Weil 40 Jahre eine lange Zeit sind, haben es alle Redner – von den Bürgermei­ster-Stellvertretern Rainer Hezel (Bösingen) und Barbara Fischinger (Herrenzimmern) angefangen, über Wolf-Rüdiger Michel (Landrat), Karl-Heinz Bucher (Bürgermeister Villingendorf und Vorsitzender Zweckverband Eschachwasser), Ralf Ulbrich (Bürgermeister Deißlingen, Sprecher für die Bürgermeistervereinigung und den Gemeindetag), Markus Huber (Bürgermeister Dornhan und Vorsitzender Zweckverband Heimbachwasser), Pfarrer Hermann Barth, Pfarrerin Esther Kuhn-Luz, Karl Kimmich (Rektor a. D.), Rainer Kropp-Kurta (Rektor), Marco Kolic (Schulsprecher), Bernhard Schönemann (Vorsitzender Kreisfeuerwehrverband), Michael Bantle (für die Vereine der Gesamtgemeinde Bösingen) und Udo Schlipf (Vorstandssprecher Volksbank Schwarzwald-Neckar) bis zu Matthias Jetter (Haupt- und Finanzverwaltung der Gemeinde Bösingen, für alle Bedienstete) – nicht einfach, alle Fakten und Facetten dieser Jahrzehnte und der Person des scheidenden Bürgermeisters einzufangen und wiederzugeben.

Doch ihnen gelingt es. Jeder auf seine Weise mit eigenen Sichtweisen. Es waren lange und kurze, launige und ernste, informative und amüsante, liebevolle und nachdenkliche Reden. Kurz: ein Widerspiegeln der Vielfalt.

Es lohnt sich, das ein oder andere festzuhalten. Wolf-Rüdiger Michels Recherche zum Beispiel, dass ihm nur die Königin von England und der König von Schweden einfallen, die länger als Alfred Weiss im Amt seien, wobei Weiss im Gegensatz zu den beiden gekrönten Häuptern fünfmal demokratisch gesalbt sei – und dies sei schließlich die wahre Krönung. Und: Weiss habe das Zusammenwachsen beider Ortsteile maßgeblich geprägt. Er habe Bürgernähe gelebt. Kurz: "Er ist ein Volksmann." Der Landrat zählt die Attribute ruhig, bedächtig und bescheiden auf und stellt fest, dass Weiss mit der gebotenen Demut sein Amt ausgeübt habe.

Ralf Ulbrich spricht die allzeit kollegiale und freundliche Art von Weiss im Kreise der Bürgermeister an. Esther Kuhn-Luz bringt die biblische Zahl 40 (für die 40 Jahre) und das Wort, das Alfred Weiss hochgeschätzt habe, ins Spiel.

Karl Kimmich, der mit Weiss 31 Jahre lang zusammengeschafft hat, hat nach eigener Anschauung schnell realisiert, dass der damalige Jung-Schultes die Zügel im Gemeinderat genauso gut in den Händen hatte, wie der Pferderumpf mit Zügeln im Wappen von Bösingen zu sehen ist. Ebenso, dass die Koordinaten des Bürgermeisters genau eingestellt waren (Weiss einst zu Kimmich: "Kommen Sie zu mir nach vorne? Oder soll ich zu Ihnen nach hinten kommen?").

Insgesamt 2,6 Jahre lang auf Versammlungen

Michael Bantle hat ausgerechnet, dass Weiss seinen Abschied nach 27 Dorffesten und 900 Generalversammlungen nimmt. Er sei 2,6 Jahre lang auf den Mitgliederversammlungen der (derzeit) 28 Vereine gewesen. Und zu Johannes Blepp: "Wenn Sie die Arbeit genauso gut fortführen, dann werden Sie sich auch sehr wohl fühlen."

Udo Schlipf lobt Alfred Weiss und hebt Vertrauen, Verlässlichkeit und Verbundenheit zur Region hervor. Und Matthias Jetter schätzt besonders die hohe Lebensqualität und den Spaß bei der Arbeit, die es dank Alfred Weiss gegeben habe. Er spricht die hervorragende Zusammenarbeit zwischen Chef und Mitarbeitern an und bedankt sich extra. Weiss habe eine sehr hohe Motivation erzielt – auch weil er immer mit gutem Beispiel vorangegangen und ihm keine Arbeit zu schade gewesen sei.

Barbara Fischinger blickt auf die 40 Jahre zurück und stellt fest, dass er, der unermüdlich mit Elan und Schwung bei der Sache gewesen sei, das Feld sehr gut bestellt habe, dass ein guter Geist in der Gemeinde herrsche, dass es Alfred Weiss ein wichtiges Anliegen gewesen sei, ein harmonisches Mitein­ander innerhalb der Gemeinde zu entwickeln.

Und Rainer Hezel spricht die hervorragende Infrastruktur der modernen Gemeinde Bösingen an. Trotz der demographischen Entwicklung könne die Gemeinde zuversichtlich in die Zukunft blicken. Er erwähnt die Gemeinderatsarbeit in einer von gegenseitigem Vertrauen geprägten Atmosphäre. "Er war nicht nur Bauherr bei zahllosen Gebäuden, In­frastrukturmaßnahmen und Straßen, sondern auch Bauherr für ein friedliches Mitein­ander und für das Zusammenwachsen der beiden Ortsteile."

Und der Angesprochene selbst? Als Hobbysegler weiß er, dass ein Skipper nur so gut sei wie seine Crew. Und er habe immer eine gute Mannschaft an Bord gehabt. Alfred Weiss geht auf seine Anfänge, die Beschlüsse beider Altbürgermeister, Erich Hattler und Josef Bantle, ein, die sich bewusst für einen paritätisch besetzten Gemeinderat, für keine Ortschaftsräte, keine Ortsvorsteher, für einen Gemeindeverwaltungsverband mit Villingendorf und für keine Verwaltungsgemeinschaft entschieden hätten.

Maxime: Alle Bürger gleich behandeln

Seine, Weiss’ Maxime, alle Bürger haben die gleichen Bedürfnisse und seien gleich zu behandeln, habe zu überwiegend einstimmigen Beschlüssen im Gemeinderat geführt. Doch das neue Gefühl des Miteinanders habe man nicht geschenkt bekommen, dazu hätten alle Gemeinderäte beigetragen. Alfred Weiss vergisst in seiner Rede keinen und keine Institution. Er gibt sein Amt als zufriedener und glücklicher Mensch ab.

Johannes Blepp, sein Nachfolger, der in wenigen Wochen seinen Wohnort in Bösingen hat, wird mit gebotenem Ernst verpflichtet. Es liegt in der Natur dieses Abends, dass er, der in große Fußstapfen tritt, nicht im Mittelpunkt steht. Aber er wird von allen mit angemessenen, herzlichen und eindrücklichen Worten aufs Spielfeld der "sehr lebhaften, umtriebigen und liebenswerten Gemeinde" (Rainer Hezel) geschickt. Wie zum Beispiel von Karl-Heinz Bucher, der ihm einen Fußball zuwirft und ruft: "Das Spiel ist angepfiffen. Jung-Schultes, spiel gut."

Was bleibt außerdem haften? Dass Bösinger und Herrenzimmerner Ehrensalutschützen Handböller und Vorderlader (bis auf einen Spätzünder) trefflich bedienen können. Dass das Gedicht von Hermann Kammerer "Oh Heimat" über Bösingen, von Markus Fischinger als vierstimmigen Chorsatz vertont, vom Gesangverein in gewohnt hoher Qualität dargeboten wird. Dass der Schülerchor extra in den Ferien für seinen Auftritt geprobt hat. Und dass die Musikvereine beider Ortsteile wunderbar und harmonisch (!) zusammenspielen.

Am Rande: Vorbild

Andreas Pfannes

Ob jemand ein großer Mensch ist, lässt sich am be­sten von denen beurteilen, die täglich mit ihm – auch und vor allem im Kleinen – zusammenarbeiten. Alfred Weiss verdient dieses Attribut. Zu recht. Dass sein erster Mitarbeiter im Rathaus die hohe Lebensqualität und den Spaß bei der Arbeit betont, bei einer Arbeit, die mit unterdurchschnittlichem Personalbestand maximale Dienstleistung erbringt, sind Tatsachen, die jeder mit wachem Auge und Sinn feststellen konnte, der zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten dazukam.

Dies und Alfred Weiss’ Wirken in der Gemeinde haben maßgeblich zur Erfolgsgeschichte Bösingens seit 1975 beigetragen. Alfred Weiss ist, war auf seine Weise ein Vorbild im Amt. Ein Schultes im besten Sinne des Wortes. Sein Nachfolger hat es nicht leicht. Doch er hat Glück. Die Mannschaft bleibt an Bord. Jetzt liegt es an seinen Fähigkeiten, die Erfolgsgeschichte weiterzuschreiben.

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