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Bisingen Kein Lokal mehr für Sitzungen

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Nachdem die letzte Gaststätte Thanheims geschlossen hat, beschäftigt sich der Ortschaftsrat intensiv mit dem Thema Bürgergaststätte. Casimir Bumiller aus Jungingen hat die nach eigenen Angaben erste Bürgerwirtschaft Deutschlands mitgegründet. Und für die Thanheimer hat er einige hilfreiche Tipps parat. Foto: Kauffmann Foto: Schwarzwälder Bote

Was Thanheim vorhat, ist in Bollschweil bei Freiburg schon Realität: Dort gibt’s die genossenschaftliche Bürgergaststätte "Bolando", die Casimir Bumiller aus Jungingen mitgegründet hat. Weil er aus der Gegend kommt, macht er den Thanheimern ein besonderes Angebot.

  Aufsichtsratsvorsitzender

Bumiller ist 2006 in die Genossenschaft eingetreten, 2011 wird er in den Aufsichtsrat gewählt, bis ins Jahr 2017 fungierte er als Vorsitzender dieses Gremiums. Seither ist er stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. Grund für den Eintritt in die Genossenschaft war, dass das letzte Lokal im Ort schloss und er als Vorsitzender des historischen Vereins kein Lokal für Sitzungen und Veranstaltungen mehr hatte.

 Der Historiker

Als langjähriger Funktionsträger hat er umfassende Erfahrungen gesammelt, wenn es um das Thema Bürgerwirtschaft geht. Bumiller, Jahrgang 1951, ist in Jungingen aufgewachsen, in Hechingen ging er zur Schule. An der Universität Freiburg studierte er Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaften. 1980 bis 1984 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar, weitere berufliche Stationen führten ihn unter anderem nach Singen ins Kulturamt. Seit dem Jahr 1988 ist er freiberuflich tätig als Ausstellungsmacher, Verfasser von Ortschroniken und freier Publizist, zudem nahm er einen Lehrauftrag am Historischen Seminar der Uni Freiburg und am Historischen Seminar der Universität Basel in der Schweiz an.

 Neue Heimat

Eine neue Heimat hat er in Bollschweil gefunden, das südlich der Baden-Metropole Freiburg liegt. Regelmäßig besucht er seine alte Heimat im Zollernalbkreis.

Bisingen-Thanheim. Casimir Bumiller kennt die nagende Ungewissheit: "Niemand wusste, ob die Idee funktioniert." Das war schon im Jahr 2006, als engagierte Bürger Bollschweils eine Genossenschaft als Betreiber einer Bürgergaststätte haben gründen wollen. "›80 Essen kriegt ihr nie los‹", unken Zweifler anfangs. Doch inzwischen gehen im "Bolando" täglich bald doppelt so viele Essen über die Theke, und die Gaststätte beschäftigt drei Köche, zwei Servicekräfte und einen Geschäftsführer.

Dazu kommen mehrere Aushilfen, die auf 450-Euro-Basis arbeiten. Es ist eine Erfolgsgeschichte. Ist es ein Modell, das auch in Thanheim Aussicht auf Erfolg hat? Bumiller, der jahrelang Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft in Bollschweil gewesen ist, verrät den Thanheimern einige Tipps dazu.

  Großer Aufwand: "Man muss nicht aus der Branche kommen, aber man muss sich reinknien", ist einer der ersten Sätze, die er während des Telefoninterviews sagt. Ohne Leute, die mit Leib und Seele hinter dem Projekt stehen, funktioniere es nicht. Er gibt den Thanheimern eine Schritt-Für-Schritt-Anleitung, wie sie zu ihrer eigenen Bürgerwirtschaft kommen:

 Genossenschaft schlägt Verein: Bumiller sagt: Zuerst gehe es um die "Generierung von Kapital". Eine Genossenschaft sei dafür besser geeignet als ein Verein. Man stelle sich einen Vereinsbeitrag von "20 bis 100 Euro pro Jahr" vor: Bis unter solchen Voraussetzungen "erkenntliche Summen" zusammenkommen, dauere es ja "zehn Jahre" – also viel zu lange.

  Die Bürger fragen: Wer kann sich ernsthaft vorstellen, Genossenschaftsanteile zu kaufen? Das ist die Frage, die Bumiller in einer Umfrage an alle Thanheimer stellen würde. In Bollschweil waren es 1000 Euro pro Mitglied. Insgesamt habe die Genossenschaft 240 Mitglieder, habe damit also schon einmal Beiträge in Höhe von 240 000 Euro erhalten. Teils haben Mitglieder mehrere Anteile gekauft, sodass zu Beginn insgesamt 340 000 Euro auf dem Konto der Genossenschaft lagen. Doch selbst, wenn es weniger Genossenschaftsmitglieder wären, könnte die Idee funktionieren, wenn man keine Immobilie kaufen oder umbauen muss – zum Beispiel, wenn in Thanheim die Gemeinde den ehemaligen Adler kauft.

Außerdem empfiehlt Bumiller, eine Anzeige im Amtsblatt zu schalten: Mindestens eine halbe Seite, dass jeder es sieht. Dabei kurz umreißen, was man vor hat und fragen, wer sich vorstellen kann, Mitglied in der Genossenschaft zu werden.

  Mit den Eigentümern sprechen: "Das ist insofern relevant, als dass das Haus, in dem die Wirtschaft eingerichtet werden sollte, zum Verkauf stand", erklärt er mit Blick auf Bollschweil. Falls die Immobilie in Thanheim noch nicht verkauft ist, empfiehlt Bumiller: Mit den Eigentümern sprechen, sodass die Immobilie nicht an einen Investor fällt, der Wohnungen bauen will und auf maximale Rendite aus ist. "Mit einem Kredit und einer enormen Summe Eigenleistung haben wir das Haus in eine Gastronomie umgewandelt", erzählt er über seine Erfahrung.

 Statuten entwickeln: Falls der Rücklauf der Umfrage entsprechend groß ausfällt, sollten Statuten ausgearbeitet werden. Bumiller verweist auf zahlreiche Beispiele, die im Internet frei verfügbar sind. Bumiller sagt, dass er den Thanheimern bei der Aufstellung der Statuten gerne behilflich sein kann. In einer Vollversammlung, an der alle Genossenschaftsmitglieder teilnehmen, werden diese Statuten dann beschlossen.

Gegebenenfalls sollten die Thanheimer auch Zeit für Umbaumaßnahmen, für die Suche nach Personal und das Konzept der Wirtschaft einkalkulieren.

 Engagierte Mitglieder werben: "Es ist eine romantische Vorstellung, dass jeden Abend fünf andere Frauen in der Küche stehen", stellt Bumiller klar. Vor allem in den Gremien, Vorstand und Aufsichtsrat, brauche es die "Bereitschaft von Leuten, die es machen wollen". Ohne sie scheitert das Projekt.

Thanheim hätte mit den Mitgliedern des Ortschaftsrats durchaus Potenzial, ausreichend engagierte Personen zu versammeln. Ob sie jedoch die Zeit und die Muße aufbringen können, sich in solch hohem Maße bei einer Bürgerwirtschaft einzubringen?

  Auf Zweifel und Überforderung gefasst sein: Ob das Bollschweiler Modell nach Thanheim exportiert werden kann, vermochte er auf Nachfrage nicht zu sagen. Was er jedoch sicher weiß: "Niemand von uns hatte Ahnung, worauf er sich da einlässt." Viele der Mitglieder in den Gremien seien zeitweise überfordert gewesen. Jeder habe eine Idee gehabt, wie die Gaststätte funktionieren muss.

Deshalb meint Bumiller: "Es braucht Egos, die durchmarschieren." Dies sei zwar ein Garant für Erfolg, vergraule aber auch andere, die sich nicht durchsetzen können. Erfolg und Misserfolg hingen im Wesentlichen von den Charakteren ab, die in Vorstand und Aufsichtsrat aktiv seien.

 Das Angebot: Die Gaststätte Bolando in Bollschweil, nach eigenen Angaben die erste Bürgergaststätte Deutschlands, erhalte monatlich zahlreiche Anfragen von vielen anderen Gemeinden aus ganz Deutschland, berichtet Bumiller. Wenn die Thanheimer sich bei ihm meldeten, würde er sich freuen, mit ihnen persönlich ins Gespräch zu kommen. Bumiller weiter: "Ich würde in diesem Fall aus persönlichem Interesse nach Thanheim fahren." Er verweist schon einmal darauf, dass er im Sommer einige Monate verreist sein wird.

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