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Baugebiet: Wie sich Beobachtungen in der Natur mit Ökopunkten verbinden / Erschließung und Name

So eben mal einen Bebauungsplan aufzustellen, damit Häuser wie Pilze aus dem Boden schießen können, ist natürlich eine Utopie. Weder in Zeiten mit Pandemie noch ohne. Immerhin: Bei "Eschle Ost II" hat die Gemeinde Bösingen eine weitere Hürde genommen.

Bösingen. Vorteil eines seit Jahrzehnten immer mehr verfeinerten Verfahrens ist die Möglichkeit, hin und wieder Einblick in das Tätigkeitsfeld von Behörden und Planungsbüros zu erhaschen. Schließlich gibt es die diversen Lei­stungen, die gefordert werden, nicht für lau. Und dieses Geld scheint mitunter schwer verdient.

Während auf der einen Seite das klassische Bebauungsplanverfahren mit den Stellungnahmen der Träger öffentlicher Belange und der Öffentlichkeit im Rahmen der Offenlage seit Jahrzehnten gängige Praxis ist, hat sich der Umweltbericht mit spezieller artenschutzrechtlicher Prüfung seit noch nicht allzu langer Zeit dazugesellt und beansprucht mittlerweile einen üppigen Rahmen.

Umwelt und Artenschutz

Da ist zum einen die Menge der Seiten, die produziert werden, aber gleichfalls die Zeit, die dahinter steckt. Im konkreten Fall stellt Ingenieur Martin Weisser (Büro Weisser und Kernl, Villingendorf) nach seinem eigentlichen Part besagten Umweltbericht des Büros Fritz und Grossmann Umweltplanung (Balingen) vor. Viel fehlt dabei nicht, und die Gemeinderäte sind reif für ein Biologie-Studium unter besonderer Berücksichtigung des Ökopunkte-Bilanzierens-und-Generierens.

Klingt leicht ironisch. Soll es aber (nicht nur) sein. Es ist beeindruckend, was hinter den mehr als 60 Seiten steckt. Da wurde in der Tier- und Pflanzenwelt beobachtet, gelauscht, gehört, gesichtet und geschaut. Feuersalamandern, Fledermäusen und Feldlerchen auf der Spur. Um nur einige zu nennen.

All das Erforschte in dem Areal und darum herum, das einmal in nicht allzu ferner Zukunft in Herrenzimmern in Fortführung des "Eschle Ost I" 23 Bauplätze geben soll, will schließlich dokumentiert werden. Fassbares Zeichen sind die Ökopunkte. Jene, die verloren gehen, wenn aus Feldern plötzlich Häuser und Erschließungsstraßen werden, und jene, die gewonnen werden, wenn an anderer Stelle – oder sogar direkt an Ort und Stelle – ein Ausgleich geschaffen wird.

Seien es Ausgleichsflächen wie im "Moos", zwischen Herrenzimmern und Bösingen gelegen – hier soll ein bestehender Blühstreifen mit spezieller Blumenmischung auf 30 Meter verbreitert werden –, sei es auf der Nordseite dieses Feldes eine zehn Meter breite Buntbrache, sei es ein Grüngürtel um das Baugebiet herum, seien es Steinansammlungen für den Feuersalamander, seien es Pflanzgebote für die Grundstückseigentümer.

Tipps für die Feldlerche

Es wird an vieles gedacht. Um zum Beispiel der Feldlerche, dem Vogel der Jahre 1998 und 2019, einen sichtbaren Hinweis zu geben, sein Revier doch zeitnah zu wechseln, sollen Holzpfosten mit rot-weißen Flatterbändern aufgestellt werden. Nebenbei: Die Verbreiterung des Blühstreifens dient vor allem dazu, dass sich beide Feldlerchenpaare nicht unnötig in die Quere kommen.

Als Charaktervogel der Felder und häufigster Bodenbrüter ist die Feldlerche von der Praxis der modernen, hoch-intensivierten Landwirtschaft unmittelbar betroffen, hat der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) vor zwei Jahren festgestellt.

Gemeinderäte, die sich in diese in sich logische Materie vertiefen, könnten durchaus in Versuchung kommen, das Angebot des Planers anzunehmen, einen Experten des Fachbüros bei Gelegenheit einzuladen, um weitere Details zu erfahren und zu fachsimpeln.

Nackte Zahlen

Für die praktische Arbeit reduziert sich in gewisser Weise diese bunte Welt auf ein paar nackte Zahlen: die Ökopunkte. Für den Komplex "Eschle Ost II" lauten die Zauberziffern: 8849 aus dem Umweltbericht und 63 817 aus dem "Blühstreifen". Dieses gut 70 000 Ökopunkte starke Gutachten ist einerseits auf dem Markt laut Martin Weisser im Schnitt etwa 90 Cent pro Punkt wert (nebenbei: ein Zukunftsmarkt für Landwirte) und dient andererseits auch dazu, zum Beispiel einen Malus in "Birkenweg West" zu beseitigen. Jenes kleine Baugebiet, in Bösingen Richtung Dunningen gelegen, umfasst drei Plätze. Außerdem wäre da noch ein Fauxpas der besonderen Art, der eine Klärung verlangt.

Dieser tangiert in gewisser Weise ebenfalls die Ökopunkte, wirft aber bei aufmerksamen Gemeinderäten, die sich die von den Behörden eingegangenen Anregungen ganz genau angeschaut haben, auf dem Papier und in natura, Fragen auf, die Bürgermeister Johannes Blepp gestellt werden.

"Ein weites Feld"

Konkret dreht es sich um Grünstreifen in den Baugebieten "Breite Wiesen IV", also jenseits des Lärmschutzwalls links am Ortseingang von Bösingen aus Richtung Herrenzimmern, und im "Berg", dem sonnigen Premiumgebiet in der Bösinger Ortsmitte.

Dort, so ist zu hören, soll aus dem Grün in einigen Fällen eine intensive Nutzung geworden sein. Pflaster und Garten statt der im Bebauungsplan vorgesehenen Flora. Dies im Zusammenhang mit einer möglichen Verpachtung dieser Flächen an die Anlieger.

Wie der Schultes auf den Hinweis von Bernadette Stritt antwortet, habe er ein Gespräch mit der zuständigen Fachkraft im Landratsamt geführt. Es sei zum Beispiel über Ökopunkte gesprochen worden. Und er habe mit den Grundstückseigentümern geredet. Jene sähen zum Beispiel Pflaster für ein Trampolin als keine Verfehlung im Sinne der Sache an. Holla! Blepps Fazit: "Ein weites Feld." Dieses will er selbstverständlich unermüdlich beackern und seine Ernte im Frühling oder Frühsommer im Gemeinderat einfahren.

Um künftig einen Blick auf all das Grün zu haben, so in der Causa Feldlerche, steht nach einem Jahr ein Monitoring der Ausgleichsflächen an. Und nach vier Jahren ein weiteres. Die Weiterentwicklung der Grüngürtel wiederum werden in erster Linie Mitarbeiter der Gemeinde nicht aus den Augen verlieren. Auf jeden Fall eine spannende Sache, die durchaus die Frage von Gotthard Mei nach diesen Kosten als berechtigt erscheinen lässt. Bisher seien sie bereits teilweise erfasst, teilt der Ingenieur mit.

Bereit für "Bantle"

Nach dem einstimmigen Satzungsbeschluss kann es demnächst in diesem Baugebiet losgehen. Als nächsten praktischen Schritt vergibt der Gemeinderat die Erschließungsarbeiten. Das günstigste Angebot gab die Firma Gebrüder Bantle (Bösingen) ab. Die 899 236,05 Euro haben einen Abstand von 6,3 Prozent zum zweiten Angebot der Ausschreibung.

Die Resterschließung des Baugebiets "Berg IV" liegt nach der Submission für diese öffentlichen Ausschreibung ebenfalls in den Händen der Firma Gebrüder Bantle. Ihre 647 610,02 Euro haben einen Abstand von 3,9 Prozent zum zweiten Angebot.

Beide Projekte umfassen nicht nur die reine Erschließung, sondern weitere Arbeiten: die Ergänzung der Straßenbeleuchtung in "Eschle" und Friedhofweg, der Ausbau des Gehwegs in der Zollernstraße, die Ergänzung der Straßenbeleuchtung im Bereich Hafnerstraße und Pfarrer-Uhl-Weg sowie die Sanierung der Felddränageleitung in der Harzwaldstraße.

Schlichem statt Donau

Nicht zuletzt hat sich die Verwaltung Gedanken gemacht, wie die neuen Straßen heißen sollen. Ihre Vorschläge lauten für die vierte Stichstraße im Gebiet "Berg" Donauweg, für die neue Ringstraße in "Eschle Ost II" Lembergstraße.

Während Lembergstraße allseits goutiert wird, regt Claudia Hirt Eschach- oder Schlichemweg an. Die Donau sei doch etwas zu weit weg. Da die Schlichem bei Epfendorf in den Neckar mündet, wird sie genommen.

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