Diese Aufnahme zeigt das Gemeindehaus in den 1950er-Jahren. Foto: Schwarzwälder Bote

Früheres Gemeindehaus beherbergte einst Flüchtlinge / Jetzt ist es verkauft

Im Blumberger Rathaus hängen die Porträts der Ehrenbürger Alfred Teves, Helmut Winkler, Theodor Schmid, Werner Gerber und Stefan Scherer. Die Porträts von Helmut Winkler, Theodor Schmid und Werner Gerber hat Günter Wottke gemalt.

Blumberg-Hondingen (wb/blu). Mit dem in Blumberg bekannten, 2019 verstorbenen Maler Günter Wottke ist auch ein Stück Hondinger Geschichte verbunden, das jetzt selbst Geschichte wird. Die Rede ist vom früheren Gemeindehaus Im süßen Winkel 8. Man schrieb das Jahr 1952, als deutschlandweit noch viele Flüchtlinge in Provisorien lebten. Es fehlte an Wohnungen, und Hondingen hätte gerne ein Bad gehabt. Ein Gemeindehaus mit zwei Wohnungen und einem Gemeindebad, das war der Plan, den der damalige Bürgermeister Karl Gilly vorantrieb.

Doch kein Gemeindebad für Hondingen

Den Bauplatz fand man "Im süßen Winkel", dort wo das Dorf damals zu Ende war. Aber noch in der Bauphase mussten die Pläne geändert werden, nach dem klar war, dass mehr Flüchtlingsfamilien (Ostvertriebene) zugewiesen würden als zunächst gedacht. Statt zwei Wohnungen mit einem Gemeindebad baute man mit staatlichen Zuschüssen vier Wohnungen ohne Gemeindebad. Nun hat das Haus nach bald 70 Jahren seine Schuldigkeit getan, sodass es die Stadt Blumberg als Eigentümer an einen Privatmann in Hondingen verkaufen konnte. Gleichwohl ist es ein Mosaikstein der Geschichte von den bis zu 14 Millionen Ostvertriebenen. Wie es diesen erging, soll hier stellvertretend am Schicksal einer typischen Familie betrachtet werden.

Die Flucht beginnt in Königsberg

Wir befinden uns in Königsberg in der Danziger Bucht ganz im Nordosten Deutschlands) im Frühjahr 1945. Die Russen sind im Anmarsch und es galt: Rette sich wer kann!

So hatte sich auch Frieda Szebsdat (1904 bis 1971) zusammen mit ihrem Vater zur Flucht entschlossen. Aber ihr Mann wurde eingezogen, sie stand mit elf Kindern alleine da. Sie lebte in zweiter Ehe, ihr erster Mann Erich Wottke verlor sein Leben im KZ. Vor seiner Verhaftung bat er seinen Dachdecker-Kollegen Erich Szebsdat, sich um seine Familie zu kümmern, falls er nicht mehr zurückkommen würde. Das tat dieser und heiratete Frieda mit den acht Wottke-Kindern Ruth, Charlotte, Heinz, Rudi, Dora, Günther, Christel und Gerhard. Mehl und Butter kamen wieder ins Haus und das Paar bekam drei Kinder: Reinhard, Horst und Siegfried.

Auf der Flucht bekamen die großen Kinder je eines der kleinen Kinder zur Verantwortung an die Hand, im Kinderwagen brachte man die wichtigsten Habseligkeiten mit den Papieren unter. Hoffnungsvoll erreichten sie im Hafen eines der letzten Schiffe. Der Kinderwagen war schon verladen, als das Schiff einen Volltreffer erhielt und unterging. "Weg, weg", hieß es, zum Bahnhof, um dort noch einen Zug in den Westen zu erwischen. Ruth bekam als Älteste das Baby Siegfried in ihre Arme und stieg in dem chaotischen Durcheinander auf dem Bahnhof in den falschen schon abfahrenden vollgepferchten Zug.

"Wirf das Baby raus", riefen ihr die anderen in das geöffnete Zugfenster. Sie tat es, doch das Kind fiel in das Schienenbett und kam zu Tode. Die Familie musste zuerst das Baby begraben, bevor die Flucht weitergehen konnte.

Als sie schließlich in Marne im heutigen Schleswig-Holstein ankamen, wies man sie mit anderen in der konfiszierten Westbank ein. Danach kamen sie mit anderen Flüchtlingen für die nächsten Jahre in einer zum Lazarett gehörende Baracke unter, in der stets auch Ratten und Wanzen bekämpft werden mussten. Bald brachte das DRK die verloren gegangene Ruth wieder zurück zur Familie und alle älteren Geschwister konnten dort zur Schule gehen. Nach Jahren fand auch Vater Erich Szebsdat von Berlin aus wieder die Familie. Die Geschehnisse hatten ihn aber so verändert, dass ein gemeinsames Leben nicht mehr möglich war. Die älteren Geschwister gingen zur Schule, aber eine endgültige Bleibe hatte man noch nicht.

Aufteilung auf die Länder

Um nach dem Zweiten Weltkrieg das Flüchtlings- und Vertriebenenproblem gerecht zu lösen, wurden den einzelnen Bundesländern Kontingente zugewiesen. Für Familie Wottke/Szebsdat war wieder Reisen angesagt. Diesmal nicht von der Ost- zur Nordsee, sondern vom Norden in den Süden. Die inzwischen erwachsen gewordenen vier älteren Geschwister hatten eigene Wege zu gehen.

Im Herbst 1953 kamen dann Mutter Frieda, ihr Vater, die Kinder Dora, Günter, Christel, Gerhard, Reinhard und Horst nach Hondingen. Hier empfing sie Bürgermeister Karl Gilly im Gasthaus Adler, wo sie zuerst etwas zu essen bekamen. Danach ging es mit einer weiteren Tagesverpflegung in ihre neue Wohnung im Gemeindehaus oben rechts im Dachgeschoss. Die Mutter teilte ihr Schlafzimmer mit den beiden Mädchen, ihr Vater und Großvater übernahm das Kinderzimmer mit den Enkeln, in dem sich Reinhard und Horst ein Bett teilen mussten. Der ältere Günther bekam die Couch im Wohnzimmer. Ein Bad gab es oben nicht, aber ein eigenes Klosett im Gang. Gewaschen hat man sich in der Küche. Die Familie war froh um ihre neue Heimat. Die Kinder aber strömten kontaktfreudig aus und stöberten den Kirchberg hoch, hatten sie doch zum ersten Mal in ihrem Leben richtige Berge vor sich. Die drei jüngeren Buben wurden gleich eingeschult und nach den ersten Schulhofkämpfen entstanden dort neue Freundschaften. Für die Zeit außerhalb der Schule nahmen die Familien Reichle, Pfeiffer und Dörflinger je einen Buben auf, der in der Familie bei der bäuerlichen Arbeit mithelfen konnte und mitessen durfte. Dadurch hatte die Mutter die Kinder nicht mehr am Tisch, auch sonntags nicht. Nach einem Aufruf des Bürgermeisters erhielten alle Flüchtlinge ein Stück Garten, wo sie Gemüse und Kartoffeln anpflanzen konnten. Die älteren Mädchen verdienten ihr Geld in der Riedöschinger Stumpenfabrik und später in der Lauffenmühle-Taschentuchweberei in Blumberg.

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Ehen der Geschwister mit Einheimischen geschlossen wurden, nicht immer zur Freude der Eltern. Schon die Religionszugehörigkeit konnte ein Problem sein. Dass ein Hondinger Mädchen einen Flüchtling heiraten wollte, der auch noch evangelisch war, kam nicht gut an. Auch bei der Prozession am Herrgottstag standen die "Zugereisten" außen vor, in der Schule hatten sie eigenen Religionsunterricht.

Noch zwei Kinder sind am Leben

Die jüngeren Buben erlernten einen Beruf, machten Wehrdienst und gründeten bald ebenfalls eigene Familien. Die Mutter ging, wie auch ihre Mietnachbarin Margret Senz, die ein ähnliches Schicksal mit ihrer Familie hatte, noch nach Blumberg in die Taschentuchweberei. Mit 67 Jahren starb sie und fand wie alle Verstorbenen ihre letzte Ruhestätte auf dem Hondinger Friedhof. Von den Kindern leben heute noch die 94-jährige Tochter Charlotte in einem Pflegeheim in der Schweiz und der jüngste Sohn Horst in Bad Waldsee.

Das 1952 von der damals selbstständigen Gemeinde Hondingen erbaute Gemeindehaus sollte ursprünglich zwei Wohnungen für Flüchtlinge und ein Gemeindebad haben. Nachdem noch während der Bauphase abzusehen war, dass mehr Flüchtlinge zugewiesen würden, änderte Bürgermeister Karl Gilly die Pläne, das Haus erhielt vier Wohnungen, die Gemeinde bekam kein eigenes Bad. Das geschichtsträchtige Gebäude hatte viele Nutzungen. Von den ersten Flüchtlingsfamilien Senz, Böser, Gerber und Wottke/Szebsdat 1952/53 bis zu den Asylsuchenden von heute bot das Haus vielen Menschen ein Zuhause. Außerdem diente das Gemeindehaus zusätzlich dem Betrieb einer Molkerei, "Molki" genannt, (1959/60 bis 1982), und bot ab 1976 in einem Anbau den Bewohnern auch einen Raum für Hausschlachtungen. Zudem beherbergte das Gemeindehaus in seinen Garagen jahrelang die Fahrzeuge der Hondinger Feuerwehr, und der Sportverein konnte sich im Gebäude mit Duschen einrichten. Als in den 1990er Jahren zahlreiche Deutschrussen mit ihren Familien aus der Sowjetunion nach Deutschland kamen, wurden in dem städtischen Haus wieder mehrere Familien untergebracht.

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