Schüler und pensionierte Lehrer im Austausch: In Altdorf ging es beim Bildungsdialog um Probleme im Schulsystem. Foto: Masson

Gemeinsam mit Jugendlichen sprachen pensionierte Schulleiter auf Einladung des Bündnis Demokratie Ettenheim über das Bildungssystem in Deutschland.

Weil im März Landtagswahlen stattfinden, hat das „Bündnis Demokratie Ettenheim“ einen Bürgerdialog mit Schülern gezielt der Bildungspolitik gewidmet. Dieser fand im Altdorfer Rockcafé sehr guten Zuspruch: Rund 80 Besucher hatten sich dort eingefunden – darunter Schüler und erwachsene Bürger samt Lehrkräften und Eltern.

 

Statt Politikern waren zur Diskussion mit Beate Ritter, Frank Woitzik und Wolfgang Mutter zwei erfahrene ehemalige Schulleiter respektive Stellvertreter vom August-Ruf-Bildungszentrum, dem städtischen Gymnasium und der Landolin-Heimschule als lokale Pädagogik-Experten eingeladen. Die hatten, wie sie später betonten, als Pensionäre keine dienstlich auferlegte Scheu mehr, offene Kritik am Bildungssystem und deren Behörden zu äußern. Die Ettenheimer Schülerschaft wurde durch Tim Moche, Quentin Bürkle (ARB), Linea Kemper (Gymnasium), Merle Grüsser (Landolin) und Matis Messmer (Natur- und Montessorischule) repräsentiert.

„Was sind die größten Lernhindernisse in der Schule?“ Dazu kam viel zusammen – etwa die eigene Faulheit, wenn viel zu lernen ist, man mit Alltagsstress überfrachtet wird, die Konzentrationsfähigkeit fehlt oder soziale Medien für massive Reizüberflutung sorgen.

Ritter bezeichnete es als Dilemma, dass es zwar mittlerweile mehr entsprechende schulische Unterstützungssysteme über den reinen Unterricht hinaus gäbe, jedoch der vorgeschriebene reglementierte Lernbetrieb trotzdem gewohnt weiter laufen müsse. Es sei schwierig, die Schule als freundlichen Wohlfühlort zu realisieren. Zumal, wie Mutter klar beklagte, nach wie vor die soziale Herkunft den Lernerfolg maßgeblich präge. Dafür, was Versagensängste auf Schülerseite anbelangt, merkte Woitzik später an, seien allerdings oft Eltern mit ihren überzogenen Karrierevorstellungen selbst verantwortlich.

Tablet statt Bücher: Beim Bildungsdialog war der Wunsch zu hören, mehr Papier im Unterricht einzusetzen. (Symbolfoto) Foto: Weigel

„Was wäre grundsätzlich am Bildungssystem zu ändern?“,warf Blanke-Kießling in den Raum. Dazu äußerten sich zuerst die pensionierten Pädagogen. Ihre Vorstellungen: Eine für alle kostenfreie Kita mit früher Sprachschulung sowie Gelder vermehrt in Betreuung und Grundschulen stecken. Als Lernziele wurden von Schülerseite etwa digitale Kompetenz mit Aufklärung auch über künftige Gefahren durch künstliche Intelligenz, mehr Eingehen auf die Lebensrealitäten und deutlich gezieltere Förderung individueller Stärken genannt.

Schülerin Merle wünschte sich flexibleren Unterricht, ansonsten kritisches Denken samt Toleranz und Respekt. Quentin wünschte sich, schon wesentlich früher über insbesondere den Zweiten Weltkrieg und die NS-Verbrechen zu erfahren und Matis, dass künftig in Schulen mehr reelle Erfahrungen mit dem künftigen Berufsleben gemacht werden könnten – ob per Praktika oder Schülerfirmen.

Herbe Kritik an der staatlichen Kultusverwaltung gab es überwiegend von den Alt-Lehrern. Trotz mangelnder Flexibilität der Kultusbehörden sei, so Ritter, viel an pädagogischem Freiraum auszuschöpfen, was im Bildungssystem möglich ist.

Bürokratie sei gut gemeint, aber fernab der Realität

Allerdings zeichne sich die ministerielle Bürokratie dadurch aus, dass sie zwar alles vorgeben wolle, jedoch dabei manchmal weit von der Realität entfernt sei. Das sah auch Woitzik so. Abgesehen davon, dass die Wiedereinführung des neunten Gymnasiumjahres längst fällig gewesen sei, meinte er, seien auch Bildungspläne flexibler zu gestalten. Mutter bekräftigte, dass Lehrer trotz aller geltenden Bildungspläne einen relativ großen Gestaltungsfreiraum im Unterricht hätten – wenn sie denn den Mut haben, sich den auch zu nehmen. Schülerin Merle glaubte hierzu, dass Lehrer kompetenzorientierter unterrichten könnten, wenn sie denn nur aus dem starren System heraus wollten.

In letzter Runde wurde zusammengetragen, welche schulischen Verbesserungsschritte vor Ort umgesetzt werden könnten. Da führte Matis die schon begonnene Vernetzung der Ettenheimer Schulen an, wie etwa mit dem nun gebildeten SMV-Jugendforum, das jetzt immerhin zwei Mal jährlich dem Gemeinderat Anliegen vortragen darf. Merle setzte auf wertschätzenden Umgang miteinander samt gemeinsamem demokratischen Handeln. Quentin appellierte, trotz moderner Technik öfter zu herkömmlichem Papier und Schreibstift zu greifen. Woitzik verwies darauf, dass am „Städtischen“ endlich eine neue Sporthalle für mehr Spielraum sorgen und auch eine neue Mediathek eingeweiht werde.

Moderation appelliert dazu, wählen zu gehen

Nach rund zwei Stunden fasste Moderatorin Blanke-Kießling zusammen: Es gäbe überall Spannungsfelder, so auch an den Schulen. Die seien jedoch gestaltbar. Hauptsache dabei sei, dass Akteure und Betroffene in wertschätzendem Tonfall miteinander kommunizieren. Ihre entsprechende Aufforderung: „Seid Demokraten.“ Abschließend appellierte sie insbesondere an die neuen Landtags-Jungwähler: „Nehmt das Geschenk der demokratischen Wahlen wahr – es gibt genug Länder, wo das nicht geht.“