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Bisingen Ende des Leidens kommt in aller Stille

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"Jetzt kann Heilung sein": Selda Stamberg (Mitte) nimmt Schwester Silvia Pauli in den Arm. Shalom Stamberg, Überlebender des KZ Bisingen, drückt ihr wenig später die Hände. Seine Botschaft an sie: "Du bist nicht schuld." Foto: Rath Foto: Schwarzwälder-Bote

Von Volker Rath

Bisingen. Schwester Siliva Pauli ist 49 Jahre alt, aber ihr Leben hat erst vor vier Jahren angefangen. Ihr wirkliches Leben, wie sie selbst sagt. Es begann mit einem Schock, im Heimatmuseum Bisingen, in dem die Geschichte des Konzentrationslagers Bisingen aufgearbeitet ist. Es begann beim Betrachten des Bildes, das einen Mann in SS-Uniform zeigt. Am Donnerstag kehrte die Ordensfrau zurück an jenen Ort, der das Schicksal ihrer Familie prägte, und damit auch ihr eigenes. Silvia Pauli ist Enkelin des damaligen KZ-Kommandanten Johannes Pauli. Diesmal sollte sie Shalom Stamberg treffen, Überlebender des KZ Bisingen. Erstmals nach fast 70 Jahren begegneten sich hier ein Opfer des Holocausts und die Nachfahrin eines Täters – ein schicksalhaftes Treffen mit einem außergewöhnlichem Ausgang.

Der 28. November 2013 ist ein nasskalter Tag. Graue Wolken liegen über dem Fuß der Schwäbischen Alb, Nieselregen taut den ersten Schnee des Jahres weg. 170 Kilometer weiter steigt Silvia Pauli aufgewühlt ins Auto. "Was passiert jetzt?" Zwei weitere Ordensschwestern der Kommunität Diakonissenhaus Riehen in der Schweiz, ihrem Orden, begleiten sie auf dieser schweren Fahrt, die in die Vergangenheit ihrer Familie und ihre eigene Zukunft führen soll. Sie fährt los in der Hoffnung auf eine "besondere, segensreiche Begegnung" – für Shalom Stamberg und für sie. Am Nachmittag trifft sie den 86-Jährigen und dessen Frau Selda erstmals. Das Ehepaar ist aus Tel Aviv in Israel angereist, anlässlich des 10. Jubiläums des Vereins Gedenkstätten KZ Bisingen. Sie sind bereit, Silvia Pauli zu treffen. Und weil Selda Stamberg (82) eine herzliche Frau ist, nimmt sie die Ordensschwester erst mal in den Arm. "Das hat mir wohlgetan", sagt Pauli, "ich war sprachlos."

Sprachlosigkeit. Darunter hat Silvia Pauli lange gelitten, in ihrem "alten Leben". Ein "Trauma", das seit Jahrzehnten auf ihrer Familie lastet, unausgesprochen, verdrängt, totgeschwiegen. Aber trotzdem allgegenwärtig. Was es bedeutet, Nachkomme eines Kriegsverbrechers zu sein, schildert sie vor rund 40 Zuhörern im Heimatmuseum Bisingen. Uta Hentsch, Vorsitzende des Gedenkstättenvereins, führt das Interview. Die Offenheit und ihre einfachen Worte, in denen Pauli das Unbeschreibliche erzählt, beeindrucken. Manchen im Saal rührt das Gespräch zu Tränen.

Die Leidenszeit der Silvia Pauli begann vor etwa 45 Jahren. In der Familie sei das Leben ihres Großvaters nie thematisiert worden. Fragen wurden abgeblockt. Da habe sie gespürt: "Irgend etwas muss dahinter stecken, hinter dieser Verschwörung." Schuld sei nicht vererbbar, habe ihr ein Psychotherapeut erklärt, wohl aber deren Folgen, selbst über Generationen hinweg. Es drücke sich aus in Krankheiten wie Depressionen, oder in Kinderlosigkeit. Die zierliche Frau befolgte dessen Rat und begann, "das Lügenhaus" der Familie einzureißen. Die Erkenntnisse über den Großvater hätten sie erst mal überfordert. "Er ist ja mein Fleisch und Blut. Das hat mir den Boden weggezogen", sagt Schwester Silvia. Trotzdem sei sie den Weg weitergegangen, um den Bann zu brechen, der auf ihrer zerrütteten Familie laste. "Ich wollte nicht mehr schweigen."

Ihr Vater leide ebenfalls, still und allein. "Er hat panische Angst, dass die Leute auf ihn mit dem Finger zeigen", so Pauli, "das sitzt ganz, ganz tief". Er denke von sich, ein schlechter Vater zu sein. Von ihrem Besuch in Bisingen wisse er übrigens nichts. "Ich lehne mich weit, weit hinaus. Ich weiß nicht, was passiert, wenn er es erfährt. Aber ich weiß, dass es richtig ist." Es gebe kein Zurück.

Den "Durchbruch" in ein "authentisches, eigenes Leben" ohne Leiden habe vor vier Jahren der Besuch in Bisingen gebracht. "Es war in aller Stille. Die Angst musste weichen. Es hat das Erbe von uns genommen, von mir und meiner Familie", so die Schweizerin. Jetzt könne "Heilung" eintreten. Sie sei Shalom Stamberg dankbar, dass er sich mit ihr an einen Tisch gesetzt habe und sie sich anschauen konnten.

Am Ende ihrer Erzählungen herrscht Stille im Saal. Shalom Stamberg, der das Gespräch schweigend und mit Blick zur Decke verfolgt hat, steht auf, ebenso seine Frau. Selda Stamberg nimmt Schwester Silvia in den Arm, streichelt ihr Hände und Wangen. Shalom Stamberg wartet, dann drückt auch er der Schwester die Hände. Er sagt leise: "Du bist nicht schuld."

u  Die Feiern zum 10. Jubiläum des Vereins Gedenkstätten KZ Bisingen gehen heute, Samstag, weiter. Um 19.30 Uhr referiert die Historikerin Christine Glauning im Heimatmuseum über den Aufbau der KZ-Gedenkstätte Bisingen. Morgen, Sonntag, spricht Shalom Stamberg um 14 Uhr das jüdische Totengebet Kaddisch auf dem KZ-Friedhof Bisingen. Beide Veranstaltungen sind öffentlich.

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