Blick auf Stuttgart – ein Becher der Porzellanmanufaktur Ludwigsburg Foto: dpa

Wer diese Stadt verstehen will, darf ihre Geschichte nicht außer Acht lassen, sagt Roland Ostertag.

Stuttgart - Die Frage nach der Zukunft unserer Stadt wird verstärkt gestellt. Dies bietet auch die Chance für einen Denkwechsel. Ohne Kenntnis der (Geistes-)Geschichte dieser Stadt aber kann ein neues Denken nicht gelingen, wird vieles, was in Stuttgart geschieht, nicht verständlich.

Städte sind Lesebücher, deren Lektüre uns ihre/unsere Geschichte erzählt. Stadt­wan­derungen sind Weltwanderungen. Es ist ja richtig: „Wer die Architektur der Stadt erwandert, wandert durch die Architektur menschlicher Existenz.“ Die Architektur der Stadt ist ihre Widerspiegelung im Spiegel der Architektur. Doch zunehmend verlieren un­sere Städte ihren Lesebuchcharakter, ihre Deutungsaufforderung. Die Stadt, die vornehmlich als ein Gefüge von öffentlichen Räumen verstanden wurde, entwickelte sich zu einer und bestätigt sich als eine Ansammlung von Einzelkörpern.

Architektur aber spiegelt nicht mehr die Welt, die Geschichte der Stadt. Überall sind Dinge, doch sie sind tot. Wo Welt sein sollte, wo Räume sein sollten, stellt sich immer mehr Leere ein. Das ist zu beklagen: Keine ­Be­ziehung, keine Orientierung, räumlich nicht, geistig nicht. Wenn aber die Architektur der Welt, die Architektur der Stadt, nicht mehr da ist, spricht sie nicht mehr. Ein Leben in der Welt aber ist schwer erträglich, wenn die Welt nicht mehr spricht. Dies ist das schlimmste Vergehen der unreflektierten Fantasie der Moderne. Sie hat uns das ­Zutrauen zur Welt und damit die Sicherheit unserer Welterfahrung genommen. Auch wenn wir hören, dieses Banalisieren ­menschlicher Existenz habe niemand ­gewollt, bleibt zu fragen, ob dies stimmt.

Was hat Stuttgart als Spiegel zu bieten?

Was hat Stuttgart als Spiegel zu bieten? Seine einmalige Topografie, sein innerstädtisches, sein räumliches, sein kulturelles Quartier zwischen Schiller-, Karls-, Schloss- platz, Schlossgarten. Ansonsten wenig ­Be­merkenswertes, Gebautes, Räumliches, Atmosphärisches. Über der Stadt liegt wie Mehltau die Empfindung des Defizitären, des Unbefriedigenden, des Provisorischen. Die vordergründige Funktionalität, die Stadtplanung, die über Jahrzehnte dem Automobilisten bequeme Durchfahrt, ­Vor­fahrt vor der Verweil- und Wohnqualität einräumte, hatte in großen Teilen ein­ ­verludertes Stadtbild zur Folge. Die physische, verkehrliche Automobilität hat die geistige Mobilität im Entwicklungsprozess der Stadt behindert.

Wesentliche Basis für die Bedeutung und Attraktivität einer Stadt ist immer das ­physisch-visuell-atmosphärische Erscheinungsbild, nicht jenes der Werbestrategen, der Statistiken. Die defizitäre Stadtqualität, die mangelnde Strahlkraft und Attraktivität hat nicht nur wirtschaftliche, sondern auch geistig-seelische Konsequenzen. Beim Gang durch die Architektur, die Räume der Stadt, sollten uns Bauten, Räume unterschiedlicher Zeiten und Herkünfte, begegnen. Sie sind Anstöße, Anregungen, bieten Möglichkeiten des Erinnerns, sind Spiegel der Erinnerung, auch des Handelns. Theodor W. Adorno hatte sein Frankfurt und Stuttgart im Sinn, als er formulierte: „Nichts Trostloseres als die ­ge­mäßigte Moderne des deutschen Wiederaufbaus.“

Beliebigkeit herrscht vor

Probleme entstehen bekanntlich durch Lösungen. Unsere Stadt erscheint mitunter als Instrument selbst geschaffener Probleme, die durch Technik beherrscht werden sollen. Auch die „Beiträge zur Stadtentwicklung“ von Architekten gehen meist über kosmetische Maßnahmen und solitäre, isolierte ­Projekte ohne Berücksichtigung der Geschichte nicht hinaus. Mittel werden als ­Lösungen, als Ideen angeboten. So aber lassen sich weiterführende Ideen nicht entwickeln. Beliebigkeit herrscht vor – und damit droht die bloße Fortführung der jüngeren Vergangenheit zu triumphieren. Es stimmt ja, realisiert werden gelegentlich gute ­So­li­täre. Diese aber haben es schwer, in ihrem ­ortlosen Nebeneinander das Gemeinsame sichtbar zu machen. Einsamkeit und Verlorenheit lassen sich auf diesem Weg nicht überwinden.

Die zentrale Frage ist so nicht nur hier, ­aber auch in Stuttgart: Wie kann in der Leere, ­Leere von Welt, wieder Welt gefunden ­werden?

Eine Idee, eine Vision für die Stadt muss geboren, muss gefunden werden. Nicht um sie wörtlich zu übersetzen, zu konkretisieren oder gar zu betonieren. Sie muss aufscheinen am Horizont, um sich daran beim Denken und Planen orientieren zu können. Die ­Richtung muss stimmen, aufscheinen am ­Horizont. Dies abgeleitet aus der Geschichte, dem Gedächtnis der Stadt.

Es gibt ein Bürgerrecht auf Geschichte

Das Gedächtnis, die Erinnerung der ­Städte, auch der Stadt Stuttgart, reicht tief, tiefer. Die Erfahrungen der Geschichte, ­gedanklich, ihrer realen Spuren, und neue, zeitgemäß interpretierte Bauten, bestehende wie zu entwickelnde Räume und Umwelten müssen Teil dieser übergreifenden Idee, ­dieser Vision sein.

Es gibt ein Bürgerrecht auf Geschichte, auf geschichtliche Wahrheit. Dazu gehört der Erhalt von Bauwerken und Räumen, die den Charakter der Stadt konstituieren. Aus meiner Sicht zum ­Beispiel der Erhalt der 15 unter Denkmalschutz stehenden gefährdeten ­Ob­jekte bei Stuttgart 21. Der Erhalt des Hotels Silber und einiger zum Abriss verdammter Gebäude und Räume wären kleinere Schritte, jedoch wichtige Beiträge in die richtige Richtung. Ein Grundsatz sollte gelten: „Das Gestalten der Stadt ist ein Gestalten mit der Stadt“ und nicht ohne, nicht gegen sie. Wir müssen die Weltlosigkeit der Moderne, der Solitäre beenden. Es ist ja möglich, durch die Architektur der Erinnerung die Welt der Stadt und der Städte wieder zurückzuholen.

Wie kann das gehen? Eine kluge Stadt­politik holt mit der Kultur der Stadt die Welt zurück. Die Städte müssen nicht noch ein­mal neu erfunden werden. Wir müssen den ­his­torisch gewachsenen Stadtgrundriss, der wie eine Festplatte zu verstehen ist, in die das Grundgesetz der Stadt eingebrannt ist,­ ­behandeln und dadurch schätzen. Es gilt, die Stadt unter Beachtung ihrer Fundamen­talien experimentierfreudig weiterzu­ent­wickeln. Es gilt, die maßstabsetzenden his­torischen charakteristischen Dimen­sionen (nicht Formen) der Stadt wiederzugewinnen. Wir sollten den Dialog zwischen ­dem Gebauten und dem zu Bauenden und der Landschaft wieder aufnehmen und in diesem ­Zu­sam­menhang das Spannungsfeld zwischen Freiraum und umschlossenem ­städtischem Innenraum wieder deutlich stärker beachten.

Unter solchen Vorzeichen erkennen die Bewohner der Stadt wieder die Gestalt der Stadt, ihrer Stadt. Und unter solchen ­Vorzeichen auch kann die Stadt wieder­­ ­Spiegel der Welt werden.