Nach der Bluttat in Albstadt herrscht bei der Familie Verzweiflung, bei der Bevölkerung Fassungslosigkeit. Die Polizei ermittelt derweil fieberhaft.
Albstadt - Herzzerreißende Szenen spielen sich am Donnerstagmittag am Ebinger Ziegelplatz ab. Kaum 24 Stunden ist es her, dass dort ein 23-jähriger Mann angeschossen wurde, der später seinen Verletzungen im Krankenhaus erlag. Die Leiche einer ebenfalls getöteten 20-Jährigen wurde am Mittwochabend in einem Ebinger Gartengrundstück ausgegraben. Der junge Mann und die junge Frau namens Sandra Q. waren verwandt, die Taten stehen in Zusammenhang, ein Tatverdächtiger wurde bereits am Mittwoch festgenommen.
An einer Straßenlaterne am Ziegelplatz haben Passanten Kerzen angezündet, rote Rosen und Bilder der beiden Getöteten kleben am Pfahl der Laterne. "Ich werde Euch nie vergessen", steht dort geschrieben. Immer wieder kommen Familienangehörige der Opfer an diese Stelle, sie weinen laut, streicheln die Bilder. Passanten und ein Fernsehteam bleiben stehen, halten sich respektvoll im Hintergrund – und können es einfach nicht fassen, was da passiert ist. Das Weinen der Angehörigen fährt in Mark und Bein, auch Außenstehende kämpfen mit den Tränen. Plötzlich tropft es auch vom Himmel.
"Ganz Ebingen hat ihn geliebt!"
Das italienische Restaurant, das die Familie des 23-jährigen Christian Z. am Ebinger Ziegelplatz betreibt, ist bis auf Weiteres geschlossen. Die Familie befindet sich im Schockzustand; der Vater Ignazio Z. ist außer sich vor Verzweiflung. Sein Sohn habe das tote Mädchen seit früher Kindheit gekannt, geahnt, dass sie in Schwierigkeiten sei, und ihr helfen wollen.
Der mutmaßliche Täter, Z. spricht in der Erregung von "Mörder", habe ihn aus dem Haus geklingelt; Christian sei arglos – in Pantoffeln – herausgekommen und dann angeschossen worden. Er habe noch versucht, über den Platz zu fliehen, aber dann sei abermals geschossen worden. "Mein Sohn war ein Prinz, ganz Ebingen hat ihn geliebt! Was uns geschieht, das wünsche ich niemandem." Seit 1962 lebe die Familie in Deutschland; man habe immer geglaubt, dies sei ein sicheres Land. "Es ist kein sicheres Land!"
Polizei krempelt die Ebinger Innenstadt um
Unterdessen krempelt die Polizei die Ebinger Innenstadt um: Die Zufahrtsstraßen sind mit Polizeifahrzeugen abgesperrt. "Die Kollegen durchsuchen die Innenstadt nach Beweismitteln", sagt einer der Beamten. Autos dürften deshalb nicht hereinfahren.
Ein paar Schritte weiter wird klar, was der Polizist meint, auch in den Straßen um den Ziegelplatz ist nichts mehr so, wie es war: überall Polizei. Dutzende Beamte sehen in jeden kleinen Winkel, heben mit großen Schaufeln alte Schneehaufen um, und sie sehen sich jede blaue Papier-Tonne an, kippen sie auf die Straße aus. Der Wind treibt lose Papierfetzen über Bürgersteige und die leer gefegte Fahrbahn.
Von den Bürgersteigen sind erregte Wortfetzen zu hören. Die vielen Fußgängergruppen sprechen nur über dieses eine Thema: "Was da passiert ist, das ist total krank", sagt eine zweifache Mutter, die schockiert die Polizei bei ihrer Arbeit beobachtet. "Die beiden waren noch so jung. Es tut mir so leid", sagt die Frau. "Ganz Ebingen ist schockiert", meint sie, und dass sie ihre Kinder jetzt gar nicht mehr allein zur Schule laufen lassen möchte. "Als ich jung war, war es in Ebingen sicherer", sagt sie. Da habe man auch um 3 Uhr in der Nacht unterwegs sein können...
Egal wo man hinhört – alle reden darüber
Ein Mann läuft die Straße entlang, spricht mit einem anderen: "Es tut so weh. Die Frau wohnte doch hier." Der Doppelmord von Albstadt beschäftigt die gesamte Stadt. Eine Anwohnerin am Ziegelplatz fegt Herbstlaub vom Bürgersteig. Sie habe von den Schüssen nichts mitbekommen, sagt sie. Gegen 12.30 Uhr am Mittwoch sei sie vor die Haustür, und habe sich nur gewundert, dass so viel Polizei da sei.
Genauso erging es der Inhaberin eines Elektrohauses in der Nähe. Sie habe nur in die Mittagspause gehen wollen. "Ich war gerade dabei, das Geschäft abzuschließen, als ich plötzlich die vielen Beamten gesehen habe." Auch sie habe keine Schüsse gehört. "Ich bin sehr schockiert. Ganz Ebingen ist schockiert", sagt sie noch, dann kommen Kunden zur Tür herein. "Ich muss jetzt", sagt ihr Blick.
Bürgermeister: Dankbar, dass Täter gefasst ist
Oberbürgermeister Klaus Konzelmann war, bevor er ins Amt gewählt wurde, Kriminalpolizist und hat manches erlebt; seinen Gemütszustand beschreibt er am Donnerstagmittag dennoch mit den Worten "empört, bestürzt, ohne Worte". Gewiss, man lese in der Zeitung jeden Tag von Gewaltverbrechen, aber dass es jetzt mitten in Albstadt und noch dazu kurz vor Weihnachten passiere, das sei schwer zu begreifen. "Die beiden jungen Leute hatten doch noch das Leben vor sich." Immerhin, der Täter sei gefasst; dafür könne man dankbar sein. "Ich hoffe jetzt nur, dass es nicht noch weitere Opfer gegeben hat."
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