Wie hoch ist der „Body Count“ – auf Tiktok ist das Thema unzähliger Videos. Ein paar Sexualpartner zu haben, kann eine gute Erfahrung sein, erklären Sexualtherapeutinnen. Aber manchmal will man damit auch etwas kompensieren.
Sucht man im Internet nach der „richtigen“ Anzahl an Sexpartnerinnen und Sexpartnern, geht’s vogelwild zu: Eine britische Umfrage will herausgefunden haben, dass es Männern sowie Frauen am liebsten sei, wenn der jeweilige Partner mit acht bis zwölf Menschen im Bett war. Auf der Plattform Tiktok fragen sich junge Menschen gerne nach dem „Body Count“ – also der Anzahl der bisherigen Sexualpartner. Die Antworten liegen zwischen null und irgendwo jenseits der 30. Und britische Forscherinnen und Forscher haben 2016 in einer Studie herausgefunden, dass sich Männer und Frauen bei Partnern zwei bis drei vorhergehende Sexualpartner wünschen. Das widerspricht auch der These, dass Promiskuität bei Männern mehr toleriert wird als bei Frauen – zumindest in Beziehungen.
Männer übertreiben bei Sexpartnern, Frauen untertreiben
Die tatsächlichen Durchschnittswerte liegen in Deutschland aber höher. Männer hatten durchschnittlich 9,8 und Frauen 6,1 Sexualpartnerinnen oder Sexualpartner, ergab die Studie zu Gesundheit und Sexualität in Deutschland von 2019, die unter anderem vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) durchgeführt wurde. Diese Zahl gibt den Durchschnitt über alle Altersgruppen hinweg an. In der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen sind es noch etwa vier Sexualpartner, in den Altersgruppen darüber steigt die Zahl aufgrund längerer sexuell aktiver Zeit an.
Aufgrund sozialer Erwartungen hätten Männer die Tendenz, „sich als sexuell erfahren und aktiv darzustellen“, heißt es in der Studie. Frauen erwarteten bei der Angabe einer hohen Partnerzahl eher eine negative Beurteilung und würden diese daher eher kleiner darstellen. In anderen Worten: Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte zwischen 9,8 und 6,1, also bei etwa acht Sexualpartnern.
Ein hoher Body Count macht einen nicht zum besseren Liebhaber
Die eigentliche Frage ist aber: Was verrät der „Body Count“ über einen Menschen? „Die Zahl sagt nichts über die Qualität des Sex aus“, sagt die Münchner Paar- und Sexualtherapeutin Heike Melzer.
Aber braucht es nicht ein paar Sexualpartner, um etwas über die eigene Sexualität zu lernen? „Es gibt einen Unterschied zwischen ein oder zwei und zehn Sexualpartnern“, sagt Julia Henchen, Sexualtherapeutin aus Tiefenbronn. Anfangs könne man lernen, dass jeder Mensch unterschiedlich sei, was eine Person gut finde, klappe bei einer anderen nicht. Zudem könne man durch andere Menschen neue Erfahrungen machen, man werde vielleicht auf eine Art berührt, die man zuvor nicht kannte und die man gut finde. „Die Frage ist, wie viele Sexualpartner brauche ich, um das zu verstehen“, sagt Henchen. Irgendwann kommt wohl kein großer Erkenntnisgewinn mehr dazu.
Noch nie mit jemanden geschlafen zu haben, sei durchaus schambehaftet, sagt die Münchner Paar- und Sexualtherapeutin Heike Melzer, und das Vergleichen der Anzahl von Sexualpartnern übe durchaus Druck aus. „Aber wenn es eine Handvoll, vielleicht auch zwei oder vier Hände voll an Sexualpartnern sind, dann ist noch alles im grünen Bereich“, sagt Melzer.
Sex für den eigenen Selbstwert
Aber habe man das Bedürfnis, immer wieder mit weiteren Menschen zu schlafen, könne ein ängstlicher oder vermeidender Bindungstyp dahinter stecken, sagt Julia Henchen. Heike Melzer meint: „Vielleicht brauche ich diesen ständigen Belohnungsreiz durch Sex mit anderen Menschen. Das könnte bedeuten, dass ich keine Selbstsicherheit in mir habe, und ich versuche über die Sexualität eine Wertigkeit in mir selbst zu finden.“
Und es gibt zudem Studien, die nahelegen, dass Menschen mit vielen Sexualpartnern kürzere Beziehungen führten. Für Heike Melzer ist das logisch. „Wenn ich viele Sexpartner habe, kann ich nicht viele Beziehungen führen“, sagt Melzer.