Die Stadt Albstadt hat vom Gemeinderat die Lizenz erhalten, das Bildungszentrum in der Ebinger Johannesstraße zu verkaufen.
Das Bildungszentrum in der Johannesstraße 5 ist eine Errungenschaft der Albstädter Gründerjahre; es wurde zwischen 1975 und 1990 gebaut, in drei Abschnitten: 1975 und 1976 entstand die Tiefgarage, nach 1980 das heutige Bücherei- und Volkshochschulgebäude und ganz zum Schluss das Tagungs- und Ausstellungsgebäude, in dem die Hochschule Albstadt-Sigmaringen untergebracht ist. Es gehört seit 1996 dem Land Baden-Württemberg und kann Stadt und Gemeinderäten deshalb herzlich egal sein.
Die anderen beiden Teile des Gebäudekomplexes nicht. Sie leiden an den klassischen Altersmolesten, die hierzulande die allermeisten Betongebäude aus den 1970er und 1980er Jahren – Schulen, Turnhallen, Betriebshöfe und besonders Parkhäuser – plagen: Feuchtigkeit und Frost setzen dem Beton zu; der bröckelt weg, so dass irgendwann die stählerne Armierung ungeschützt der Witterung ausgesetzt ist. Die Betonsanierung in der Tiefgarage, die naturgemäß ganz besonders unter Niederschlagswasser und Streusalz leidet, duldet laut Angaben der Stadt keinen Aufschub mehr.
Hinzu kommt der Energieverbrauch. Das Bildungszentrum rangiert weit oben auf der Liste der großen Energiefresser im Besitz der Stadt; es zählt, wenn man die durchschnittlichen Energiekosten zugrunde legt, zu ihren 15 teuersten Immobilien. Die gebäudebezogenen Kosten beliefen sich 2024 auf annähernd 460 000 Euro. Im Vergleich zum Vorjahr sind sie beträchtlich gestiegen; man muss daher damit rechnen, dass die halbe Million 2025 geknackt wird. Allein das genügt, um dem Haus die besondere Aufmerksamkeit der Gebäudebestandsoptimierer von der städtischen GBO zu sichern.
Generalsanierung würde fast 20 Millionen Euro kosten
Sanieren? Die Stadt veranschlagt die Kosten einer Instandsetzung und Modernisierung von Bücherei, Volkshochschule und Stadtarchiv mit 10,3 Millionen Euro, die der Tiefgarage mit 1,8 und die der von der aswohnbau verwalteten Wohnungen mit 3,6 Millionen Euro. Alles netto – berücksichtigt man jetzt noch die Planungskosten und die Umsatzsteuer, ist man bei 19,4 Millionen Euro. Die hat die Stadt bekanntlich nicht und das Geld für einen Neubau erst recht nicht; unter diesen Umständen kommt es ihr sehr gelegen, dass ein privater Investor Interesse am Kauf des Teils des Bildungszentrums, der der Stadt gehört, bekundet. Mit dem Verkauf – ohne vorherige Sanierung – wäre sie finanziell aus dem Schneider.
Die Stadtbücherei ist eine Frequenzbringerin
Dafür hätte sie dann andere Probleme: wohin mit den drei Institutionen? Die eleganteste Lösung wäre, wenn sie bleiben könnten, wo sie derzeit sind, nur eben zur Miete. Speziell für das Stadtarchiv mit seinem hohen Bedarf an temperierten Kellerräumen ist schwerlich ein besserer Standort denkbar. Für die Büros und Schulungsräume der Volkshochschule ließe sich eher Ersatz finden, und die Bücherei, so die städtebauliche Vision der Stadt, soll ohnehin irgendwann ein zentral gelegenes neues Domizil erhalten – sie ist eine sogenannte Frequenzbringerin und könnte zur Belebung der Innenstadt beitragen. Es gab schon einmal Pläne, an Stelle der einstigen Hartner-Gebäude im südlichen Flügel des Rathaus-Areals einen architektonisch ansprechenden Neubau zu errichten, aber die sind wie so vieles auf eine sehr lange Bank geschoben worden. Also auch erst mal mieten – am besten in der Johannesstraße!
Nicht allen Gemeinderäten gefiel dieser Plan. Im Rathaus ist derzeit ein neues Büchereikonzept in Arbeit; Freie Wähler und SPD hätten es vorgezogen, den Beschluss über Sanierung oder Verkauf bis zu seiner Fertigstellung zu vertagen. Es sei allemal sinnvoller, erst zu entscheiden, wenn man alle Fakten kenne, gab Matthias Brauchle, Fraktionschef der Freien Wähler, zu bedenken; im übrigen sei Mieten heutzutage auch nicht gerade billig. Kulturamtschef Martin Roscher erwiderte, das neue Konzept sei so beschaffen, dass es sich auch im alten Haus umsetzen lasse; Oberbürgermeister Roland Tralmer versicherte, zumindest einer Mietlösung fürs Archiv stehe nichts entgegen – der potenzielle Investor sei sehr kulant. Am Ende votierten 18 Gemeinderäte für den Verkauf und drei dagegen. Neun enthielten sich.