Ein Stift, der sagt, wie gut ein Grundschüler schreiben kann, Englisch-Referate in virtuellen Museen und Lehrerinnen und Lehrer, die für jeden die richtige Aufgabe haben. Die Bildungsmesse Didacta zeigt eine Vision, wie Kinder zukünftig lernen könnten.
Ein virtueller leerer Raum. Bunte Spielfiguren stehen beisammen. Sie vertreten Jugendliche aus Dänemark, Frankreich, Deutschland, die sich zugeschaltet haben. Gemeinsam sollen sie eine nachhaltige Welt erschaffen. Sie teilen sich in Gruppen auf, diskutieren, programmieren, gestalten, erklären. Die Projektsprache: Englisch. Was hier passiert: Unterricht in Naturwissenschaften und Technik, in Sprachen und IT – um nur ein paar zu nennen.
Was zukünftig klingt, ist ein europäisches Projekt, an dem sich das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ) mit Schülerinnen und Schülern beteiligt hat. Es ist eine von vielen Ideen für Schule, die die Bildungsmesse Didacta in Stuttgart bis zum heutigen Samstag zeigt. Auf 60 000 Messe-Quadratmetern, also 1000 durchschnittlichen Klassenzimmern, zeigen und zeichnen Aussteller, Pädagogen und Wissenschaftlerinnen eine Vision vom Lernen der Zukunft. Davon, was teils schon möglich ist und was möglich sein wird – wenn man die Grenzen und Alltagsprobleme der Schulen wie Lehrkräftemangel, baufällige Gebäude oder fehlendes Wlan einfach mal ausblendet. Ein Überblick:
Die Inhalte Alysia holt die Sensoren aus dem Schulranzen. Sie haben morgens auf dem Weg zur Schule CO2-Gehalt, Feinstaubbelastung und die Temperatur gemessen. Nun steckt sie die Messgeräte in den Mikrocontroller, überträgt die Ergebnisse aufs Tablet, wo sie zusammen mit den anderen Messzeitpunkten und den Daten, die ihre Mitschüler gesammelt haben, einen Verlauf zeigen. Alysia sieht: Morgens ist die Feinstaubbelastung vor dem Schulgebäude am höchsten, vormittags fällt sie ab, um nach Schulschluss wieder anzusteigen – denn dann ist Elterntaxi-Zeit. Kann ich nicht auch mit dem Fahrrad, Roller oder zu Fuß zur Schule gehen? Darüber spricht Alysia mit den anderen Kindern ihrer Klasse.
Ab Tablet ins Innere einer Zelle
Solche Projekte gibt es schon an Schulen. Doch in Zukunft werden die Methoden und Techniken aus den Universitäten und der Berufswelt organischer Bestandteil des Unterrichts sein. Teils haben die Schulen selbst die nötigen Geräte und Software, teils können sie diese leihen, kommen die Experten aus Wissenschaft und Betrieben in die Klassen.
Am Tablet reisen die Jungen und Mädchen ins Innere einer Zelle, oder sie bauen das Sonnensystem nach, konstruieren ein Bienenhotel, eine Lochkamera, Wassermoleküle. Ein 3-D-Drucker übersetzt es in die Wirklichkeit. Dass 90 Prozent der Jugendlichen in ihrer Freizeit am Computer spielen, macht sich die Pädagogik zunutze. Gamification des Lernens nennt sich das. Zum Beispiel so: Eine gotische Kathedrale soll gebaut werden. Dazu müssen erst Baumaterialien gesammelt werden, muss man sich ansehen, wie so eine Säule, so ein Spitzbogen konstruiert ist. Dann setzt man sie selbst zusammen. Oder die spielenden Schüler werden im digitalen Escape Room zu Helden. Sie suchen nach Lösungen, wie es Menschen, Tieren und Natur in einer Hitzewelle besser geht.
Auch ein virtuelles Museum kann man zu einem Thema einrichten mit recherchierten Bildern, Audiodateien, 3-D-Objekten. Am Ende werden die Kinder zu Museumsguides, üben sich auszudrücken und zu präsentieren – auch mal in Fremdsprachen.
Der Rahmen Frieda, Leon, Deen und die anderen haben in einem Computer-Lernspiel ein Labyrinth gebaut. Sie setzen ihre Spielfiguren in verschiedene Ecken, manche haben Werkzeuge, um Hindernisse wegzuräumen, andere haben diese nicht. Auch Joker, um Abkürzungen zu nehmen, stehen nicht allen Kindern zur Verfügung. Spielerisch erfahren sie, was es heißt, mit unterschiedlichen Startvoraussetzungen zurechtzukommen. In der Schule der Zukunft spielen sie eine immer kleinere Rolle. Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen sozialen Milieus lernen ganztags zusammen, helfen und fördern einander.
Brauchen wir noch Klassenzimmer?
Die feste Einteilung in Klassen, Schulstunden und Fächer löst sich immer weiter auf. Schülerinnen und Schüler, die ähnlich viel wissen und können, finden sich zusammen, die Gruppen können wechseln, je nachdem, ob es gerade um Naturwissenschaften oder Sprachen geht.
Ob es überhaupt noch große Schulgebäude und Klassenräume braucht, fragen Expertinnen und Experten auf der Didacta. In deren Vision treffen sich Lernende teils virtuell, teils in echt – je nachdem, was für den Lernstoff besser ist. Wer nicht dabei sein kann, schaltet sich zu oder wird von einem Avatar vertreten, durch den er sprechen und den er von jedem Ort aus steuern kann.
Die Inhalte verändern sich, richten sich zunehmend auf das Zeitalter der Digitalisierung aus. Fragt man Schülerinnen und Schüler derzeit, was sie lernen wollen, dann wünschen sie sich zum Beispiel mehr zum Thema Nachhaltigkeit. In einer Studie von 2023 gab ein Drittel der befragten Jugendlichen an, in der Schule noch nie mit dem Thema in Berührung gekommen zu sein.
Die Lehrenden und Lernenden „Drache“, „Puppe“, „Am Wochenende habe ich einen Ausflug gemacht“ – David schreibt fünf Minuten lang Wörter und Sätze mit einem digitalen Stift. Das Schreibgerät misst dabei Tempo, Rhythmus, Druck und Form, in denen der Grundschüler schreibt. Danach zeigt die Software seiner Lehrerin, was David bereits gut macht und was nicht, schlägt zusätzliche Übungen vor.
Lehrkräfte werden zu Lernbegleitern. Sie testen und beobachten regelmäßig, wer wo steht, versorgen die Kinder gezielt und individuell per Online-Tool mit Übungen. Sie arbeiten im Team mit Sozialarbeitern, Psychologen, Therapeuten Wirtschaftsleuten. In einem Netzwerk tauschen sie Erfahrungen, Methoden und Material aus. An der Schule gibt’s Personal, das diese Technik einrichtet und wartet.
Die Schülerinnen und Schüler verfolgen selbst, wie gut sie was schon können. Auf einer Plattform, einer Art digitalem Schreibtisch, sehen sie, welche Kompetenzen sie sich erarbeiten müssen, erkennen, wie viel Zeit sie noch investieren sollten. Im Laufe ihrer Schulzeit werden sie immer selbstständiger darin. Ein Experte auf der Didacta vergleicht es damit, Fahrradfahren zu lernen: Anfangs braucht das Kind jemanden, dem es vertraut, der erklärt und das Rad hält. Es übt, es bekommt Balance, es schafft ein paar Tritte allein. Noch schwankt es, aber die Sicherheit und das Selbstvertrauen wachsen. Noch ein letzter Schubs. Dann fährt es los.