Das Pharmaunternehmen Biontech hat durch Corona-Impfstoffe wie Comirnaty eine sensationelle Wertsteigerung in kürzester Zeit erlebt. Foto: AFP/Thomas Kienzle

Noch ist der Börsenwert ein gängiger Maßstab, aber Investoren berücksichtigen auch immer mehr andere Faktoren.

Frankfurt - Der Impfstoffhersteller Biontech sorgte Anfang August für eine kleine Sensation. Das erst seit gut einem Jahr der breiteren Öffentlichkeit bekannte Unternehmen kletterte quasi über Nacht in die Riege der wertvollsten Unternehmen der Welt auf, wurde an der Börse mit mehr als 100 Milliarden Dollar (rund 84,8 Milliarden Euro) bewertet. Plötzlich war Biontech damit auf Augenhöhe mit den etablierten Unternehmen der deutschen Börsenelite, lag nur knapp hinter dem Softwareriesen SAP, Volkswagen und Siemens, hatte zu dem Zeitpunkt sogar Großkonzerne wie die Allianz oder Daimler hinter sich gelassen. Auslöser des Höhenflugs, der den Börsenkurs allein an einem Tag um ein Viertel nach oben katapultierte, war die Spekulation, dass der von Biontech entwickelte und gemeinsam mit Pfizer vertriebene Covid-Impfstoff im September zumindest in den USA die endgültige Zulassung bekommen würde. Wenige Tage später folgten bombige Quartalszahlen und ein Ausblick, der der kleinen Mainzer Firma eine rosige Zukunft verspricht.

 

Was wird aus Biontech nach der Coronakrise?

Aber ist Biontech damit tatsächlich zu einem der wertvollsten deutschen Unternehmen geworden? Im Moment gilt das angesichts der anhaltenden Bedrohung durch die Coronapandemie wohl durchaus. Aber ist das erst 2008 gegründete Unternehmen mit 2000 Mitarbeitern vergleichbar mit Industrieriesen wie dem 1847 gegründeten Siemens-Konzern oder dem Autobauer Volkswagen mit über 660 000 Beschäftigten weltweit? Auf der Rangliste der wertvollsten deutschen Unternehmen rangiert zumindest die SAP immer noch an erster Stelle, gefolgt von Volkswagen und Siemens.

Faktoren wie Klimaschutz werden zunehmend wichtiger

Der Unternehmenserfolg werde sich möglicherweise schon bald nicht mehr an Zahlen messen lassen, meint etwa Nicole Richter von der Unternehmensberatung EY: Der Klimawandel sei die große Herausforderung unserer Zeit – und die Unternehmen müssten ihre Leistungen in diesem Bereich deutlicher als bisher herausstreichen. Der Gesetzgeber, aber auch Kunden und Investoren würden von den Unternehmen einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz fordern. Zwar würden heute schon viele Firmen einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen und über Umweltbelange, Arbeitsschutz und Menschenrechte oder soziales Engagement informieren – „doch im Vergleich zu den Finanzkennzahlen machen solche Angaben mit etwa zehn Prozent nur einen sehr kleinen Teil der Bilanz aus“, kritisiert die EY-Beraterin. Zudem seien die Angaben oft wenig detailliert. Viele Unternehmen beschränken sich darauf aufzuzeigen, wie sich der Klimawandel auf ihre Produktion, Standorte oder Beschäftigten auswirkt. Wesentliche Fragen bleiben dabei ungeklärt – vergleichbar sei das nicht.

Der Höhenflug der Aktie hat Gründe

Vergleichbar ist aber der Börsenwert – wobei auch da die Vergleichbarkeit durchaus Grenzen hat. So ist etwa der Biontech-Höhenflug auch damit zu erklären, dass die Aktie an der US-Technologiebörse Nasdaq notiert ist. Hierzulande gebe es weder die richtigen Investoren noch das sonstige Umfeld aus Banken und Analysten, die sich auf dem Gebiet auskennen, meint Friedrich von Bohlen. Er ist Geschäftsführer der Dievini Hopp Biotech Holding, die maßgeblich am Biontech-Konkurrenten Curevac beteiligt ist, der auch den Schritt an die amerikanische Börse gewählt hat, dort aber aktuell nur auf eine Bewertung von rund fünf Milliarden Dollar kommt.

Nicht auf der Liste der zehn größten deutschen Konzerne taucht auch der Gasehersteller Linde auf, der seinen Sitz nach der Fusion mit der amerikanischen Praxair nach Irland verlegt hat. Dabei ist Linde nach wie vor im deutschen Leitindex Dax notiert und kommt auf eine Marktkapitalisierung von rund 136 Milliarden Euro. Auch der Pharmakonzern Merck taucht in solchen Listen nicht auf, obwohl er gemessen am Börsenwert mit rund 85 Milliarden Euro noch vor Daimler liegen würde – Merck ist aber eine Kommanditgesellschaft (KG) auf Aktien, das Geschehen bestimmen nicht die Aktionäre, sondern die Gesellschafter der KG. Auch bei Bosch werden Strategie und Zukunft von der Industrietreuhand festgelegt – und so zählt auch dieses „Familienunternehmen“ trotz seiner Größe und seines wirtschaftlichen Erfolgs nicht zur Riege der zehn wertvollsten deutschen Börsenunternehmen. Nur die indische Tochter ist an der Börse in Mumbai notiert – und dort den Investoren immer hin mehr als fünf Milliarden Dollar wert.

Deutsche Konzerne spielen eine untergeordnete Rolle

In der Rangliste der wertvollsten Unternehmen spielen deutsche Konzerne aber nach dieser Bewertung ohnehin nur eine untergeordnete Rolle. Weltweit führend ist der Computerkonzern Apple mit einem Marktwert von 2,3 Billionen Dollar, gefolgt von dem saudi-arabischen Ölkonzern Saudi Aramco, der den Investoren auch fast 1,9 Billionen Dollar wert ist.