Urologe gibt Tipps Blasenentzündung: Entspannt pinkeln hilft
Im Sommer haben viele Frauen und Mädchen Blasenentzündung. Wie sich dem unangenehmen Leiden vorbeugen lässt und warum es in den meisten Fällen keine Antibiotika braucht.
Ständig aufs Klo. Und dazu dieses schmerzhafte Brennen, das einen weder ruhig sitzen noch liegen lässt. Die paar Tropfen Urin, die dann kommen, sind trüb und riechen übel. Im Jahr 2023 wurde im Südwesten 155 484 Mal eine Blasenentzündung diagnostiziert. Die Angaben beziehen sich auf Versicherte der AOK Baden-Württemberg, der größten Krankenkasse im Land. In Stuttgart waren es 8721 Diagnosen. In rund 95 Prozent der Fälle waren Frauen betroffen. Und das nicht nur einmal: „Zwei- bis drei einfache Entzündungen pro Jahr gelten als unproblematisch und normal“, sagt Ulrich Humke, Ärztlicher Direktor der Klinik für Urologie und Transplantationschirurgie am Klinikum Stuttgart.
Darmbakterien in der Blase lösen die Infektion aus
Es ist hauptsächlich das Bakterium Escherichia Coli – auch E. coli genannt – das für die Beschwerden verantwortlich ist. Normalerweise ist dieser Keim im menschlichen Darm zuhause, er kann aber auch in die Harnröhre wandern. Heften sich Colibakterien an die Oberflächenrezeptoren der Schleimhautzellen von Harnröhre und Harnblase, kommt es zur Infektion: Die Bakterien dringen in die Schleimhautzelle hinein, stören den dortigen Stoffwechsel und es kommt zur Entzündung.
Dass Frauen und Mädchen von Blasenentzündungen häufiger betroffen sind als Männer, liegt an der Anatomie des weiblichen Körpers: Bakterien können leichter bis zur Blase vordringen, weil die weibliche Harnröhre vergleichsweise kurz ist und der Anus wiederum recht nahe liegt.
Die richtige Sitzhaltung auf dem Klo kann vorbeugend sein
Wird dann nach dem Toilettengang falsch abgewischt – also vom Anus Richtung Scheide –, haben die Erreger leichtes Spiel. Auch wer sich zu oft den Klogang verkneift, obwohl die volle Blase drückt, fördert das Risiko einer Infektion, warnt Humke.
Daher gilt die Regel: Stets rechtzeitig zur Toilette zu gehen, um die Blase vollständig zu leeren – und das ohne Pressen. Das funktioniert am besten, wenn Frauen dabei entspannt auf dem Klo sitzen, bei aufrechtem Oberkörper und leicht geöffneten Oberschenkeln. „Keinesfalls sollte der Oberkörper vornübergebeugt auf Knien oder Oberschenkel ruhen, wie man es oft bei kleinen Mädchen beobachtet“, sagt Humke.
Sex, Blasenentzündung und Alter der Frau
Sex gilt ebenfalls als eine der Hauptursachen für eine Infektion: „Da geraten schnell mal Darmbakterien über die Scheide in die Harnröhre“, sagt Humke. Zudem können spezielle Verhütungsmethoden wie vaginale Cremes oder in die Scheide eingebrachte Membranen das Risiko erhöhen.
Bei reiferen Frauen kann auch der Hormonspiegel eine Rolle spielen: So sinkt in der Menopause der Östrogenspiegel. Das führt dazu, dass die Harnröhre nicht mehr ganz so gut durchblutet ist und dieser natürliche Infektionsschutz durchlässiger wird.
„Ein weiterer Schutzmechanismus ist der hohe Säuregehalt im Sekret der weiblichen Scheide durch die dort natürlicherweise vorhandenen Milchsäurebakterien“, sagt Humke. Werden diese weniger, können Darmbakterien schlechter abgewehrt werden.
Schwangere Frauen haben ein hohes Infektionsrisiko
Schwangere sind ebenfalls stärker gefährdet: „Das Immunsystem der Frau ist herunterreguliert, um eine Abwehrreaktion gegen das wachsende Kind im Mutterleib zu vermeiden“, sagt Humke. Dadurch können sich Bakterien auch in den Harnwegen leichter entwickeln. Auch haben werdende Mütter aufgrund des größer werdenden Bauchs Probleme, ihre Blase richtig zu entleeren. Auch die Zusammensetzung der Bakterien in der Scheide ändert sich: Die Säurebildung lässt nach und unerwünschte Bakterien können weniger gut kontrolliert werden.
Schwangere, bei denen eine Blasenentzündung im Anflug ist, sollten daher einen Arzt aufzusuchen: „Hier muss obligatorisch eine antibiotische Therapie gestartet werden“, sagt Humke. Dies gilt auch für Patienten mit speziellen Stoffwechselerkrankungen oder nach Transplantationen, da in solchen Fällen die natürlichen Abwehrkräfte des Körpers herabgesetzt sind.
Ebenfalls Antibiotika braucht es, wenn sich zu den üblichen Beschwerden auch Fieber hinzugesellt: „Das ist ein Zeichen, dass sich die Entzündung weiter ausbreitet und auf die Niere übergreift“, sagt Humke. In Baden-Württemberg wird laut AOK knapp die Hälfte der Fälle mit Antibiotika behandelt (46 Prozent).
Pflanzliche Mittel können Heilung unterstützen
Antibiotika sind allerdings nicht immer die beste Lösung: „Eine unkomplizierte, nicht fieberhafte Blasenentzündung heilt ohne Antibiotikagabe bei einer von zwei Betroffenen innerhalb einer Woche spontan aus. Wartet man weiter ab, so kommt es in der Regel bei allen Betroffenen zur Abheilung“, sagt Humke.
Blasen-Nierentees und entzündungshemmende Substanzen wie Ibuprofen oder Diclofenac können die Heilung beschleunigen. Präparate mit Mannose sind ebenfalls zu empfehlen: Dabei handelt es sich um eine Zuckerart, die vor allem E.coli-Bakterien bindet. Der Zucker lagert sich an die Bakterien und verhindert auf diese Weise, dass sie sich an der Blasenwand festsetzen.
Pflanzliche Mittel helfen definitiv, sagt Humke: So kann die Anwendung von Präparaten wie Uva Ursi oder BNO 1045 bei mehr als drei Viertel der Erkrankten die Einnahme von Antibiotika überflüssig machen. „Eine Behandlung ohne Antibiotika verlängert definitiv den Krankheitsverlauf, ist aber nicht gefährlich und schädigt die Blase auf Dauer nicht.“
So gut helfen Spritzen gegen Blasenentzündungen
Für Patienten, bei denen die Blasenentzündung inzwischen chronisch geworden ist, kann eine sogenannte Immunstimulierung in Frage kommen: Der Impfstoff OM-89 beispielsweise – vormals Urovaxom genannt – wird täglich einmal über drei Monate als Kapsel geschluckt. Die Erfolgsrate beträgt zwischen 50 und 80 Prozent. Ein weiterer Impfstoff ist StroVac. Dieser wird dreimal im Abstand von zwei Wochen in die Oberarmmuskulatur injiziert und bietet je nach Studie zwischen 22 und 90 Prozent Schutz.
Das Problem bei all diesen Möglichkeiten der Immunprophylaxe ist, dass nicht alle Erregerstämme, die eine Blasenentzündung auslösen können, abgedeckt werden, sagt Humke. Dementsprechend schwankend ist auch die Erfolgsrate. Daher gilt: Man muss die Betroffenen gut über die verschiedenen Möglichkeiten aufklären und dann ausprobieren und sehen, was hilft.