Andreas Nagy vor seinem „Wohnzimmer“, dem Polizeirevier Lörrach. Foto: Bernhard Konrad

Lörrachs Polizeichef Andreas Nagy geht nach 44 Jahren im Polizeidienst in den Ruhestand. Zum Abschied blickt er auf die Entwicklung des Berufsbilds.

„Irgendwann kommt dieser Moment – dann spürt man: In meinem Berufsleben tue ich dies oder jenes zum letzten Mal“, sagt Andreas Nagy auf dem Weg zu seinem Büro. Auch dieses Gespräch mit unserer Zeitung wird unsere letzte von etlichen beruflichen Begegnungen sein.

 

Von der Schreibmaschine ins PC-Zeitalter

Nach über vier Jahrzehnten im Berufsleben bewegt Nagy in diesen Tagen jene Verbindung aus freudiger Erwartung und Wehmut, die man nicht vorempfinden, sondern nur in der unmittelbaren Situation erleben kann.

Ein Blick zurück: Die alten Zeiten..., als Polizisten ihre Berichte noch in Schreibmaschinen hämmerten..., als es schließlich den ersten PC im Haus gab..., ein begehrtes Luxus-Arbeitsgerät – nach heutigen Maßstäben unfassbar langsam. Die technische Entwicklung und die Ausstattung der Polizei haben sich seit den 80er Jahren komplett verändert – parallel dazu auch die Möglichkeiten der Kriminellen.

Die Arbeit der Polizei ist schwieriger geworden

Was sich nicht verändert hat – allen Schwierigkeiten zum Trotz: Nagys Idealismus. „Es wird ja immer gesagt, die Polizei hinke bei der technischen Ausstattung gegenüber Kriminellen hinterher. Mag sein. Aber ich glaube, am Ende des Tages gewinnen wir trotzdem.“ Dies, „obwohl es uns die Gerichte nicht leichter machen“, sagt Nagy mit Blick auf die Rechte der Polizei im Umgang mit mutmaßlichen Straftätern. Im Gegenteil: Die Arbeit der Polizeibeamten sei mit den Jahren immer schwieriger geworden.

Nagys Stellvertreter Jürgen Bäuml geht ebenfalls in den Ruhestand Foto: Bernhard Konrad

Dennoch: Vieles ist über die Jahrzehnte hinweg unverändert geblieben. Etwa der Zusammenhalt innerhalb der Truppe, der Teamgeist. Dieser helfe, „Störfeuer von außen auszuhalten.“

Polizisten seien ein besonderer Schlag. Nagy: „Das Thema Gerechtigkeit hat eine große Bedeutung. Dieser Gedanke, tatsächlich Freund und Helfer sein zu wollen. Aber auch die Einsicht, dass es ohne Sanktionen nicht geht.“

Das Telefon klingelt – der Polizeipräsident ist am Apparat, sagt Nagys Kollegin. „Es geht leider grade nicht, bin im Interview mit der Zeitung“, sagt Nagy – und muss schmunzeln.

Was sich auch verändert hat: die Gesellschaft. Gewandelt hat sich damit einhergehend die Wahrnehmung der Polizei. Polizisten werden mittlerweile bei nahezu jedem Einsatz im öffentlichen Raum gefilmt und immer häufiger aggressiv angegangen – „oft von Leuten, die nichts oder kaum etwas über die Situation wissen, in der sich die Polizeibeamten gerade befinden“, sagt Nagy. Respektlosigkeiten habe es früher auch gegeben, aber in weitaus geringerem Umfang.

Der Wille, die Gesellschaft besser zu machen

Dennoch: Das Gute habe in seinem Beruf überwogen. „Die Aufgabe, die Kollegen, die Menschen“, sagt Nagy: „Ich würde es morgen wieder tun.“ Der Wille, die Gesellschaft ein bisschen besser zu machen, helfen zu können: Das sei immer ein Antrieb für ihn geblieben.

Und es ist ihm stets ein Anliegen geblieben, insbesondere den jungen Kollegen diese Sinnhaftigkeit zu vermitteln.

Ohnehin seien die Aufgaben im Revier nur mit hoher Einsatzbereitschaft zu bewältigen. Eine Dauerherausforderung sei die dünne personelle Besetzung. Nach wie vor fehle in Lörrach rund 20 Prozent Personal. Nagy: „Als Polizist muss man immer die Bereitschaft zur Improvisation mitbringen. Diese Haltung: Irgendwie schaffen wir das.“

Ein letzter, kräftiger Händedruck des Lörracher Polizeichefs – und es scheint, als wäre der erfahrene Profi für einen kurzen Moment ein bisschen angefasst. Dann nimmt er die Stufen der Außentreppe – zurück ins Revier, sein „Wohnzimmer“, wie er immer sagt – wo er am Freitag verabschiedet wird. Gemeinsam mit Jürgen Bäuml, seinem langjährigen beruflichen Weggefährten, der als Leiter der Führungsgruppe in den Ruhestand geht.