Auf dem Ziegelplatz wurde der 23-jährige Christian Z. erschossen. Foto: Nölke

Am Anfang stand die Suche nach einer in Albstadt vermissten jungen Frau. Am - vorläufigen - Ende stehen zwei Verbrechen, die fassungslos machen. Was war passiert? Ein Überblick.

Sonntag, 18. Dezember 2022, 8 Uhr: Am frühen Sonntagmorgen wird die 20 Jahre alte Sandra Q. zuletzt gesehen, dann verlieren sich ihre Spuren. 

Dienstag, 20. Dezember, 12 Uhr: Umfangreiche Suchmaßnahmen – unter anderem fliegt am Dienstag ein Polizeihubschrauber über den Albstädter Teilort Ebingen und den südlichen Talgang – laufen ins Leere. Am Nachmittag startet die Polizei mit der Öffentlichkeitsfahndung.

Mittwoch, 21. Dezember, 12 Uhr: Die Ereignisse überschlagen sich. Auf dem Ziegelplatz fallen Schüsse. Nicht wahllos, soviel ist rasch klar. Sie gelten einem 23-Jährigen. Der Täter hatte Christian Z. offenbar vor der Pizzeria seines Vaters aufgelauert. Das Opfer wird schwerst verletzt, die Ärzte im Zollernalb-Klinikum können sein Leben nicht retten. Wenig später wird ein Tatverdächtiger festgenommen. Der 52-Jährige trägt die Waffe noch bei sich.

Mittwoch, 21. Dezember, 16 Uhr: Erste Informationen der Polizei deuten darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen den Schüssen auf den 23-Jährigen und der vermissten 20-Jährigen geben könnte. Der mutmaßliche Schütze ist mit Sandra Q. verwandt. Auch zwischen der 20-Jährigen und dem Todesopfer soll es eine Verbindung geben.

Mittwoch, 21. Dezember, 19 Uhr: Bei der Vernehmung des Tatverdächtigen gibt dieser den Beamten einen Hinweis auf den Verbleib der Vermissten. Sie hatte in einer eigenen Wohnung im selben Haus gelebt wie der Verdächtige. Die Ermittler beginnen daraufhin im Garten des Tatverdächtigen zu graben, finden dort die Leiche einer Frau. Es ist wohl - die Polizei spricht noch am Abend von einer "hohen Wahrscheinlichkeit" - die Vermisste. Auch sie wurde getötet. Und wieder fällt der Verdacht auf den 52-jährigen Verwandten. Hat er sie ebenfalls getötet?

Donnerstag, 22. Dezember,  10 Uhr: Am Ziegelplatz, dem Ort der tödlichen Schüsse auf Christian Z., haben Freunde und Familienangehörige Kerzen und Blumen niedergelegt. An der Laterne, an der der junge Mann zusammengebrochen war. Bilder der beiden Opfer kleben am Laternenmast. Immer wieder kommen Freunde und Verwandte an den Ort des Geschehens, brechen in Tränen aus und beten. Im Lauf des Tages sollen beide Leichen obduziert werden.

(Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Textes berichteten wir von sechs Schüssen, die das Opfer trafen. Dies entpuppte sich als Falschinformation. Die Polizei konnte lediglich bestätigen, dass es mehrere Schüsse gab und das Opfer getroffen wurde. Die Anzahl der Schüsse hat die Polizei nicht bekannt gegeben.)

Donnerstag, 22. Dezember, 11 Uhr: In der Ebinger Innenstadt tut sich etwas. Dutzende Polizisten sind im Einsatz, sperren Straßen rund um den Ort, an dem die Leiche von Sandra Q. gefunden wurde. Polizisten der Bereitschaftspolizei - ausgerüstet mit Schaufeln, Besen und Stöcken - durchforsten die Umgebung. Sie leeren Mülltonnen aus, graben Schneehaufen um. Wie die Polizei mitteilte, werde etwas gesucht. Was genau? Das wissen selbst die Einsatzkräfte nicht. Ziel ist es, alles zu finden, was irgendwie mit der Tat zusammenhängen könnte - oder Rückschlüsse auf ihren Hergang zulässt.

Donnerstag, 22. Dezember, 17 Uhr: Trotz Nachfrage unserer Redaktion, gibt die Polizei keine weiteren Informationen zur Auffindesituation der Leiche bekannt. In der Stadt kursiert das Gerücht, dass auch die junge Frau erschossen worden sein soll. Die Polizei kommentiert dies nicht, verweist auf das noch ausstehende Obduktionsergebnis. Der Tatverdächtige wurde zwischenzeitlich dem Haftrichter vorgeführt und befindet sich in Untersuchungshaft.

Dienstagabend, 27. Dezember: Mehrere hundert haben am Dienstagabend im und vor dem Bestattungsinstitut Koch in der Ebinger Schillerstraße einer italienischsprachigen Trauerandacht für Christian Z. beigewohnt. Nur ein Teil der Besucher fand Platz im Saal des Instituts, die anderen harrten über eine Stunde lang draußen aus. Neben dem Ambo standen Kerzen, Blumen und zwei Fotografien von Christian Z. Eine trug den Schriftzug "Bisogna sempre provarci; meglio avere delusioni che rimpianti – Man muss es immer versuchen; lieber Enttäuschungen als Reue".

Mittwoch, 28. Dezember: Mehrere hundert Menschen haben am Mittwochnachmittag Christian Z., auf dem Ebinger Friedhof das letzte Geleit gegeben. Der Trauergottesdienst in der Aussegnungshalle des Friedhofs wurde in italienischer Sprache gehalten und hielt sich an die Vorgaben der Liturgie – Reden wurden nicht gehalten, auf eine besondere, individuelle Gestaltung des Ablaufs wohl bewusst verzichtet. Rings um den Friedhof hatte während der Trauerfeier und der Beisetzung die Polizei mit einem größeren Aufgebot über die Einhaltung der städtischen Allgemeinverfügung gewacht.

Donnerstag, 29. Dezember: Über 200 Trauernde kommen zur Trauerfeier und Beisetzung von Sandra Q. auf dem Ebinger Friedhof. Der Sarg war weiß wie am Vortag der von Christian Z., und entsprechend dem italienischen Bestattungsbrauch stiegen auch diesmal weiße Luftballons auf, sinnbildliche Überbringer der letzten Grüße der Hinterbliebenen an die Verstorbene. Danach nahmen die vielen Trauernden zum letzten Mal Abschied von Sandra Q.

Donnerstag, 12. Januar 2023, 10.23 Uhr: Polizei und Staatsanwaltschaft geben in einer gemeinsamen Pressemitteilung bekannt, dass der 52-jährige Tatverdächtige sich nun zu den Vorwürfen geäußert hat. Demnach ist davon auszugehen, dass er bereits am Sonntag, 18. Dezember 2022, seine im selben Haus lebende, 20-jährige Nichte erdrosselte, ihren Leichnam in der Folge zerteilte und auf dem Grundstück seines Hauses vergrub.

Die Polizei wird mit einer Ermittlungsgruppe aus rund 20 Beamten die Ermittlungen fortführen, um die Hintergründe der Bluttat aufzudecken. Alle Berichte zur Bluttat in Albstadt finden Sie auf unserer Themenseite.