Böblinger IT-Unternehmen Motivation durch Freiheit – „Wir zwingen Mitarbeiter nicht ins Büro“

Daniel Gräfe
Margit Ciupke ist Personalchefin von HPE Deutschland in Böblingen. Foto: HPE/Montage: Ruckaberle

HPE setzt in seiner Böblinger Deutschland-Zentrale auf Vertrauen statt Kontrolle – und schickt Väter und Mütter für ein halbes Jahr in bezahlten Elternurlaub. Aber weshalb?

„Wir machen das aus Überzeugung“, sagt Margit Ciupke, Personalchefin bei Hewlett Packard Enterprise (HPE) in Deutschland. Das Unternehmen, das seine Deutschland-Zentrale in Böblingen hat, bietet allen Beschäftigten für ein halbes Jahr bezahlten Elternurlaub. Auch sonst lässt HPE viel Freiheit – so lange die Leistung stimmt. Im Interview erklärt die HPE-Personalchefin, warum.

 

Frau Ciupke, ein halbes Jahr bezahlter Elternurlaub – wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Modell?

Es ist ein weltweites Programm von HPE. Damit wollten wir die Mitarbeitenden, vor allem die jüngeren, an uns binden. Wir konkurrieren weltweit um die besten Talente. Da muss man auch mal investieren.

Sie selbst haben Elternurlaub genommen – wie war es bei Ihnen?

Ich war ein Jahr in Elternzeit, das erste halbe Jahr bezahlte HPE mein volles Gehalt, dadurch wird auch der Staat entlastet. Mir hat es vor allem das Gefühl von Unabhängigkeit gegeben – normalerweise ist man nach der Geburt des Kindes finanziell vom Partner abhängig. Außerdem hat es mein Selbstwert- und Sicherheitsgefühl gestärkt, das war eine wunderbare Erfahrung.

Wie viele Beschäftigte haben seit 2019 Elternurlaub genommen?

Knapp 180 von rund 1800 Mitarbeitenden in Deutschland. Wir gehen davon aus, dass damit alle Berechtigten den Elternurlaub genutzt haben: Bei den Frauen bekommen wir es mit; bei den Männern nur, wenn sie uns mitteilen, dass sie Nachwuchs bekommen.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Viele Väter teilen das halbe Jahr Elternurlaub in zwei Teile auf, damit sie thematisch nicht den Anschluss verlieren. Die Frauen nehmen in der Regel das halbe Jahr am Stück. Ein Drittel der Antragsteller waren Frauen und zwei Drittel Männer – was auch dem Anteil der Geschlechter in unserer Belegschaft entspricht.

Was ist ihre Zwischenbilanz?

Wir haben mit dem Elternurlaub sehr gute Erfahrungen gemacht. Unsere Mitarbeiter wissen das Programm sehr zu schätzen und geben dies über Motivation und Leistung zurück. Es stärkt die Bindung unserer Mitarbeiter an das Unternehmen in einer ganz wichtigen Lebensphase. Von denjenigen, die den Elternurlaub genommen haben, haben nur sehr wenige das Unternehmen verlassen.

Gab es Bedenken, dass der Elternurlaub zum Karrierehindernis werden könnte?

Wir haben von Anfang an kommuniziert, dass der Elternurlaub keine negativen Auswirkungen hat. Auch in der Praxis konnten wir nie einen Karriere-Knick erkennen. Den Elternurlaub haben auch Führungskräfte in Anspruch genommen. Ich selbst habe nach meinem Elternurlaub meine neue Stelle als Personalchefin angetreten, weil mein Vorgänger in Rente ging.

Bei etlichen Unternehmen gibt es einen Gegentrend: Mehr Kontrolle als Vertrauenskultur, mehr Büro als Homeoffice. Wie sehen Sie das?

Wir zwingen die Mitarbeiter nicht in die Büros. Wir wollen ein möglichst gutes Arbeitsumfeld schaffen. Dazu gehört auch, die Balance zwischen Arbeit und Familie und Privatleben zu verbessern, Vertrauensarbeitszeit und eine Unternehmenskultur, die auch Fehler zulässt. Das wirkt sich positiv auf die Motivation, Leistung und Loyalität aus.

Etliche US-Konzerne nehmen unter US-Präsident Trump Abstand von Diversität. Schert hier HPE unter Unternehmenschef Antonio Neri aus?

Antonio Neri hält weiter an der HPE-Unternehmenskultur fest. Wir machen das aus Überzeugung, es gibt keinen Grund, hier eine andere Richtung einzuschlagen. Wir halten die Regularien ein, lassen uns aber nicht vorschreiben, wie ein Unternehmen zu führen ist.

Auch IT-Unternehmen bieten über 60-Jährigen oft eher Vorruhesstand-Regelungen an, als bis zum regulären Rentenalter auf ihre Expertise zu setzen. Wie ist das bei HPE?

Wir bieten Arbeitszeitkonten an, dass sie früher in die Rente gehen können. Aber das entscheidet jeder selbst.

Wenn sich in der nächsten Woche viele Endfünfziger oder Sechzigjährige bei Ihnen bewerben würden, wie gut wären die Chancen?

Das kommt darauf an, was wir suchen: vor allem viel Erfahrung, tiefgehende technische Expertise und Kundenkontakte, die viel Seniorität erfordern – oder jüngere Mitarbeiter, die sich frisch bewähren sollen. Aber wir erhalten viele Bewerbungen – von Jüngeren wie von Älteren.

Nach der Elternzeit in den Vorstand

Person
Margit Ciupke arbeitete nach dem Jura-Studium zunächst als Syndikusanwältin für Arbeitsrecht am Landgericht Heilbronn. Seit 2017 leitet sie die Personalabteilung von HPE Deutschland. In die Geschäftsführung wurde Ciupke 2022 berufen – direkt nach einer einjährigen Elternzeit.

Unternehmen
HPE zählt zu den weltweit führenden Anbietern für Software und IT-Dienstleistungen für Unternehmen. HPE entstand, als die Hewlett-Packard Company 2015 aufgespalten wurde. Das Geschäft mit PCs und Druckern wird seitdem von HP Inc. geführt. In Deutschland zählt HPE noch rund 1600 Beschäftigte, rund 620 arbeiten in der Böblinger Deutschland-Zentrale.