Radioaktive Abfälle: Nagra klopft Standorte nach Eignung für Schweizer Tiefenlager ab.
Blumberg - Die Schweiz horcht ins Innere der Erde, genau gesagt die "Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle" (Nagra) tut dies. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort für geplante Tiefenlager. Dort sollen einmal radioaktive Abfälle gelagert werden, wenn sich der geologische Untergrund nach wissenschaftlicher Meinung denn als geeignet erweist und die Politik grünes Licht zur Umsetzung gibt.
Geophysiker haben hierfür eine Wiese verwanzt, mit 8000 Geophonen, jeweils im Abstand von 50 Zentimetern. Sogenannte Vibrationsfahrzeuge versetzen den Untergrund in Schwingungen: mit einer Frequenz von 14 bis 120 Hertz. Die von den geologischen Schichten zurückgeworfenen Signale, ebenfalls als Schwingungen, werden von den Geophonen registriert und aufgezeichnet.
Die seismischen Messungen der Nagra in Löhningen, ungefähr sieben Kilometer westlich von Schaffhausen gelegen, scheinen kaum das Interesse der Bevölkerung zu erreichen. Selbst den Gemeindepräsidenten Fredy Kaufmann lässt die Geschichte "emotionslos", wie er in einem Interview mit Schweizer Medienvertretern formulierte. Im Gemeinderat habe man entschlossen, auf lautstarken Protest mit gelben Fässern zu verzichten. Kantonsrat Markus Müller hingegen verweist in einem Interview auf die Notwendigkeit einer internationalen Lösung bei der Suche nach einem Atomendlager. Mit diesem Wunsch scheint er auf der Linie von Ständerat Hannes Germann zu liegen.
Die Schweiz evaluiert derzeit sechs möglich Standorte für die Lagerung von mittel-und schwach radioaktiven Abfällen. Frühestens 2035 könnte nach Nagra-Angaben am Südranden hierfür ein Tiefenlager in Betrieb genommen werden. Schweizer Fachleute wie die Chemikerin Jutta Lang, die für die Nagra Öffentlichkeitsarbeit betreibt, sprechen bei der Suche nach einem geeigneten Standort von einer endgültigen "Lösung nach bestem Wissen und Gewissen entsprechend dem Stand der Möglichkeiten". Und dies mit einer weltweit anerkannten Methode.
Indes zeigte der Kantonalrat Schaffhausen eine eher seltene Einmütigkeit bei der Übersendung eines Postulats an die Schweizer Regierung, das eine Imagestudie zum Bau von Atommüllendlagern am Südranden fordert. Die Regionalkonferenz Südranden möchte damit ihr Mitwirkungsrecht im Verfahren wahrnehmen. Die Imagestudie soll die Außenwirkung eines solchen Tiefenlagers im Rahmen der "Sozioökonomisch-ökologischen Wirkungsstudien und Entwicklungsstrategien" beleuchten.
Der Schweizer Bundesrat widersprach derweil der deutschen Forderung, den Schwarzwald-Baar-Kreis oder zumindest Blumberg in die regionale Partizipation der Region "Südranden" und "Zürich Nordost" in die Kategorie "Betroffenheit" aufzunehmen. Damit werden sozioökonomische und ökologische Wirkungen eines Schweizer Tiefenlagers, etwa auf Blumberg, außer acht gelassen.
Die vertiefenden Untersuchungen der sechs potentiellen Standortregionen als Standort einer Oberflächenanlage haben im Januar begonnen und werden vier Jahre andauern. Die Oberflächenanlage umfasst im Wesentlichen Gebäude zur Annahme der radioaktiven Abfälle und deren Vorbereitung zur Einlagerung. Dort soll auch eine sogenannte "Heiße Zelle" eingerichtet werden, eine Verpackungsanlage also, in der die angelieferten Transportbehälter aus- und in Endlagerbehälter eingepackt werden.
In den sechs potenziellen Standortregionen wurden 20 Standortearealvorschläge unterbreitet: für die Region "Südranden" zwei Kiesgruben bei Wilchingen und Beringen sowie ein Areal nahe der Müllverwertungsanlage Beringen; für die Region "Zürich Nordost" drei Areale auf dem Gemeindegebiet Marthalen südlich von Benken und eines bei Schlatt, südöstlich von Schaffhausen.