HK416-Sturmgewehre für die französischen Streitkräfte Foto: Eyckeler

Das Betriebsgelände von Heckler & Koch ist streng geschützt. Wir durften uns dennoch zusammen mit dem Unternehmenschef Jens Bodo Koch dort umsehen – und waren nicht selten überrascht.

Oberndorf - Auf dem Bürotisch von Jens Bodo Koch liegt auf einer Decke ein fabrikneues Sturmgewehr vom Typ HK416. Er nimmt das Gewehr, lädt durch, drückt ab – "Klick". In der Kammer befindet sich keine Patrone, das Magazin steckt ebenfalls nicht, also keine Gefahr. Ein seltsames Gefühl ist es dennoch, das rund dreieinhalb Kilogramm schwere Sturmgewehr selbst einmal im Anschlag zu halten. Richtig zielen kann man noch nicht. "Das gewünschte Zubehör, wie etwa ein Rotpunktvisier, Zielfernrohr oder Schalldämpfer, stellen wir bei Heckler & Koch (HK) nicht her. Diese Zusatzausstattung kaufen die Kunden in den meisten Fällen bei uns als Waffensystem oder direkt beim Hersteller", erklärt der Vorstandsvorsitzende des schwäbischen Waffenherstellers.

 

Dennoch: Auch ohne Visier und ungeladen flößt diese Waffe enormen Respekt ein, wenn man sie in den Händen hält. Im Ernstfall ist sie in der Lage, in kürzester Zeit die 30 Patronen im Magazin zu verschießen, die dann Menschen verletzen oder töten können. HK-Chef Koch wiederum sieht die Funktion seiner Produkte aus einem anderen Blickwinkel: "In den richtigen Händen werden unsere Waffen zum Schutz und zur Rettung von Menschen eingesetzt – in Kriegsgebieten durch die Bundeswehr und andere Nato-Streitkräfte oder durch die Polizei", sagt Koch, während er das Sturmgewehr wieder in einen Safe sperrt.

Ohne Besucherausweis geht gar nichts

Dann kann er beginnen, der exklusive Blick hinter die Kulissen des Waffenherstellers. Das ist der eigentliche Anlass des Besuchs auf dem Oberndorfer Lindenhof (Kreis Rottweil). Das Unternehmen gewährt seltene Einblicke in den Produktionsablauf und zeigt unserer Redaktion, wie aus Hunderten Einzelteilen letztlich ein Sturmgewehr entsteht.

Doch einfach so funktioniert das in solch einer Firma nicht: Ohne Besucherausweis geht nichts. Bevor dieser ausgehändigt wird, muss ein Formular unterschrieben werden, beide Kameras am Handy werden zugeklebt, Fotos mit der Digitalkamera dürfen nur mit Zustimmung der Verantwortlichen geschossen werden. Generell gelten auf dem Gelände höchste Sicherheitsvorkehrungen, die vom Landeskriminalamt (LKA) regelmäßig überprüft werden. Auch die Mitarbeiter müssen sich je nach Position und Know-how gründlichen Sicherheitsüberprüfungen unterziehen – das ist beruhigend, immerhin werden hier keine Spielzeuge hergestellt.

Das Zug-und-Feld-Profil gibt der Kugel den nötigen Drall

Gleich in der ersten Halle die große Überraschung: Der erste Blick über die großen Maschinen und die vielen Mitarbeiter, lässt erstmal nicht darauf schließen, dass hier Pistolen, Maschinengewehre und Granatwerfer gefertigt werden. Statt nach Schießpulver riecht es nach Metall und Stahl. Es ist warm in der Produktionshalle, der Geräuschpegel ist hoch. Erinnerungen an den ersten Ferienjob in einem ähnlichen Gebäude werden wach.

Der HK-Chef erklärt die jeweilige Funktion der verschiedenen Maschinen, grüßt die vorbeilaufenden Mitarbeiter. Dann holt er aus einer Holzkiste ein klobiges Stahlrohr – das Herzstück des Sturmgewehres. "Aus diesem Rohr werden später die Projektile abgefeuert", erklärt Koch. Bis es dazu kommt, sind mehrere Schritte nötig: Durch Bohren, Honen und Hämmern wird das Rohr auf die gewünschten Maße gebracht.

Dabei entsteht auch das sogenannte Zug-und-Feld-Profil im Innern des Rohres. Dieses gibt der Kugel später den nötigen Drall und sorgt für eine stabile Flugbahn. Ist das Rohr fertig bearbeitet, wird es bei etwa 900 Grad gehärtet – immerhin muss es später extremen Belastungen standhalten können. "Das Sturmgewehr muss in seinem ›Leben‹ rund 25 000 Schüsse störungsfrei und funktionssicher verkraften", sagt Koch. Jedes abgeschossene Projektil verlässt das Rohr mit einer Geschwindigkeit von etwa 950 Meter pro Sekunde.

Stolz präsentiert der HK-Chef die neuesten Maschinen

Wesentlich langsamer geht’s weiter in Richtung Kunststoffverarbeitung. Hier sind zum ersten Mal Teile zu erkennen, die man einer Waffe zuordnen kann. Magazine, Griffe und auch der Abzug – all diese Komponenten werden teils maschinell, teils von Hand gefertigt. Fein säuberlich aufgestellt tauchen zudem die fertig verarbeiteten Rohre für das HK416 wieder auf.

In der nächsten Halle befindet sich die Fräserei. Dort angekommen, fallen die von Koch erwähnten Modernisierungsmaßnahmen auf. Stolz präsentiert der HK-Chef die neuesten Maschinen, die auf den hundertstel Millimeter genau unter anderem den Handschutz – hier hält der Soldat oder der Polizist später das Gewehr – und den Magazinschacht zurecht fräsen. Vertrauen in die Maschine ist gut, Kontrolle ist wie immer besser: Letztlich schaut noch ein Mitarbeiter drüber und beseitigt – wenn nötig – winzige Makel.

Helleres Licht, neue Böden, optimierte Abläufe – hier schreit es förmlich nach Effizienz. Die hat sich HK einiges kosten lassen: 28 Mio. Euro hat das schwäbische Traditionsunternehmen von Sommer 2019 bis Sommer 2021 für Erneuerungen und Anschaffungen in die Hand genommen. Und damit nicht genug. Koch: "Für diesen Herbst sind noch mal 7 Mio. Euro eingeplant. Mit dem Geld sollen alle Produktionshallen kontinuierlich auf den neuesten Stand gebracht werden."

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Derweil sind die rund 200 Einzelteile für das Sturmgewehr HK416 fertig und warten nun darauf, zusammengesetzt zu werden. Das geschieht in der Montageabteilung. In Handarbeit fertigen Mitarbeiter aus den einzelnen Komponenten die verschiedensten Waffentypen, die das Unternehmen anbietet – auch das HK416, welches an zahlreiche Nato-Streitkräfte verkauft wird und möglicherweise bald in den Händen unserer Bundeswehrsoldaten landet. Im Vergabestreit um den prestigeträchtigen Auftrag mit dem Konkurrenten C.G. Haenel haben die Oberndorfer momentan die Nase vorn.

Die fertigen Waffen sind nun zur Auslieferung bereit – beinahe. "Bevor wir unsere Waffen auf die Reise schicken, muss jede Einzelne getestet werden. Kein Gewehr, keine Pistole verlässt das Haus, ohne sie zuvor auf Überdruck und Funktion getestet zu haben", erklärt Koch. Dies geschieht auf einer der hauseigenen Schießbahnen. Dem gesetzlich geforderten Überdruckbeschuss – hier wird Munition mit deutlich höherer Ladung verschossen – muss jede Waffe standhalten.

Ein Mitarbeiter holt das das HK416 wieder ab

Der Raum vor den Schießbahnen erinnert schwer an einen typischen amerikanischen Actionfilm. Wo man hinschaut liegen Waffen. Zur Reinigung nach dem Beschuss demontierte schwere Maschinengewehre warten darauf, wieder zusammengebaut zu werden. Ein paar Meter weiter verstaut gerade ein Mitarbeiter eine Pistole im Schrank. Um die Ecke steht ein Wagen, beladen mit bekannten Modellen – 20 HK416-Gewehre, bestimmt für die französischen Streitkräfte. Aber: "Diese müssen noch zur Reinigung", sagt Koch, fährt mit dem Finger zum Beweis über die Mündung einer Waffe und zeigt den schwarzgefärbten Finger.

Auf dem Weg zurück in das Büro von HK-Chef Koch werfen wir noch einen Blick in die Versandabteilung – allerdings von außen. Nur die wenigsten haben hier Zugang – selbst die Karte des Chefs weist das Lesegerät ab.

Im Büro wartet schon ein Mitarbeiter, der das eingangs präsentierte HK416 abholt. Ein letzter Blick aus dem Fenster, dann heißt es: Besucherausweis wieder abgeben und zurück in die Redaktion. Das schwere Tor am Eingang schließt sich hinter dem Auto. Da wird noch mal klar: Hier kommt nur rein, wer dort arbeitet oder einen Termin hat.