Winfried Kretschmann will Eltern und Schulen auf einen besseren Gesprächsfuß miteinander bringen. Foto: Markus Lenhardt/dpa

Die Erziehungspartnerschaft stärken – das gibt Baden-Württembergs scheidender Regierungschef der Politik für die nächste Wahlperiode als Aufgabe mit auf den Weg.

In seiner fast fünfzehnjährigen Amtszeit hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat schon viele bildungspolitische Ziele verfolgt und einige wichtige auch spektakulär verfehlt. Ein Beispiel dafür ist die erklärte Absicht, siebzig Prozent der baden-württembergischen Grundschulen in Ganztagsschulen zu verwandeln. Davon hat sich der grüne Regierungschef, wie er immer wieder erklärt hat, deutlich mehr Chancengerechtigkeit für sozial benachteiligte Schüler versprochen als es mit der tradierten Halbtagsschule möglich ist. Doch der Siegeszug der Ganztagsgrundschulen im Südwesten ist aus geblieben: die Eltern im Land haben sich von dem Angebot nicht überzeugen lassen. Laut Kultusministerium gibt es aktuell 483 Ganztagsgrundschulen im Südwesten – das sind nur rund zwanzig Prozent. Nicht gelungen ist, um ein weiteres Beispiel zu nennen, mit der Einführung der Gemeinschaftsschule im Land in der Fläche des Landes einen weiteren direkten Zugangsweg zum Abitur zu schaffen. Mittlerweile gibt es zwar 300 Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg, eine eigene Oberstufe haben aber lediglich etwa ein Dutzend. Die Zahl der Schüler, die auf diesem Wege tatsächlich die Reifeprüfung abgelegt hat, ist über die Jahre hinweg überschaubar geblieben.

 

Kretschmann will mehr Partnerschaft wagen

Wenige Monate vor dem Ende seiner Amtszeit hat Kretschmann jetzt in der Landespressekonferenz seinen letzten bildungspolitischen Aufschlag gemacht. Das Thema Erziehungspartnerschaft – wie Schulen und Eltern zusammenarbeiten sollten, um die bestmöglichen Bildungsergebnisse für die Kinder zu erreichen – hat Kretschmann in seiner Regierungszeit immer wieder beschäftigt. Vor zwei Jahren hat er begonnen, mit Kultus- und Sozialministerium an dem Thema zu arbeiten. Jetzt hat er mit Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) und Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) seine letzte bildungspolitische Initiative vorgestellt.

Kretschmann formulierte dabei den höchstmöglichen Anspruch: „Mir war immer klar, dass die Erziehungspartnerschaft fundamental ist“, sagte er. Der Bildungsauftrag, den die Landesverfassung formuliert, ist, den Kindern unabhängig von den wirtschaftlichen Verhältnissen ihres Elternhauses eine ihrer Begabung entsprechende Bildung zu vermitteln. Dies ist laut Kretschmann nicht umsetzbar, wenn es nicht gelinge, die Erziehungspartnerschaft zwischen Staat – also Schule – und Eltern immer wieder neu herzustellen. „Mein Gefühl war, dass die Basis dafür immer schmaler geworden, teilweise sogar zerbrochen ist“, sagte Kretschmann bei der Landespressekonferenz.

Was Helikopter und Schneepflug mit Bildung zu tun haben.

Gemeinsam mit Lucha und Schopper skizzierte Kretschmann ein disparates Bild vom heutigen Bildungsalltag. Demnach stehen Helikopter- und Schneepflugeltern, die ihren Kindern alle Hindernisse aus dem Weg räumen, sowie Rechtsanwaltseltern, die dabei sogar den Klageweg beschreiten, auf der einen Seite einer wachsenden Zahl von Eltern auf der anderen Seite gegenüber, die mit den Schulfragen ihrer Kinder überfordert seien: wegen sprachlicher Barrieren, aus emotionaler Überforderung oder aus Desinteresse. So wird es in einem Eckpunktepapier skizziert, das eine von Kretschmann initiierte Projektgruppe erarbeitet hat. Insgesamt soll die Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schulen und den Institutionen der Sozial- und Jugendhilfe enger zusammenarbeiten. In einer Pilotschule in Stuttgart-Wangen soll ein sogenanntes Familiengrundschulzentrum eingerichtet werden. Dort sollen Eltern niederschwellige Angebote erhalten, um die Zusammenarbeit von Schule, Jugendhilfe und weitere Partner zu stärken.

Mit Kretschmann und Lucha vertraten zwei Grünen-Politiker diese Idee, die dem nächsten Landtag nicht mehr angehören werden. Kultusministerin Schopper plagen, wie sie in einem Interview unserer Zeitung erklärt hat, zwar „keine Fluchtgedanken“. Ob sie noch einmal Ministerin wird und dieses Konzept in der nächsten Legislaturperiode umsetzen kann, ist allerdings völlig offen.

Reaktionen sind verhalten positiv

Dennoch fielen die Reaktionen verhalten positiv aus. Nach einer Durststrecke, in der Mitbestimmungsrechte der Eltern beschnitten worden seien, sprach der Vorsitzende des Landeselternbeirats Sebastian Kölsch von einer begrüßenswerten Initiative. „Eltern nehmen Erziehungspartnerschaft ernst – wenn auch sie ernstgenommen werden“, erklärte er allerdings auch mahnend. „Eine starke Erziehungspartnerschaft ist ein zentraler Baustein für gelingende Bildungsbiografien“, betonte Thomas Speck, der Vorsitzende des Berufsschullehrerverbandes. Er forderte, die beruflichen Schulen in besonderer Weise in das Projekt einzubeziehen. Die Lehrergewerkschaft GEW forderte, nach der Wahl eine Klassenlehrerstunde pro Woche einzuführen, damit die Lehrkräfte die intensivere Elternarbeit „ohne Selbstausbeutung“ leisten könnten.