Wie gut ist der SC Freiburg in eigenem Ballbesitz? Abwehrspieler Matthias Ginter äußerte jüngst Kritik und sieht Verbesserungspotenzial. Wir haben uns die Statistiken angeschaut.
Keine zwei Wochen ist es her, dass der SC Freiburg beim FC Augsburg 2:2 spielte. Und auch wenn die Breisgauer in dieser Partie einen 0:2-Rückstand noch in ein Remis verwandelten, war Matthias Ginter im Anschluss alles andere als zufrieden. In einem Interview monierte er: „Ich habe es die letzten Jahre schon öfter gesagt: Das Spiel mit Ball ist unser großes Thema. Das haben wir in Augsburg vor allem in der ersten Hälfte gesehen, aber mehr oder weniger im ganzen Spiel, unsere Tore haben wir ja nach Standards gemacht. Daran müssen wir weiter arbeiten.“
Es war nicht das erste Mal, dass der Weltmeister von 2014 sich zu dieser Thematik äußerte. Im Dezember 2024 meinte er nach einer 1:4-Pleite bei Eintracht Frankfurt: „Unsere größte Verbesserungsmöglichkeit liegt im Spiel mit dem Ball.“ Viele Fußballfans, die regelmäßig Spiele des SC begutachten, dürften dieser Aussage auch zustimmen.
Coach Julian Schuster meinte angesprochen auf die Aussagen seines Abwehrspielers: „Das ist definitiv ein Punkt, bei dem wir, Spieler wie Trainer, den Anspruch haben, besser zu werden. Wir haben das auf dem Schirm, weil es Möglichkeiten sind, noch torgefährlich zu werden.“ Schuster warb aber auch um Geduld, und erwähnte den Expected-Goals-Wert der Freiburger, welcher in der Bundesliga durchschnittlich bei 1,62 (nach dem Spiel gegen Augsburg) lag. Dies ist immerhin der siebthöchste Wert der 18 Bundesligisten.
Unsere Redaktion prüft Ginterds Aussage anhand der Statistik
Anders als viele Zuschauer, die sich bei solchen Diskussionen ja gerne auf die subjektive Wahrnehmung beziehen, wählte Schuster also einen statistischen Ansatz. Genau für diesen Weg hat sich auch unsere Redaktion entschieden, und prüft Ginters Aussagen anhand von Zahlen. Doch klar ist auch: Die Expected-Goals (xG) alleine als Grundlage für die Beantwortung der Frage zu nehmen, wäre zu einfach.
31 Tore hat der SCF in der Bundesliga bisher erzielt. Dies ist der achtbeste Wert und deckt sich nahezu mit dem aktuellen 7. Tabellenplatz. Die xG der Schuster-Elf betragen in Summe 31,6. Vereinfacht lässt sich sagen, dass die Freiburger also genau diese Anzahl an Toren erzielt haben, welche auch zu erwarten gewesen wäre. Andere Teams hingegen haben in diesem Bereich krass überperformt: Eintracht Frankfurt, im Moment punktgleich mit dem Sport Club, erzielte 39 Tore bei 26,1 xG. Die TSG Hoffenheim macht aus ihrem xG-Wert von 29,8 gar 40 Tore.
So viele Schüsse gab der SC Freiburg bislang ab
Die spielerische Qualität einer Mannschaft lässt sich aus diesen Zahlen aber nur bedingt ableiten, vielmehr sprechen beispielsweise die Zahlen der Hoffenheimer für eine sehr hohe Abschlussqualität. Insgesamt gab der SC Freiburg in dieser Saison 236 Schüsse ab, pro Spiel schaffen es durchschnittlich 4,3 Versuche auf das gegnerische Tor. Dies ist ligaweit der zehntbeste Wert.
Bei diesem Wert sind die Freiburg ganz vorne mit dabei
Bei den herausgespielten Großchancen sind die Breisgauer noch etwas schwächer: 42 solch großer Gelegenheiten bedeuten den 12. Platz. Dieser Wert wäre also eher ein Beleg für Ginters These. Ebenso bemerkenswert: 14 der 31 Saisontore – und damit circa 45 Prozent – fielen nach Standardsituationen. Nur der FC St. Pauli schießt prozentual noch mehr seiner Tore nach ruhenden Bällen.
Bei den Ballbesitz-Zahlen ist man hingegen wieder im oberen Mittelfeld. Durchschnittlich 50,8 Prozent beiden den 8. Rang. Auch hierzu meinte Ginter jedoch nach dem Augsburg-Spiel: „Wenn wir viel Ballbesitz hätten, auch in der gegnerischen Hälfte, dann käme es erst gar nicht zu den vielen Eckbällen und diesen Situationen.“ Dies zeigt aber, dass auch bei den Protagonisten oft ein subjektives Empfinden mit dabei ist. Vermutlich hätte der Innenverteidiger seine Kritik nach einem 3:2-Sieg – der durchaus noch möglich gewesen wäre – nicht oder zurückhaltender geäußert.
Gemeinsam mit Bayern und Gladbach an der Spitze
Mit im Schnitt 353 gespielten Pässen pro Spiel sind die Breisgauer Elfter in diesem Ranking. 82 Prozent davon bringen sie auch zum Mitspieler, ein guter, aber kein sehr guter Wert. Mit 453 Ballberührungen im gegnerischen Strafraum ist man Achter – wenngleich auch hier natürlich Kontakte nach Standardsituationen zählen. Wie schon in den vergangenen Jahren ist das Team in dieser Disziplin überdurchschnittlich gut. 86 Eckbälle sind nur der elfthöchste Wert, daraus entsprangen aber acht Tore, was nur von Bayern München (9) getoppt war. Bei der Anzahl der rausgeholten Elfmeter ist man sogar zusammen mit dem FCB und Borussia Mönchengladbach Spitzenreiter (6).
Auffällig ist außerdem, dass die Freiburger viel mit Flanken operieren. Im Schnitt erreichen 5,6 solcher Versuche ihren Abnehmer, nur Union Berlin (6,1) hat noch einen besseren Wert.
Bei einem Wert wäre Freiburg „im Abstiegskampf“
Fazit: Was den „Eye-Test“ anbelangt, werden viele Fans des SC Freiburg die Aussagen Ginters bestätigen. Statistisch gesehen gibt es durchaus Anhaltspunkte, die hierzu passen. So fallen viele Tore der Freiburger nach Standards und es werden außergewöhnlich viele Flanken geschlagen, während man sich eher schwer tut, Torchancen nach Passkombinationen zu erspielen. Die Balleroberungen im Angriffsdrittel sind hingegen der einzige Wert, bei dem man „im Abstiegskampf“ wäre. Nur 2,6 Bälle pro Spiel erobern die Freiburger durch hohes Pressing, einzig Gladbach mit 2,4 ist schwächer. Dies passt ein Stück weit auch zu Ginters Aussagen.
Auf der anderen Seite ist der SCF in vielen Belangen in ähnlichen Bereichen wie der Tabellenplatz unterwegs. Es besteht also sicherlich Potenzial zur Verbesserung, ganz verkehrt ist der SCF aber mit Ball auch nicht unterwegs.