"My favourite animal is steak – mein Lieblingstier ist Steak": Dieser Spruch ist bei Müller Programm. Foto: Mutschler

Unternehmen lädt nach Corona-Kritik zur Betriebsbesichtigung und will "Veränderungen positiv begleiten".

Birkenfeld/Oberes Enztal - Wegen des massiven Corona-Ausbruchs bei Müller Fleisch stand das Unternehmen schwer in der Kritik. Das lag auch daran, dass sich das Unternehmen vor allem zu Beginn oft in Schweigen hüllte. Nun lud Müller zu einer Betriebsbesichtigung und zum Gespräch vor Ort.

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Auch nach Monaten beherrscht die Corona-Pandemie die Schlagzeilen. Und während die Zahl der Infizierten deutschlandweit zurückgeht, gibt es immer wieder einzelne, große Ausbrüche mit vielen positiv Getesteten – erst in dieser Woche beim Fleischkonzern Tönnies. In dem Großschlachtbetrieb haben sich mittlerweile mehr als 1000 Beschäftigte infiziert. Wieder einmal ist es also ein Großbetrieb aus der Fleischindustrie, der für negative Schlagzeilen sorgt.

Immer wieder war Kritik laut geworden

Mit dem aktuellen Corona-Ausbruch rücken erneut die Arbeits- und vor allem die Wohnbedingungen der Mitarbeiter in den Mittelpunkt – ein Thema, für das auch das Birkenfelder Unternehmen Müller Fleisch viel Kritik einstecken musste, unter anderem auch aus dem Kreis Calw, allen voran von den Bürgermeistern von Höfen und Bad Wildbad, Heiko Stieringer und Klaus Mack. Und die Kritik wurde noch lauter, weil sich, zumindest zu Beginn, das Unternehmen in Schweigen gehüllt hatte und für Anfragen nur schwer zu erreichen war.

Am Freitag nun hatte Müller Fleisch lokale Pressevertreter zu einer Betriebsbesichtigung und zum Gespräch vor Ort eingeladen. Dabei wurden zum einen die Anstrengungen sichtbar, die die Firma unternimmt, um das Coronavirus unter Kontrolle zu halten. Zum anderen wurde aber auch deutlich, dass die Wohnsituation der Mitarbeiter sowie die Art der Beschäftigung über Leihverträge und Subunternehmer weiter wichtige Themen bleiben werden – womöglich auch über Corona hinaus.

Maßnahmen zeigen ihre Wirkung

Rund 400 Mitarbeiter wurden bei Müller insgesamt positiv getestet. Derzeit gibt es im Birkenfelder Werk keine positiv auf das Coronavirus getesteten Beschäftigten. Das bestätigte der Enzkreis in einer Pressemeldung. "In einer vierten Testreihe bei bislang etwa 530 Mitarbeitern von Müller Fleisch war bislang kein einziger positiv auf das Corona-Virus getestet worden", heißt es da. "Ganz offensichtlich" hätten die angeordneten Maßnahmen ihre Wirkung nicht verfehlt.

Von diesen Maßnahmen konnten sich die Pressevertreter bei der Betriebsbesichtigung ein eigenes Bild machen. Das begann schon beim Treppen laufen. Denn wegen des "Pandemie-Plans 2.0" sind aus Hygienegründen alle Aufzüge außer Betrieb. Das bedeutet Treppe laufen für alle. Und das sind bei Müller nicht wenige. Hat man das Obergeschoss erreicht, wartet die nächste Hürde. Jeder, der das Firmengelände betritt, egal ob Mitarbeiter, Handwerker oder Lieferant, muss zunächst Fieber messen lassen. Zudem muss ein Formular ausgefüllt werden, auf dem der Besucher bestätigt, keine corona-typischen Symptome zu zeigen.

Strenge Hygienevorschriften in Betrieb

Nachdem alle die strengen Kontrollen überstanden hatten, gab es die Möglichkeit, für Fotoaufnahmen in einem Teil der Produktion. Hier kamen dann zu den aktuell verschärften Regelungen noch die Hygienebedingungen dazu, die in dem fleischverarbeitenden Betrieb sowieso zum Standard gehören. Das bedeutete zunächst, dass alle Besucher die schicke weiße und vor allem sterile Arbeitskleidung inklusive Kopfhaube anziehen mussten.

Bevor es dann in die Produktionshallen ging, musste jeder noch durch eine automatisierte Hygieneschleuse, die sich erst öffnet, wenn nach dem Händewaschen auch beide Hände zusätzlich desinfiziert wurden. Dies sei, so erklärt Betriebsleiter Wilhelm Dietz, bereits seit dem Jahr 2000 Standard bei Müller. Zu diesen generell gültigen Maßnahmen müssen Arbeiter und Besucher jederzeit einen Mundschutz tragen. In Bereichen, an denen der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, etwa wenn am Fließband von beiden Seiten gearbeitet wird, sollen große Plexiglasscheiben für die nötige Lufttrennung und so für zusätzliche Sicherheit sorgen.

Harte Maßnahmen für die Mitarbeiter

"Diese strengen Regeln sind Teil des Pandemie-Plans", erklärt Stefan Müller, einer der Geschäftsführer des Familienunternehmens mit rund 2000 Beschäftigten an verschiedenen Standorten. Normalerweise gelte Abstand halten oder Maskenpflicht, "bei uns Abstand und Maske" – lediglich zum Essen und Trinken dürfe man die Schutzmaske abnehmen. "Das sind harte Maßnahmen für uns und unsere Mitarbeiter", so Müller weiter. Denn vor allem die harte körperliche Arbeit sei unter den medizinischen Masken nicht einfach.

Bei der Besichtigung gewinnen die Besucher Einblicke in die Produktion. Da erfährt man dann, dass täglich bis zu 5500 Schweinehälften verarbeitet werden und wie die einzelnen Verarbeitungsschritte von der Schlachtung der Rinder – Schweine werden in Birkenfeld schon lange nicht mehr geschlachtet, sondern von der Tochterfirma aus Ulm angeliefert – bis zum fertig verpackten Produkt für Großhändler oder den Lebensmitteldiscount funktioniert. Vollautomatisch wird da zum Beispiel das Fleisch gewolft, portioniert und das fertige Hackfleisch direkt verkaufsfertig verpackt und etikettiert. Ein "Spießroboter" produziert gar fertige Schaschlikspieße – inklusive Paprika und Zwiebeln.

"Qualität für den Preis eigentlich zu gut"

Durch die große Anzahl an Tieren könne man jedes Qualitätsspektrum und so die verschiedenen Kundenwünsche erfüllen, sagt Dietz weiter. Dann nimmt er ein verpacktes Steak in die Hand und gerät regelrecht ins Schwärmen: "Ein guter Metzger kann es nicht besser machen", sagt er. Und später fügt er an: "Die Qualität, die wir hier haben, ist für den Preis eigentlich zu gut." Für diese Qualität des Fleisches sollen im Übrigen firmeneigene Standards sorgen, die über die allgemeinen Zertifizierungen hinausgehen und so die Tiergesundheit in den Mastbetrieben sorgen sollen, erklärt Müller. Wenn gewisse Gesundheitsstandards eingehalten würden, werde ein Bonus an die Mastbetriebe ausgezahlt.

Dass die Qualität der Fleischprodukte durch Corona nicht in Gefahr sei, wurde bereits in den vielen Pressemitteilungen im Zuge der Pandemie immer wieder erwähnt. Und der Besucher gewinnt durchaus den Eindruck, dass dem auch tatsächlich so ist.

"Wettbewerb muss erhalten bleiben"

Das zweite Thema ist die Unterbringung der Arbeiter, beziehungsweise das geplante Verbot von Werkverträgen durch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der zudem durchsetzen will, dass die Arbeitgeber die Wohnverhältnisse kontrollieren sollen. Inwieweit dieser Eingriff in Freiheitsrechte überhaupt verfassungsgemäß ist, muss aber erst noch entschieden werden. "Es wird Veränderungen geben. Die werden wir begleiten und uns an die Regeln halten", versichert Müller. Allerdings seien die geplanten Regelungen in sich noch nicht harmonisch und er hofft, dass es über die genaue Umsetzung noch Gespräche und möglichst eine freiwillige Einigung geben werde.

Wichtig ist ihm, dass das Thema möglichst europaweit geregelt wird, um keine Nachteile gegenüber anderen Ländern zu haben. "Der Wettbewerb muss erhalten bleiben", sagt er. Auf jeden Fall wolle man die Veränderungen positiv begleiten, sagt er und versichert: "Wir halten uns an die Gesetze und Normen" und werden dies auch zukünftig tun."

Viele Beschäftigte kommen über Subunternehmer

Dennoch weisen sowohl Stefan als auch Martin Müller sowie Dietz darauf hin, dass es vielen Beschäftigten, die bislang über Subunternehmer in den Betrieb kommen, darum gehe, nur für eine gewisse Zeit in Deutschland zu leben. Und das möglichst billig, um so viel Geld wie möglich zu verdienen und dann wieder nach Hause zu gehen. "Wir motivieren die Leute, sich niederzulassen und fest bei uns zu arbeiten", sagt Martin Müller. Aber das sei gar nicht so einfach, denn viele kämen "mit anderen Vorsätzen zu uns".

Und beide betonen erneut, dass die Leute zumeist über dem Mindestlohn verdienen würden. Und Stefan Müller versichert: "Die Leute verdienen ordentliches Geld, jetzt im Werkvertrag und auch in Zukunft als Festangestellte."

Maßnahmen bleiben weiter in Kraft

In einer vierten Testreihe bei bislang 530 Mitarbeitern von Müller Fleisch war bislang kein einziger positiv auf das Corona-Virus getestet worden, teilt das Landratsamt Enzkreis mit. "Ganz offensichtlich haben die von uns angeordneten Maßnahmen ihre Wirkung nicht verfehlt", kommentiert Ordnungs-Dezernent Daniel Sailer. Diese blieben weiterhin in Kraft, darunter das Einhalten des Mindestabstands von 1,5 Metern, das Tragen eines Mund-Nasenschutzes und eine Zugangskontrolle, die bei allen Personen, die das Betriebsgelände betreten, den Gesundheitszustand prüft. "Gerade im Lichte des großen Ausbruchs bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück ist das auch weiterhin notwendig", sagt Sailer.

Zur Verteilung der Kosten für die Quarantäne-Maßnahmen seit April befinde man sich in Abstimmungsgesprächen, unter anderem mit der Stadt Pforzheim. Gemeinsam mit Oberbürgermeister Peter Boch will sich Landrat Bastian Rosenau Ende Juni mit den Geschäftsführern von Müller Fleisch zusammensetzen.

Wie schnell man sich einigen könne, "lässt sich aktuell noch nicht sagen", fügt Rosenau hinzu. Insgesamt gehe es um einen Betrag von etwa 750.000 Euro für die Quarantäne-Einrichtungen in Niefern, Schömberg und Hohenwart.

Beim Pressegespräch sicherten die Müller-Fleisch-Geschäftsführer Martin und Stefan Müller zu "dass wir uns an den Kosten beteiligen. Alles weitere muss besprochen werden". Dabei habe man natürlich auch die Forderungen aus der Politik und den öffentlichen Druck wahrgenommen, die Kosten komplett zu übernehmen. "Wir werden das in unsere Verhandlungsposition mit aufnehmen", kündigte Stefan Müller an.