Obwohl dem Calwer Rat die Anlagen nicht gefallen, sprach er sich dennoch klar dafür aus, das Projekt weiterzuverfolgen – bevor es ein anderer tut und die Stadt leer ausgeht. Doch offenbar formiert sich Widerstand. Das könnte zum Bumerang werden.
Sind Windkraftanlagen schön? Wer die Calwer Gemeinderäte Jürgen Ott (Gemeinsam für Calw), Dieter Kömpf (Freie Wähler), Bernhard Plappert (CDU) oder Gudrun Mogler (SPD) fragt, wird eine deutliche Antwort bekommen: Nein.
„Mir gefallen diese Windräder überhaupt nicht“, meinte Ott. Plappert sagte diplomatisch, sie seien „nicht attraktiv – es gib Schöneres“. Kömpf und Mogler pflichteten bei.
Der Beschluss des Gemeinderats am Mittwochabend in Sachen Windkraft orientierte sich jedoch nicht an der Schönheit der Anlagen. Und „Atomkraftwerke sind ja auch nicht schön“, fügte etwa Mogler hinzu. Selbiges gelte für Braunkohlehalden oder Kohlekraftwerke.
In seiner jüngsten Sitzung entschied sich das Gremium bei drei Gegenstimmen dafür, einen Gestattungsvertrags mit der Firma Alterric Deutschland GmbH abzuschließen. Das Unternehmen hat damit das grundsätzliche Recht, geeignete Flächen der Stadt für die Entwicklung und Umsetzung eines Windenergieprojekts im Bereich des Gewerbegebiets Lindenrain zu nutzen.
Die Stadt Calw arbeitet dabei eng mit Wildberg und Gechingen zusammen, da die so genannten Windvorranggebiete, um die es geht, die Gemarkung aller drei benachbarter Kommunen betrifft.
Was ist geplant?
Im Projektgebiet „Lindenrain“ sollen fünf bis acht Windenergieanlagen (WEA) gebaut werden. Die geplanten Anlagen haben eine Nabenhöhe von 179 Metern und eine Gesamthöhe (mit Rotorblatt) von 266,5 Metern.
Wie viele Anlagen es genau werden könnten, hängt unter anderem von den Ergebnissen diverser Gutachten ab, die erst noch erstellt werden müssen – darunter etwa in Sachen Artenschutz. Auch gesetzliche und technische Rahmenbedingungen spielen eine Rolle.
Eine Beispielrechnung mit sieben Windrädern kommt laut Unterlagen mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent auf rund 86 Millionen Kilowattstunden pro Jahr. Mit einer solchen Menge an Strom können bis zu 21 500 Haushalte (mit jeweils einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden) versorgt werden. „Doppelt so viele, wie es Haushalte in der Stadt gibt“, so Calws Oberbürgermeister Florian Kling. Pro Windrad werden dauerhaft etwa 0,7 Hektar Fläche benötigt.
Wie nah rücken die Anlagen an die Orte heran?
Der geplante Abstand der Anlagen (Luftlinie) zu den nächstgelegenen Ortslagen beträgt zu Gechingens Gewerbegebiet rund 1100 Meter, zu Holzbronn etwa 1500 Meter, zu Stammheim etwa 1000 Meter und zu Gültlingen etwa 2050 Meter.
Welche Vorteile sieht die Stadt darin, eigene Flächen zur Verfügung zu stellen?
„Die Stadt Calw hat durch dieses Projekt die Möglichkeit, die Nutzung eigener Flächen aktiv zu steuern und langfristig von stabilen und fairen Einnahmen aus der Verpachtung der Flächen zu profitieren“, steht in den Unterlagen zu lesen. Außerdem werde das Unternehmen auch in Calw Gewerbesteuer zahlen. Das so eingenommene Geld könne etwa für andere Projekte in der Stadt genutzt werden.
Darüber hinaus sei es so möglich, auch eine Beteiligung der Bürger an der Windkraft auszuhandeln, wovon jeder direkt profitieren könnte – möglicherweise durch günstigeren Strom.
Steht mit der jüngsten Entscheidung des Gemeinderats sicher fest, dass Windräder bei Lindenrain gebaut werden?
Nein. Wie Oberbürgermeister Kling ausführte, müssten nicht nur zunächst zahlreiche Gutachten eingeholt werden – etwa in Sachen Schall, Schattenwurf, Standorteignung oder Naturschutz –, es werde auch ein Jahr lang der Wind gemessen. „Es kann also sein, das ganze Projekt scheitert, weil kein Wind weht“, erklärte er.
Der Prozess steht aktuell noch weitgehend am Anfang.
Wird es einen Bürgerentscheid geben?
Das ist bislang unklar. Peter Drenckhahn (AfD), der generell Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Anlagen äußerte, stellte in der jüngsten Sitzung einen Antrag, einen solchen Bürgerentscheid umzusetzen.
Da er das jedoch bereits in einer vorherigen Sitzung beantragt hatte (dies war deutlich abgelehnt worden), durfte Kling den Antrag aus rechtlichen Gründen nicht erneut zulassen.
Daran änderte auch Drenckhahns Argumentation nichts, die Situation habe sich durch den Bürgerentscheid in Ostelsheim verändert.
Dort hatten die Bürger am 13. April mit 57,3 Prozent entschieden, das Projekt Windräder nicht weiterzuverfolgen und aus dem Gestattungsvertrag mit den Stadtwerken Tübingen auszusteigen. Nun drohen Kostenerstattungen an letztere. Vor solcherlei finanziellen Schäden, so der AfD-Rat, wolle er die Stadt bewahren.
Einen Bürgerentscheid werde es seiner Ansicht nach so oder so geben, da er und andere Windkraftgegner (auch in Gechingen und Wildberg) bereits aktiv und die erforderlichen Unterschriften in kurzer Zeit gesammelt seien.
Und: Der Bürgerentscheid könne ja auch für die Windkraft ausfallen, meinte Drenckhahn. Einen solchen Fall gab es im Juni 2024 in Weil der Stadt. Dort sprach sich eine deutliche Mehrheit von 63,7 Prozent für die Entwicklung von Windenergieanlagen aus.
Könnte ein Bürgerentscheid die Errichtung von Windrädern bei Lindenrain verhindern?
Stand heute: Nein. Ein Bürgerentscheid würde lediglich die Stadt Calw dazu verpflichten, keine eigenen Flächen für ein solches Vorhaben zur Verfügung zu stellen.
Innerhalb der ausgewiesenen Windvorranggebiete gehören aber auch anderen Eigentümern noch große Grundstücke – allen voran Forst BW –, die nicht an einen Bürgerentscheid gebunden wären.
Das Ansinnen der Stadt, selbst in Sachen Windräder aktiv zu werden, sei insofern nicht nur davon getrieben, „dass wir das wollen“, meinte der Oberbürgermeister. Sondern auch davon, dass sonst andere Eigentümer ihre Flächen zur Verfügung stellen könnten. „Da ist Schnelligkeit gefragt“, sagte Kling entsprechend.
Ansonsten könne es passieren, dass trotzdem Windräder gebaut werden. Allerdings hätte die Stadt dann keinerlei Mitspracherecht mehr und würde auch nicht von den Anlagen profitieren – etwa durch Pachteinnahmen oder auch günstigeren Strom für die Bürger vor Ort.
Was sagt der Gemeinderat zu den Plänen?
Kömpf war im Zuge der Diskussion wichtig, einen Mindestabstand von 1000 Metern zu besiedeltem Gebiet zu fixieren (was das Gremium am Ende mitbeschloss). Forderungen nach einem Bürgerentscheid hält er für „nicht ganz zu Ende gedacht“ – weil ein solcher eben nur die Flächen der Stadt, nicht aber grundsätzlich einen Bau von Windrädern ausschließen würde. Ott schloss sich ihm dabei an.
„Die Energiewende können wir nicht aufhalten, nur verpassen“, meinte auch Johannes Schwarz (Grüne). Zudem forderte er eine möglichst zeitnahe Bürgerinformation – und einen Strombonus für alle, die im Umfeld der geplanten Windräder wohnen, unabhängig vom jeweiligen Stromanbieter.
Plappert erklärte, dass der Stromverbrauch nicht zuletzt durch E-Mobilität in den kommenden Jahren steigen dürfte, daher sei ein Ausbau nötig. Kernkraft stelle keine Alternative dar. Einer der Gründe: „Wir haben Atomenergie seit 1960 und immer noch kein Endlager.“ Eine dezentrale Stromproduktion sei nicht zuletzt wichtig, um bei einem Ausfall nicht flächendeckend Probleme zu bekommen.
Drenckhahn schließlich räumte ein, dass die Windräder auch bei einer Ablehnung seitens der Stadt trotzdem gebaut werden können. Er spekulierte aber darauf, dass es dann länger dauern und bis dahin vielleicht doch nichts mehr werden würde.
Wie sieht der Zeitplan aus?
Bis Juni soll eine Abstimmung zwischen den Kommunen erfolgen; außerdem ist vorgesehen, unter anderem die Bürger zu informieren, Nutzungsverträge abzuschließen und erste Einschätzungen und Voranfragen für Fachgutachten einzuholen.
Von Juli 2025 bis Juli 2026 sieht der Plan eine einjährige Windmessung sowie die fachgutachterlichen Untersuchungen, technische Planungen und Flächenanalysen vor.
Danach und bis September 2027 stehen Genehmigungsverfahren, Bürgerbeteiligung und Bauplanung an.
Ab Oktober 2027 sollen schließlich die eigentlichen Baumaßnahmen beginnen, einschließlich nötiger Rodungen. 2029 könnte der Windpark Lindenrain dann in Betrieb gehen.