Rolf Ebnet hat die Kriegs-Erlebnisse seines Vorfahren neu aufgelegt: „Erlebnisse eines Badischen Soldaten bei dem Zuge Napoleons nach Moskau 1812". In den Händen hält er die Erstausgabe aus dem Jahre 1854. Foto: Nadja Varsani

Rolf Ebnet zeichnet die Erlebnisse seines Urahns aus Döggingen auf. Der Soldat berichtet von unfassbarem Leid. Das Zeitdokument berührt Ebnet noch 200 Jahre später.

Erfrierungen, Hunger, zurückgelassene Verwundete. Als Napoleons Armee 1812 aus Russland floh, überlebten nur wenige. Der Dögginger Kaspar Hasenfratz war einer von ihnen. Er hielt fest, was andere nicht mehr erzählen konnten. Das Büchlein, aufgeschrieben vom Dögginger Dorflehrer Franz Xaver Isele, wurde über Generationen weitergegeben. Rolf Ebnet, sein Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel, hat es nun überarbeitet und die Erinnerungen neu herausgegeben. „Mein Opa, wie ich ihn jetzt einfach nenne, ging an Krücken humpelnd durch das Dorf. Damals wurde der Dorflehrer auf ihn aufmerksam. Kaspar Hasenfratz schilderte ihm seine Erlebnisse und der Lehrer veröffentlichte diese mit dem Ziel, Kaspar die Erlöse zugutekommen zu lassen“, berichtet Rolf Ebnet.

 

So kam es, dass die Erinnerungen des badischen Soldaten überliefert wurden. Als das Erbe von Rolf Ebnets Vater vor ein paar Jahren unter den sechs Geschwistern aufgeteilt wurde, sprach die Familie ihm die Überlieferung zu. „Weil ich am meisten an Geschichte interessiert bin, kam das Büchlein zu mir“, so Ebnet. Der Hobby-Historiker und passionierte Flieger beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren mit dem geschichtlichen Kontext der Luftfahrt in der Region. Mit der Recherche in der Vergangenheit kennt er sich aus.

Wilhelm Hasenfratz, der Sohn des Invaliden Kaspar Hasenfratz war Bürgermeister in Döggingen. Foto: Nadja Varsani

Das Buch schildert den Russlandfeldzug Napoleons im Jahr 1812, einen der folgenreichsten Feldzüge der europäischen Geschichte. Als Teil der Rheinbundstaaten, die sich unter Napoleons Protektorat zusammenschlossen, stellte auch das Großherzogtum Baden ein beträchtliches Kontingent an Soldaten für den gemeinsamen Kampf gegen Russland. „Ein Protektorat war zur Zeit Napoleons ein Staat, der offiziell eigenständig blieb, tatsächlich aber unter französischer Kontrolle stand. So kam es, dass mein Opa und sein Bruder für die Franzosen in den Krieg zogen“, erklärt Rolf Ebnet.

Die Beschreibungen der Erlebnisse zeichnen den Vormarsch der „Grande Armée“, das Ausbleiben der erhofften Entscheidungsschlacht und schließlich den katastrophalen Rückzug aus dem brennenden Moskau nach. Hunger, Kälte und Krankheiten forderten dabei mehr Opfer als die Kämpfe selbst. Vor allem der Rückzug ab Oktober 1812 wurde für viele Soldaten zu einem wochenlangen Überlebenskampf, der sich bis in den Winter hinein zog. Von den insgesamt 7166 Badener Soldaten kehrten nur 145 zurück.

„Ich lese das Buch alle paar Jahre und es bewegt mich immer wieder, wie hart diese Menschen um ihr Leben gekämpft haben. Sie hatten keine Kleidung, kein Holz für Feuer, und der, der nicht mehr konnte, wurde zurückgelassen“, erzählt Rolf Ebnet. Der Hauptteil des Buches beschreibt, wie hart das Leben während des Rückzugs war. Es gab kaum noch etwas zu essen, viele Soldaten litten an Fieber.

Haltung seines Vorfahren bewegt ihn

„Auch mein Opa erkrankte schwer und lag wochenlang völlig entkräftet in einer Scheune. Dabei erfroren ihm die Füße. Eine Zehe hing schließlich nur noch an der Sehne, Hilfe bekam er keine. Er musste sie selbst abtrennen, um seine Füße überhaupt noch verbinden zu können. Oft aßen die Soldaten Pferde, die im Kampf gefallen oder notgeschlachtet worden waren“, zeichnet Ebnet die historischen Ereignisse nach.

Besonders bewegt habe Rolf Ebnet die Haltung seines Vorfahren. Obwohl Kaspar Hasenfratz auf seiner Reise kaum Hilfe erhielt und sogar bestohlen wurde, äußerte er in seinen Aufzeichnungen keinen Groll gegenüber den Menschen, die ihm übel mitspielten. Stattdessen zeugt das Buch von einem bemerkenswerten Verständnis für jene, die sich in derselben ausweglosen Lage befanden. Menschen, die, wie er selbst, allein ums Überleben kämpften.

Historische Recherche: Die Neuauflage hat Rolf Ebnet mit Bildmaterial und geschichtlichen Hintergründen ergänzt. Statt in Frakturschrift lässt sie sich in gewohnter lateinischer Schrift lesen. Foto: Nadja Varsani

Kaspar Hasenfratz schafft den Weg zurück in seine Heimat, doch er wird sein Leben lang Invalide bleiben. Dennoch gründet er eine Familie und zeugt Nachkommen. „Ich habe viel Ahnenforschung betrieben und so auch herausgefunden, dass mein Opa sechs Kinder bekommen hat. Davon überlebten jedoch nur drei. Einer seiner Söhne wurde Bürgermeister von Döggingen“, ergänzt Ebnet. Auch die zuvor veröffentlichten Bücher von Rolf Ebnet erzählen Einzelschicksale.

Luftangriffe über der Baar

Für seine Recherche zu Luftangriffen über der Baar während des Zweiten Weltkrieges befragte er zahlreiche Zeitzeugen. Die Arbeit an den historischen Texten prägt auch seine Meinung zu militärischen Auseinandersetzungen. „Kriege sind immer ein reiner Überlebenskampf und sie bringen unvorstellbares Elend mit sich. Für mich zeigt sich darin etwas, das auch heute noch gilt: Hinter jedem Krieg stehen einzelne Schicksale. Erst wenn man sieht, was ein einzelner Mensch aushalten muss, begreift man, was Krieg wirklich bedeutet“, sagt Ebnet.

Angesichts der zahlreichen Konflikte und Kriegstreiber in unserer Zeit erscheinen derartige historische Aufzeichnungen als besonders wertvoll. Sie machen die individuellen Schicksale hinter den Zahlen und Schlagzeilen sichtbar, findet der Dögginger. „Ich denke, dass solche Berichte von Zeitzeugen jeder lesen sollte. Für uns, denen es hier gut geht, ist es nicht vorstellbar, solches Leid zu erfahren. Das ist weit weg.“ Doch die Geschichte zeige auch, dass es immer wieder passieren könne. „Deshalb sollten wir nicht leichtfertig mit dem Frieden umgehen“, sagt Rolf Ebnet.

Historische Aufarbeitung

Bücher
Neben „Erlebnisse eines badischen Soldaten“ hat Rolf Ebner zwei weitere Bücher zu Kriegserfahrungen veröffentlicht. Für „Absprung ins Ungewisse“ befragte er Zeitzeugen zu den Geschehnissen um die Abstürze zweier Bomber der amerikanischen Luftwaffe im Jahre 1944 bei Dittishausen und Schollach im Schwarzwald. Weitere Heimat-Lektüre verfasste er unter dem Titel „Die Geschichte der Flugplätze im Schwarzwald-Baar-Kreis“. Seine Bücher sind bei Morys Buchhandlung in Donaueschingen erhältlich, teilweise auch online.