Ein neues Gesicht aus Spanien: Macarena García als Carmen in „Blancanieves“ Foto: Verleih

Der Baske Pablo Berger verlegt das Märchen „Schneewittchen“ in seinem Stummfilm „Blancanieves“ ins Stierkampfmilieu.

„Spieglein, Spieglein“, fragt die Stiefmutter – und Schneewittchen wird für die Antwort büßen. Regisseur Pablo Berger hat das 200 Jahre alte Märchen der Gebrüder Grimm als „Blancanieves“ ins Spanien der 1920er verlegt. Sein schwarzweißer Stummfilm ist für den Europäischen Filmpreis nominiert.
Señor Berger, Schneewittchen ist eine Kulturikone, die Zahl sieben eine magische Märchenzahl, das Märchen vielfach verfilmt, erstmals 1916 als Stummfilm. Was ist neu an Ihrer Version?
Die Handlung und die Figuren wurden nach Sevilla verlegt, in das alte archaische Spanien der 1920er Jahre. Es ist ein märchenhaftes Melodram, eine Mischung aus Fantasy, Abenteuer- und Horrorfilm mit einer kräftigen Dosis schwarzen Humors.
Und warum musste es ein Stummfilm sein?
Film ist für mich eine Zeremonie mit kathartischen Elementen. Und als ich zum ersten Mal in meinem Lebe/n einen Stummfilm mit Orchesterbegleitung sah, „Greed“ von Erich von Strohheim, hatte ich Gefühle, die ich im normalen Tonfilm nie hatte. Ich beneide Komponisten. Sie können mit drei Noten große Emotionen wecken. Der Film als künstlerisches Medium erzählt eine ­Geschichte. Dialoge sind nicht so wichtig. Wenn einer sagt: „Ich liebe dich“, dann ist vor allem wichtig, dass man sieht, dass er liebt. Emotion statt Sprache also.
Schneewittchen ist bei Ihnen die Tochter eines Stierkämpfers und einer Flamencotänzerin. Und die sieben Zwerge sind kleinwüchsige Menschen in einer Welt vor Männlichkeit strotzender Matadore. Trotzdem sagen Sie, „Blancanieves“ sei ein „sehr französischer Film“ geworden.
Ich bin in Bilbao geboren und als Baske dem französischen Lebensgefühl näher als dem südspanischen. Und ich wollte einen romantischen Film machen – meine Vision von Spanien ist romantisch. Mit Stierkampf und Flamenco sind natürlich exotische Elemente im Film. Aber Liebe, Hass und Rache sind universell. Stilistisch ist es eine Liebeserklärung an den europäischen Stummfilm ­geworden. Meine Vorbilder waren Filme wie „Napoleon“, 1927 von Abel Gance gedreht, oder „Carmen“, 1918 von Ernst Lubitsch.
Wie würden Sie die Musik von Alfonso de Vilallonga charakterisieren, die den gesamten Film begleitet?
Die Musik ist in „Blancanieves“ ein wichtiger Protagonist. Eigentlich würde ich den Film auch lieber Musikfilm nennen als Stummfilm. Vier Monate habe ich täglich mit Alfonso gearbeitet. Es ist eine Musik voller Farben und Bewegung. Es gibt sinfonische und kammermusikalische Momente. Der deutsche Komponist Kurt Weill stand Pate, französische Impressionisten wie Olivier Messiaen und Spanier wie Manuel de Falla, aber auch der Flamenco. Ich würde die Filmmusik eklektizistisch nennen.
Michel Hazanavicius Stummfilm „The Artist“ wurde mit großem Erfolg 2011 in Cannes aufgeführt. Was fühlten Sie damals?
Wollen Sie es wirklich wissen? Ich dachte: Scheiße! Acht Jahre hatte an meinem Projekt gearbeitet, endlich stand auch die ­Finanzierung und dann „The Artist“! Der formale Überraschungseffekt war weg. Aber ich sehe alles positiv und dachte: Am Ende wird es uns nützen.
Inzwischen gab es auch schon viele Preise für „Biancanieves“ – allein zehn Hauptpreise beim spanischen Filmpreis Goya und in San Sebastian 2012 den Spezialpreis der Jury Beste Schauspielerin für Macarena Garcia. Sie spielt die Rolle der Carmen, Ihre Interpretation des Schneewittchen. Wo und wie haben Sie Macarena Garcia gefunden?
Ich wollte ein neues Gesicht, so wie Penélope Cruz, die der Regisseur Bigas Luna für seinen Film „Jamon, Jamon“ von 1992 entdeckt hat. Wir fanden Macarena unter Tausenden, die wir in Barcelona, Madrid, Sevilla und im Internet suchten. Sie lebt in Madrid, es ist ihre erste große Kinopräsenz. Für ihre Rolle als Stierkämpferin hatte sie nur drei Wochen Vorbereitungszeit.
„Blancanieves“ ist in den wichtigsten Kategorien beim Europäischen Filmpreis nominiert. Was bedeuten Ihnen „Beste Regie“ oder „Bester Europäischer Film“?
Alle Regisseure haben ein großes Ego, Sie brauchen keine Preise. Aber das Preisgeld würde ich für mein neues Projekt einsetzen. Ich muss mich zwischen zwei Drehbüchern entscheiden. Und ich würde wieder einen Stummfilm machen. Ja, eine Preisvergabe wäre die Rosine im Kuchen.
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