Für seinen Vortrag hatte Carsten Kohlmann tief im Fundus des Schramberger Stadtarchivs nach Zeitdokumenten gegraben. Foto: Fritsche

Carsten Kohlmann beleuchtete in seinem Vortrag im Schloss ein bisher unbeachtetes Kapitel der Schramberger Fasnetsgeschichte.

Narrenblättle und Nazizeit: Wie konnte das zusammengehen? Für seinen Begleitvortrag zur Sonderausstellung „150 Jahre Narrenblättle“ hatte Kohlmann alle Ausgaben der „Närrischen Wahrheit“ von 1933 bis 1939 akribisch gesichtet und um Hintergrunddokumente ergänzt. So verkündete der „Elfer-Rat“ 1933 in der ersten Ausgabe nach der Machtergreifung noch „Keiner Partei dienstbar“ auf dem Deckblatt. Und inhaltlich fanden sich Spitzen gegen die Politik und entsprechende Persiflagen. Ein Jahr später hieß es 1934 an gleicher Stelle schon vorsichtiger: „Nur dem Humor dienstbar und seinen Trabanten.“ In der gleichen Ausgabe wurde auch der NS-Bürgermeister Fritz Klingler in einer Begrüßung regelrecht umworben. Noch ausgeprägter erfuhr das 1937 dessen Nachfolger Fritz Arnold, ein „150-prozentiger Nationalsozialist“.

 

Von der Ausgabe 1933 an war Siegfried Kummer (1905 bis 1967), Gründer der Schramberger NSDAP-Ortsgruppe, Sonderkommissar und ein Pionier der Da-Bach-na-Fahrt, immer wieder gut für ein Thema, mal als Siegfried „Sigg“ oder auch unter der Überschrift „Sieg, Kummer und Sorge“. Erstaunlicherweise traute man sich bei ihm durchaus, seine Großmannssucht, aber auch seine wahrgenommene „Gefährlichkeit“ kritisch zu glossieren. So hieß es in der Närrischen Wahrheit 1933 drohend: „Wir geben bekannt. Dass wir uns geschlossen am Umzug der Narrenzunft 1934 als Sondergruppe beteiligen werden. Alle vom Siegfried dem Starken Erschossenen.“

„Kampf gegen Miesepeter“

Die Ausgabe 1935 passte sich noch mehr an die neuen Verhältnisse und zeigte ein „neues Sprech“, so Kohlmann. „Wir wollen beweisen, dass es eine unverschämte Lüge ist, wenn gewisse Leute behaupten, man dürfe im Dritten Reiche das Maul nicht mehr aufmachen“, hieß es im „Leitwort“ 1935. Um dann aber fortzufahren, dass der „Kampf“ nach wie vor den „Miesepetern und Nörglern“ gelte.

Das wurde so auch im Folgejahr weitergeführt: Erwin Grüner (1890 – 1958) nahm als „Letzter Meckerer“ an der Fasnet 1936 teil (Beim Hanselsprung 2017 wurde diese Kostümierung noch einmal aufgenommen.) „Und der judenfeindliche Ton der Texte der Ausgaben nahm weiter zu“, berichtete Kohlmann.

1937 wurde schließlich mit der Gründung des „Bund Deutscher Karneval“ die Fasnet „germanisch aufgeladen“, und unter die Kontrolle von Staat und Partei gebracht.

1938 waren die Eingemeindungen von Sulgen, Aichhalden und Lauterbach ein Thema. Unter anderem mit einer Karikatur eines „Schramberger neuen Stadtwappens“ mit Schweinen als Motiv, angeregt von der Schweinemastanstalt am Rappenfelsen.

Mit der letzten „optisch am schönsten von allen gestalteten Ausgaben der Närrischen Wahrheit“ fällt an der Fasnet 1939 der Vorhang: „Unpolitisch, mit Bürgerstreichen aller Art vermittelt sie noch einmal das Bild einer tollen volksgemeinschaftlichen Fasnet.“ Begleitet von krasser Judenfeindlichkeit: Bei der Da-Bach-na-Fahrt startete Karl Dettling (1913 bis 1987) mit dem Zuber „Der letzte Jud’ verlässt den deutschen Boden“ und der Radfahrverein nahm am Fasnetsmontagsumzug mit dem Motiv eines aufzuhängenden Juden teil.

Um von der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte als ebenbürtig anerkannt zu werden, bemühten sich die Schramberger für 1940 noch um das „Schwarzwald-Narrentreffen“. Durch den Kriegsbeginn wurde es gegenstandslos.