Die ehemalige Gemeinde Kinzigtal und Schiltach verbindet eine alte Nachbarschaft, wie Historiker Hans Harter aufzeigt.
Als der Bahnbeamte Ernst Summ 1959 in der Baugrube für sein Haus am Lehen einen alten Grenzstein fand, restaurierte er ihn und stellte ihn in den Garten. So sind seine Zeichen und Zahlen gut zu lesen: „1892“, die Nummer „3“, „G. Sch.“ für Gemarkung Schiltach, „G. K.Th.“ für Gemarkung „Kinzigthal“. Wo aber stießen diese beiden aneinander?
„Kinzigtal“ als Gemeinde entstand 1832, geht jedoch auf einen Vorläufer zurück: Die 1493 genannte „Vogty im Kinzigenthal“. Auch „Stab“ genannt, war es die verwaltungsmäßige Organisation rund um Halbmeil. Landesherr war Fürstenberg, von dem der „Stab Kinzigtal“ 1806 an Baden gedieh. Damals zählte er 140 Häuser mit 132 Familien und 1002 „Seelen“.
Flussaufwärts stieß Kinzigtal auf der rechten Seite beim Bohmen an Lehengericht, auf der linken reichte es hoch bis zum Kuhbach. Nur im Sulzbächle bestand eine Lehengerichter Exklave. Grenze zu Schiltach war die Flussmitte. So lagen die Bereiche vor Heubach, am Lehen, am Hirsch und der Häberlesberg in Kinzigtal, nicht in Schiltach. Schon im Mittelalter schied der Fluss die Herrschaften Fürstenberg und Württemberg. Als „natürliche“ Grenze war er nicht markiert. Was aber, wenn der Flusslauf sich veränderte?
Dies geschah 1881. Da legte der badische Baudirektor Robert Gerwig die Lage des Bahnhofs Schiltach fest: „Unterhalb der Stadt, auf dem rechten Ufer der zu verlegenden Kinzig.“ Das bedeutete, dass der Fluss, der bisher einen Bogen zum Berghang am Lehen machte (heute: Firma Axor), zur Landstraße herüber wandern musste und ein neues, kanalartiges Bett bekam.
Taxierung unterhalb des Werts
So gab es Platz für den Bahnhof und die Gleise, jedoch auf Kosten der Äcker und Wiesen, die sich vom Baumgarten bis an den Lehen erstreckten. Sie wurden taxiert, aber weit unterhalb ihres Werts. So gab es Widerstände: Der Bierbrauer Johann Friedrich Wolber beleidigte einen Geometer (15 Mark Strafe), und es kam zu Zwangsenteignungen für Wilhelmine Baumann, Buchbinder Eyth, Hirschwirt Heinzelmann, Bäcker Wagner, Weißgerber Trautwein, Müller Wolber, Flößer Tobias Joos, die Witwen der Gerber Johann Wolber und Christian Trautwein. Dies war die Kehrseite der 1886 gefeierten Eröffnung der Eisenbahn Freudenstadt-Wolfach.
Nachdem der Fluss verlegt worden war, musste die Grenze zu Kinzigtal neu festgestellt werden. Geometer setzten am Lehen, am früheren Hochufer der Kinzig, 16 Steine. Von ihnen hat Ernst Summ die Nummer 3 gerettet, das Jahr 1892 markierte die Vermessung.
Es war hier nicht die letzte Grenzbereinigung: 1934 wurde der ganze Bereich zwischen Heubach und Kuhbach Schiltach zugeschlagen, womit die Grenzsteine von 1892 ausgedient hatten. Die jüngste Änderung kam 1978 mit der Gemeindereform, als auch vor Heubach an Schiltach gedieh. Da existierte die Gemeinde Kinzigtal schon nicht mehr: 1971 wurde sie Stadtteil von Wolfach. So sind die Buchstaben „G. K. Th.“ eine Erinnerung an die ehemalige Nachbarin über der Kinzig. Ein alter Stein weiß doch Einiges zu erzählen.