Das Gesellenstück, eine Eigeninterpretation der Heiligen Dreifaltigkeit, zieht viel Aufmerksamkeit auf sich und öffnet Erik Seimel Türen. Foto: Holzer-Rohrer

Ohne Handy, Internet oder Geld begibt sich Erik Seimel aus Bochingen auf eine drei Jahre währende Wanderschaft, bei der der Handwerksgeselle viel erleben wird.

Von Emotionalität geprägt war der Abschied der Bochinger von dem jungen Handwerksgesellen Erik Seimel, der sich vor wenigen Tagen auf die Walz begeben hat, bereit sich den Herausforderungen eines Lebens auf der Wanderschaft zu stellen. Damit zählt er zu den weniger als 0,5 Prozent der Handwerksgesellen, welche die Walz als „einzigartige persönliche und berufliche Entwicklungschance“ nutzen.

 

Denn weltweit zu arbeiten, andere Regionen, Kulturen und Menschen kennenzulernen, den beruflichen Wissensfundus anzureichern mit neuen Arbeitsweisen und Techniken, lernen von unterschiedlichen Meistern und vor allen Dingen auf ganz breiter Basis seine künstlerischen Spuren zu ziehen – auf dieses Leben blickt Erik Seimel mit Neugier, Spannung, Begeisterung und einer ihm so eigenen Leidenschaft des Holzbildhauers.

Drei Jahre und ein Tag

Im Gespräch ist seine Erwartungshaltung und Sehnsucht gleichermaßen zu spüren, in diese neue, so ganz andere Welt einzutauchen, wohlwissend, dass er sich für den „besten, aber auch schwierigsten Weg des Lernens und Weiterkommens entschieden hatte“. Unter 27 Jahren, unverheiratet, straf- und schuldenfrei – so die allgemeinen Voraussetzungen für die Walz, die seit 2015 zum immateriellen Kulturerbe der Unesco zählt. Kein Auto, kein Handy, kein Internet, kein Geld für Fortbewegung und Unterkunft – lediglich in typischer Kluft, mit Stenz (Wanderstab) und dem Allernötigsten in einem Tuch gebündelt (Charlottenburger) – so wird er unterwegs sein, in der Regel anfangs im deutschsprachigen Raum, dann europaweit und im dritten Jahr weltweit.

Die Idee, für drei Jahre und einen Tag das bisherige Lebensumfeld, Familie, Freunde, Musikerkameraden, Hobbys hinter sich zu lassen, sich aus dem Bannkreis von 50 Kilometern zu begeben, Verzicht zu üben für eine wohl einmalige Lebenserfahrung – hat Erik Seimel wirklich gründlich reifen lassen. Denn erstmals beschäftigte ihn dieser Gedanke während seiner Lehre zum Zimmermann, welcher er dann aber doch ein Gesellenjahr folgen ließ.

Als Holzbildhauer auf Wanderschaft

Immer präsent war seine Liebe zur Bildhauerei, ließ sie doch dem künstlerischen Ausdruck Raum – für Erik Seimel die perfekte Ergänzung zur technischen Ausbildung als Zimmermann. So bewarb er sich bei der Staatlichen Berufsfachschule für Bildhauer und Schnitzer in Oberammergau mit einer überzeugenden Mappe an Zeichnungen, Skizzen und Fotos seiner gestalterischen Arbeiten.

Bedingt durch die Praktika bei mehreren Bildhauern im Rahmen der Ausbildung erkannte er den Mehrwert, die Bedeutung der Offenheit und Aufnahmebereitschaft für anderes künstlerischen Denken und technisches Arbeiten, um sich nicht in einem „Tunnelblick“ zu verlieren. Diese Erfahrung löste dann schon im ersten Lehrjahr seinen Entschluss aus, als Holzbildhauer auf die Wanderschaft zu gehen.

Einer der 15 Besten

„Die Prüfungstage haben mir unheimlich Spaß gemacht“, sagt der Wandergeselle und zeigt stolz auf sein sakrales Gesellenstück, eine so filigrane, ja schwebende Darstellung der „Dreifaltigkeit“, ein starker Ausdruck dessen, dass Erik Seimel seine künstlerische Formsprache gefunden hat – das primäre Ausbildungsziel der Schnitzschule. Wie sehr seine Werke Anklang finden, zeigte sich bei den Ausstellungen in der Schnitzschule, die ihm Auftragsarbeiten, Angebote von Bildhauern, ein Stipendium in der Uckermark, ein Aufenthalt in Südtirol und die Einladung zum Showschnitzen auf dem Düsseldorfer Weihnachtsmarkt einbrachten.

Denn er zählte zu den 15 besten Absolventen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – was das Interesse an seiner Person und seinem Handwerk zusätzlich verstärkte. Nun ging’s tatsächlich Schlag auf Schlag. Im Juli 2025 legte er die Gesellenprüfung ab und während einer Aktionswoche der Gesellenvereinigung „Rolandsschacht“ entschied er sich, seine Wanderschaft im Netzwerk der Rolandsbrüder anzutreten und deren Regeln einzuhalten.

Gleich mehrere Rituale

So empfing die Familie Seimel den Rolandsbruder und erfahrenen Exportgesellen Karl Bosse, der eine vierjährige Walz hinter sich hat. Er wird mit seinem Aspiranten Erik (Geselle in der Probezeit der Walz) vier Monate unterwegs sein, um ihn auf die Traditionen, Bräuche und das Leben auf der Walz vorbereiten und in die Selbstständigkeit als Wandergeselle führen. Bereits am Vortag des Aufbruchs sammelten sich die Menschen um Erik, seine Eltern und seinen Bruder, zu einem letzten Händedruck, einer Umarmung und alle guten Wünsche mit auf den Weg zu geben.

Die Bochinger Musikkapelle spielte zum abendlichen Abschiedsfest und sie holte ihn auch ab, um Exportgeselle Karl und Aspirant Erik musikalisch aus dem Dorf hinaus zu begleiten. Über 100 Menschen folgten dem Zug zum Ortsschild, an welchem bereits die erste Herausforderung wartete. Denn er musste mit einem Löffel ein 60 Zentimeter tiefes Loch in die gefrorene Erde graben, während die Umstehenden in dicke Mäntel und Mützen gepackt geduldig ausharrten. Man wollte ihm mit Spaten und Messer aushelfen, doch Karl Bosse untersagte die Hilfsmittel, denn dieser Brauch mache deutlich, dass die Walz keine einfache Zeit markiere.

„Stolz, dass er seinen Traum lebt“

Exportgeselle und Aspirant verabschiedeten sich von jedem Einzelnen, dann wurden Stent und Charlottenburger über das Ortsschild geworfen und als letzte rituelle Handlung musste auch Erik Seimel über sein „Bochingen“ klettern. Verboten, der Blick zurück, doch im Rücken die vielen Blicke der Menschen mit gemischten Gefühlen und die begleitenden Klänge der Blasmusik.

„Wir lassen ihn nur schwer ziehen, sind aber stolz, dass er den Mumm hat, diesen seinen Traum zu leben“ sagen die Eltern Ina und Ferdinand Seimel. Der Sohn drückte es so aus: „Es gibt mir ein gutes Gefühl zu gehen, weil ich weiß, dass ich zurückkehren werde in meine Heimat, mit der ich so tief verwurzelt bin, zu meiner Familie, die auf mich wartet, zu meinen Freunden, den Musikkameraden und in meine Werkstatt, in der ich dann das umsetzen werde, was ich an Erfahrungen gesammelt habe.“

Und wenn nun die Hochtage der Fasnet anbrechen, dann ist Erik Seimel doch irgendwie präsent in den vielen Masken, die seiner künstlerischen Formsprache Ausdruck verleihen.