2026 wird das Jahr der sterbenden Ausreden. Wer sich das nicht antun will, kann gleich auf 2027 vorrücken. Foto: tinyakov

Im Jahr 2026 wird reformiert, dass es nur so kracht. Lichtblicke bringt nur die Kunst. Aber auch da müssen wir uns auf einiges gefasst machen. Ein satirischer Ausblick.

Laut Psychologen ist 2026 das Jahr der sterbenden Ausreden. Es gebe keine Entschuldigung mehr für das eigene Versagen. Es gehe nun um knallharte Selbstkonfrontation.

 

Wer sich das nicht antun will, kann das neue Jahr überspringen und gleich auf 2027 vorrücken. Das wird laut Psychologen ein Jahr der zartfühlenden Selbsterforschung und der neu erwachenden Ausreden für das eigene Versagen.

Januar

Der Kanzler drückt sich nicht und geht „all in“. Im Januar konfrontiert er sich mit sich selbst und gewinnt diese Vertrauensfrage in die eigene Regierungsfähigkeit knapp. Er kündigt ein Frühjahr der Jahrhundertreformen an.

In Bulgarien wird der Euro eingeführt. Geldwäsche ist jetzt ohne Umtausch bei 40 Grad möglich. Der Regierungschef weiht in Sofia einen Waschsalon ein. In Deutschland werden Öl, Gas und Sprit teurer. Die Menschen verbrennen in ihren Komfortkaminen alte Winterreifen, Farbeimer und Vorfahren. Es kommt dadurch zur ersten Sonnenfinsternis des Jahres.

Februar

In Cortina d‘Ampezzo finden die olympischen Winterspiele statt. Das letzte Hotelzimmer wird für 4500 Euro pro Nacht ohne Frühstück an einen US-Journalisten vermietet. Er muss dafür aber jeden Abend nass durchwischen. Die Wettkampfstätten sind über Norditalien verteilt. Viele Biathleten steigen in den falschen Zug und schießen aus Langeweile in Neapel herum. Die Spur einiger Eisschnellläufer und Skispringer verliert sich im Großraum Milano.

März

Laut Astronomen endet die Sonnenfinsternis des Saroszyklus. Außerdem sind die letzten Altreifen verbrannt. Es wird hell, und die Menschen erkennen den Zustand des Landes. Sie verdunkeln daraufhin ihre Wohnzimmer und gehen nicht mehr ins Freie. In Baden-Württemberg wird gewählt. Der Landtag schwillt auf 6000 Sitze an. Abgeordnete werden verpflichtet, auf dem Schoß eines Parteifreunds Platz zu nehmen.

Der scheidende, aber noch rüstige Regierungschef tritt sein neues Amt als Lehrer in einem Gymnasium an und macht im Biounterricht ein Nickerchen. In Berlin wird die Hohenzollerngruft des Doms mit 91 Särgen zugänglich gemacht. Der letzte Kaiser wird digital zum Leben erweckt und von Kulturstaatsminister Weimer empfangen.

April

Im Reformmonat April erstrahlt das Land in neuem Glanz. Der Kanzler zerreißt vor laufenden Kameras ein Formular „Zur Festsetzungsfrist im Rahmen des Zollkodex zur Zollschuld nach Ablauf von drei Jahren“. Er hat Tränen in den Augen. In einem nächsten Schritt soll die Vereinfachung der „Verwertungskette für Rasenmäher mit Akkubetrieb nach Ablauf der Garantie“ beschlossen werden.

Sie können dann an ungeraden Samstagen nach Vollmond auf dem Wertstoffhof abgegeben werden, wenn der Besitzer vorher die Schwermetalle aus dem Motor gekratzt und gesondert eingereicht hat. Das Land legt damit die letzten bürokratischen Fesseln ab. Mehrere Vertrauensfragen verlaufen in aufgeräumter Atmosphäre. Wenn nur die Rente nicht wäre.

Mai

Im Mai bricht in Frankreich die Regierung zusammen und wird durch eine neue ersetzt. Nach wenigen Tagen zeigen sich Risse im Kabinett. Es wird durch ein neues ersetzt, das kurz darauf durch ein neues ersetzt wird.

In Las Vegas starten die „Enhanced Games“ für gedopte Sportler. Der Sieger im Sprintfinale hat nach 3,5 Sekunden schon den ersten Labor-Espresso im Ziel getrunken.

In Großbritannien treibt ein Horrorclown sein Unwesen. Er schneidet Grimassen, die Kindern nicht gezeigt werden dürfen, und gibt sich als Anführer einer Rechtspartei aus. Bis Ende des Monats verspeist er alle konservativ regierten Grafschaften ohne zu schlucken.

Juni

Bei der Fußball-WM im Juni werden US-Präsident Donald Trump zahllose Ehrungen zuteil. Er wird „Goldener Zeugwart des Universums“, bekommt den „Messi Dribbling Award“ in Gold, den „Ballon d’Or“, die „Chaussures d’Or“, das „Maillot d’Or“ und die „Goldene Querlatte“.

Bei dem Turnier sind bis zum Jahresende rund 2300 Begegnungen anberaumt. Für den „Clásico“ – Curaçao gegen Usbekistan – werden Tickets für mehrere zehntausend Euro angeboten.

Juli

Der heiße Juli treibt die Nachfrage nach Abnehm-Medikamenten auf einen Höhepunkt. Unaufhörlich werden neue Präparate getestet. Mit Erfolg: viele übergewichtige Probanden werfen nach drei Wochen keinen Schatten mehr.

Vor der politischen Sommerpause besteht der Kanzler noch einige Vertrauensfragen zu den Themen Autobahnausbau, Vegetarismus in Kitas und irgendwas mit Zahnersatz. Nur die verdammte Rente…

August

Anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Stalinismus im August fordert die Rechtspartei eine Neubewertung der Epoche. Das russische Wort für „Fliegenschiss“ fällt. Die einstige Parteichefin des Bündnis Sahra Wagenknecht würdigt in einer 600-seitigen Monografie den erfolgreichen Kampf Stalins gegen die De-Industrialisierung – ein Thema, bei dem die Bundesregierung jämmerlich versage.

Ihr Mann kauft die gesamte Auflage in einer saarländischen Buchhandlung. Im Rest Europas beginnt die große Zeit der Open-Air-Festivals. Nach allfälligen Unwettern müssen Besucher von der Feuerwehr mit schwerem Gerät vom Schlamm befreit werden.

September

Im September finden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern statt. Die Rechtspartei erringt 110 Prozent der Stimmen und gibt aus Mitleid ein paar Mandate an die anderen Parteien ab. Statt einer Chipfabrik erhält das Land den Zuschlag für das erste Konzentrationslager nach dem Krieg.

Die Russen nutzen den bundesweiten Warntag für einen Formationsflug von 3000 Drohnen über Deutschland. Die Deutschen gehen aus ihren immer noch verdunkelten Wohnzimmern in die Keller und prüfen ihren Vorrat an Sauerkonserven und Rotwein.

Oktober

Der Goldene Oktober spitzt sich bereits zu Beginn dieses Monats zu. Die in den sozialen Medien hochgeladenen Fotos von Blattwerk im Gegenlicht garniert mit Vergänglichkeitslyrik verbrauchen den Strom von zwei Gaskraftwerken.

Kulturstaatsminister Weimer veröffentlicht das analoge Gedicht „Fleischerglanz“ aus seiner Anthologie „Nach Mörike“. Dort heißt es: „Im Blutnebel ruht der Leib/Noch schäumen Wald und Wiesen/Bald siehst du, wenn der Schleier fällt/Den blanken Eiter unverstellt.“

November

Im November verzeichnen die Demokraten bei den Zwischenwahlen in den USA Erfolge. Präsident Donald Trump schickt einen Flugzeugträger an die Küste vor der Demokraten-Hochburg San Francisco, schläft dann aber ein. Freunde in China, Moskau und Ungarn bieten ihm Asyl an. Doch es ist zu spät.

Drei Oligarchen putschen sich an die Macht und ersetzen die Verfassung durch die Bibel. Der Antichrist flieht ins Exil nach Venezuela. In Deutschland nimmt die größte Rentenreform aller Zeiten Form an: Wer 30 Jahre lang im Büro gearbeitet hat, darf zur Erholung abschlagsfrei bis zum 70. Lebensjahr als Dachdecker arbeiten. Wer unbedingt früher gehen will, bekommt Besuch von der Jungen Union.

Dezember

Im Dezember feiert Deutschland den 100. Todestag des Lyrikers Rainer Maria Rilke. Kulturstaatsminister Weimer hat dazu eine Reihe von Elegien verfasst. Wir lesen: „Das trockene Flussbett deines Geschlechts überschwemmt der Schleim aus meinem Cicero den Hirnbusen einstiger Mütter zum reinen Verhängnis – Ich Herr des dunklen Triebs bewohne deine Muschel.“

Das Gedicht soll von der ARD in einer sechsteiligen Weihnachtsserie verfilmt werden. Die Sonne flieht daraufhin aus dem Universum. Es wird wieder angenehm dunkel.