Schulen und Kitas waren in Baden-Württemberg seit Weihnachten überwiegend geschlossen. Trotzdem gab es dort 16 000 Coronafälle. Warum die Rückkehr zur Normalität nach den Sommerferien trotzdem näher rückt.
Stuttgart - Wie verbreitet ist Corona an Schulen und Kitas? Der Streit um diese Frage ist in der ganzen Pandemie nie verstummt. Aber seit die Infektionszahlen in Deutschland und auch in Baden-Württemberg sinken, werden die Rufe nach einer baldigen Rückkehr zur schulischen Normalität lauter. Die Kultusminister der sechzehn Länder haben jetzt beschlossen, dass die Schulen nach den Sommerferien „zum regulären Schulbetrieb mit allen Schulfächern und Unterrichtsstunden“ zurückkehren. Monatelange Schulschließungen soll es nicht mehr geben.
Mehr als 16 000 Corona-Fälle
Trotzdem lohnt es sich, den Blick zurückzuwerfen und das Infektionsgeschehen in den Einrichtungen für Kinder und Jugendliche noch einmal zu analysieren: Trotz der seit Weihnachten geltenden weitgehenden Schließungen von Kitas und Schulen – Ausnahmen gab es durchgehen für die Notbetreuung und für die Abschlussklassen aller Schularten – hat das Landesgesundheitsamt von Jahresbeginn bis jetzt in Baden-Württemberg insgesamt 12 164 mit Corona infizierte Kinder und Jugendliche im Umfeld von Schulen, Kitas, Horten und ähnlichen Einrichtungen registriert. Bei Lehrern, Erziehern, Betreuern und anderen Beschäftigten waren es im gleichen Zeitraum 3945. Insgesamt wurde trotz weitgehendem Lockdown bei Schulen und Betreuungseinrichtungen seit Jahresanfang 16 109 Corona-Fälle im Südwesten registriert.
Auch bundesweit hat das Virus an Schulen nicht pausiert
Auch bundesweit machte die Pandemie selbst in den Zeiten der Bundesnotbremse (mit Präsenzunterrichtsverbot bei Inzidenzen über 165) keine Pause: In der letzten Maiwoche gab es nach den Angaben der Kultusministerkonferenz (KMK) trotz Ferien in fünf Ländern bundesweit 4149 am Virus erkrankte Schüler und 275 infizierte Lehrer. Doch zurück zu Baden-Württemberg: Vergleicht man die Infektionszahlen der Einwohner mit der Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen, dann zeigt sich in der dritten Welle ein deutlicher Unterschied. Seit Jahresbeginn registrierte das Landesgesundheitsamt 252 009 Coronafälle im Land, was einem Anteil von 2,3 Prozent der baden-württembergischen Gesamtbevölkerung entspricht. Bei rund zwei Millionen betreuten und beschulten Kindern und Jugendlichen ist der Anteil der Coronainfizierten mit 0,6 Prozent deutlich niedriger.
Wie sieht das nächste Schuljahr aus?
All diese Entwicklungen haben die Kultusminister im Blick auf das kommende Schuljahr zu bedenken. Klar ist, dass etwa neue Virusvarianten die Pandemie wieder aufflammen lassen können. Klar ist auch, dass es bei den wöchentlichen Testpflichten und, wo nötig, auch bei der Maskenpflicht im Klassenzimmer bleibt. Die „gut eingespielten und bewährten Infektionsschutz- sowie Hygienemaßnahmen für Schulen leisten einen wesentlichen Beitrag für einen sicheren Schulbetrieb in voller Präsenz“, heißt es im Beschluss.
Zwar wollte die Kultusministerkonferenz vor einem Jahr die Schulen in der Pandemie ebenfalls weitgehend offenhalten, was eine nahezu halbjährliche Fast-Schließung am Ende nicht verhindert hat. Dennoch ist die aktuelle KMK-Präsidentin, Brandenburgs Schulministerin Britta Ernst (SPD) optimistisch, dass sich das nicht wiederholt. Sie verweist erstens auf die generellen Impffortschritte in der Bevölkerung und bei den vulnerablen Gruppen der betagten Bürger. Zweitens seien die Lehrer bald bundesweit durchgeimpft, dem Gesundheitsschutz der Beschäftigten an Schulen sei damit Rechnung getragen.
Drittens wertet Ernst auch die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko), Kinder und Jugendliche nur bei Vorerkrankungen zu impfen, als positives Zeichen. „Wenn die Stiko die Impfrisiken bei Kindern und Jugendlichen angesichts der geringen Corona-Ansteckungsgefahren nicht generell eingehen möchte“, so die Potsdamer Schulministerin, „ist das doch ein weiteres, starkes Plädoyer für die Offenhaltung der Schulen.“