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Bösingen Autismus: Wenn Gefühle Rätsel aufgeben

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Constance Maier aus Bösingen mag sich so wie sie ist. "Mein Leben gefällt mir", sagt die 22-Jährige. Foto: Maier

Bösingen - Constance Maier liebt Struktur, Sorgfalt und gute Geschichten. Dass sie Autistin ist, wurde ihr erst im Schulunterricht klar. heute sagt sie: "Ich gefalle mir so wie ich bin". Bis dahin war es jedoch ein weiter weg. Was ihre Eltern getan haben, wie ihr Leben aussieht, und wie sie selbst mit dem Autismus umgeht, lesen Sie in unserem (SB+)Artikel.

Bis dahin war es jedoch ein langer Weg. "Ich habe schon früh gemerkt, dass ich anders bin, konnte es aber nicht benennen. Ich dachte, das ist eben meine Art", erinnert sich die 22-jährige Bösingerin.

Ihre Eltern dachten anfangs, sie sei einfach zu faul zum Sprechen. Denn Constance Maier blieb schweigsam, bis sie ungefähr drei Jahre alt war. "Constance hat am Tisch kein Wort gesprochen und nur auf das Essen gezeigt", erzählt ihr älterer Bruder Lorenz. Mit der Diagnose Autismus wurde alles ein wenig leichter. Man wusste nun, womit man es zu tun hat.

Constance besuchte die Förderschule in Dunningen. Dass sie Autistin ist, wurde ihr erst so richtig bewusst, als das Thema im Unterricht behandelt wurde und sie viele Parallelen entdeckte. So war sie von den Kindern, die sich einen Spaß daraus machten, sie zu ärgern, genervt. "Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben."

Das ist noch heute so. Die 22-Jährige hat nicht gerne viele Menschen um sich herum. Sie zieht sich am liebsten in ihr Zimmer zurück und schaut Filme. Ins Kino geht sie nur ungern. Wenn sie Szenen sieht, die ihr unangenehm sind, hält sie sich Augen und Ohren zu und rennt aus dem Saal. Das habe in der Vergangenheit schon zu merkwürdigen Blicken geführt, erinnert sich Lorenz lachend. Constance reagiere so, weil sie ein unglaublich gutes Gedächtnis habe. Bilder und Gehörtes prägten sich bei ihr so stark ein, dass sie es immer wieder abrufen könne.

Klare Ansagen, Struktur und ein genauer Plan

Mit Menschen umzugehen, die sie ärgern, fiel ihr derweil sehr schwer, weil sie nur wenig empathisch ist. Umso leichter sei sie zu reizen, weiß Lorenz Maier. Auch heute hat Constance Probleme, Emotionen zu erkennen und zu benennen. "Ich weiß, wie sich Wut oder Angst anfühlen, aber bei anderen kann ich das nur schwer deuten. Vielleicht ist das der Grund, warum ich so gerne zeichne. Da sieht man die Emotionen genauer", meint die 22-Jährige.

Und wie verhält es sich mit dem Humor? "Manchmal muss man mir einen Witz erklären, aber dann finde ich ihn auch lustig. Das mit der Ironie fällt mir nur noch bei Fremden schwer", gibt die Bösingerin zu. "Conni kann selbst aber total witzig sein, manchmal natürlich auch unbewusst", meint Lorenz

Im Alltag brauche sie klare Ansagen, einen genauen Plan und Struktur. Constance besuchte ein Jahr lang die Maximilian-Kolbe-Schule in Hausen, wechselte dann auf die Jacob-Mayer-Schule Dunningen (Förderschule), holte ihren Hauptschulabschluss an der Nell-Breuning-Schule in Rottweil nach und machte danach eine Gehilfenausbildung zur Hauswirtschaftshelferin.

Nachdem sie einige Zeit als Zimmermädchen in einer Pension gearbeitet hatte, ist sie nun "Mädchen für alles" in einem Industriebetrieb. Dort sorgt sie vor allem für Sauberkeit – ihre Paradedisziplin, denn "Conni arbeitet deutlich gründlicher als andere", weiß ihr Bruder. "Ich will das ganz akkurat haben, sonst bin ich nicht zufrieden", sagt sie. Die Bösingerin arbeitet langsam, aber gewissenhaft. "Hetzen kann man sie nicht. Das Tempo erhöhen geht nur durch Routine", weiß Lorenz.

Diese Gewissenhaftigkeit legt Constance Maier bei allen Tätigkeiten an den Tag. Beim Kochen und Backen, zwei ihrer Lieblingsbeschäftigungen, weicht sie kein Gramm vom Rezept ab.

Telefonieren ist quasi unmöglich

Weil alles nach Plan ablaufen muss, gibt es im Alltag manches, was Constance nicht allein machen kann. Dazu zählt etwa das Telefonieren. "Sie braucht lange Denkpausen, was das Telefonieren quasi unmöglich macht, weil das Gegenüber denkt, sie hat aufgelegt", weiß Lorenz. "Anfangs habe ich auch genickt und gestikuliert, bis ich verstanden habe, dass der andere das ja nicht sehen kann."

Einkaufen und Bus fahren kann die 22-Jährige, alleine leben hingegen nach ihrer Einschätzung nicht. "Ich brauche Hilfe, auch wenn ich schon große Fortschritte gemacht habe." Ein Beispiel dafür ist der Führerschein. Inzwischen hat sie die Bereitschaft aufgebracht, das Projekt in Angriff zu nehmen. Jahre zuvor sei das nicht denkbar gewesen, so Lorenz.

Das Problem: Im Straßenverkehr läuft selten alles geregelt ab. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, könnte das ernste Folgen haben. "Meine Entwicklung läuft sehr langsam ab. Trotzdem möchte ich irgendwann auf eigenen Beinen stehen", sagt Constance Maier.

Problem mit "aufdringlichen Menschen"

Auch in Sachen persönliche Kontakte hat sich die 22-Jährige gemacht. Früher fiel es ihr schwer, neue Leute kennenzulernen. Mittlerweile ist sie viel offener geworden. "Nur mit aufdringlichen Menschen habe ich nach wie vor Schwierigkeiten", sagt sie.

Und bei ihren Freunden reicht es ihr, sie alle paar Monate zu sehen. Constance ist lieber für sich. "Ich gehe auch nicht auf Partys. Ich mag weder die Lautstärke, noch die grellen Lichter, noch, was die Leute hören." Stattdessen steht die Bösingerin auf Heavy Metal und Mittelaltermusik. Zu dieser könne sie sich stundenlang in ihrem Zimmer drehen. Aber auch Kinderlieder hört sie gern. "Im Inneren bin ich noch ein Kind. Da ist mir die Meinung der anderen egal." Ansonsten lebt sie für gute Geschichten – ob in Büchern, Liedern oder Filmen.

"Conni ist sehr intelligent, hat ein gutes Gedächtnis und eine große Auffassungsgabe", sagt ihr Bruder Lorenz. Dennoch komme nicht jeder mit ihrer Art klar. "Ich will einfach nur so gemocht oder akzeptiert werden wie ich bin", meint die 22-Jährige. "Macken hat jeder – Autist oder nicht." Sie will sich nicht verstellen müssen.

Früher habe sie sich manchmal gewünscht, "normal" zu sein, heute sehe sie, dass der Autismus sie einzigartig mache. "Ich bin ein guter Mensch. Ich gefalle mir so, und mein Leben gefällt mir auch so."

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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