Der Lehrerberuf wird nicht einfacher: Die Lehrkräfte sehen sich mit einer zunehmenden Zahl von Schülern mit herausforderndem Verhalten konfrontiert.
Lehrerinnen und Lehrer sind abseits der klassischen Bildungsarbeit mehr denn je mit einem herausforderndem Verhalten vieler Schülerinnen und Schüler konfrontiert. Am Rande der jüngsten Personalversammlung des Staatlichen Schulamts Pforzheim hat Michael Hirn, Schulleiter der Helene-Fernau-Horn-Schule in Stuttgart, mit einem Vortrag den rund 350 Teilnehmerinnen aufgezeigt, dass die Lehrkräfte teils vor völlig neuen Herausforderungen im Schulalltag stehen – auch wegen der intensiven Nutzung von digitalen Geräten wie Tablets oder Mobiltelefone durch Schüler.
„Es gab schon immer Schülerinnen und Schüler mit Auffälligkeiten“, weiß Oliver Nowack, der Calwer Kreisvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Allerdings nehme die Zahl der Schüler mit herausforderndem Verhalten zu, und die Lehrkräfte wüssten mitunter nicht, wie sie damit umgehen sollen.
Laut Nowack und seinem Kollegen Dietrich Gerhards, Vorsitzender des GEW-Kreisverbands Pforzheim/Enzkreis, benötigten die Schulen „mehr Ressourcen, mehr Personal und mehr Unterstützung“, um den Veränderungen, die sich an den Schulen und im Schulalltag vollziehen, gewachsen zu sein. „Vor allem brauchen wir multiprofessionelle Teams“, so Nowack. Denn Lehrer seien in erster Linie dazu da, Lerninhalte zu vermitteln.
Bildung ist eine Gesamtaufgabe
Inzwischen gebe es in den Schulen durch gesellschaftliche Veränderungen aber viele Baustellen, „und gerade die Mobiltelefone tragen dazu bei, dass es nicht einfacher wird“, sagt Gerhards.
Die große Beteiligung an der jüngsten Personalversammlung, zeige, dass man mit dem Thema und den Informationsangeboten in Form von Impulsworkshops die richtige Form und einen Nerv getroffen habe. Wiederholt fand die Versammlung im Schömberger Kurhaus statt, „da der Ort optimale Bedingungen bietet und in der Mitte des Schulamtsbezirks liegt“, so Nowack.
Bildung, so formulieren es die beiden GEW-Kreisvorsitzenden, sei eine gesellschaftliche Gesamtaufgabe, die sich den Veränderungen stellen muss. Dies sei nicht immer möglich, „denn das Traurige ist, es wird gespart – zu Lasten der Kinder“, so Nowack. Wenig glücklich ist er mit seinem Kollegen daher, dass im Bildungsbereich immer von Kosten gesprochen werde, nicht von Investitionen. Es sei wichtig, den Kindern von Anfang an die besten Rahmenbedingungen zu bieten – mit Schulsozialarbeit, Sprachförderung – „auch mit Logopäden an Schulen“, so Gerhards – oder einer ausreichenden Lehrerversorgung.
„Die Schwächsten werden nicht berücksichtigt“
Die sei insbesondere bei den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) nicht gegeben. „Gerade die Schwächsten werden nicht berücksichtigt“, so Nowack. Die Lehrerversorgung an den SBBZ liege unterm Strich unter 90 Prozent. Insgesamt fehle an vielen Grund-, Haupt-, Real- und Gemeinschaftsschulen Personal. Bei Krankheit oder Schwangerschaft einer Kollegin müsse oft oft Unterricht ausfallen. Gymnasien seien da grundsätzlich besser versorgt – das sei ungerecht.
„Auf die sich in den Schulen stellenden Fragen gibt es oft keine befriedigen Antworten“, so Nowack und Gerhards.
Kreisvorsitzende fordern Ruhe und Kontinuität
Der Migrationshintergrund vieler Kinder und die damit oft verbundene mangelnde Sprachkompetenz, die intensive Nutzung sozialer Medien, fehlende Begleiter bei der inklusiven Beschulung, aber auch Veränderungen in den Familienstrukturen, brächten neue Herausforderungen. Dass das Land bei der Schulsozialarbeit spare, sei falsch; zusätzliche Angebote für Schülerinnen und Schüler wie Leseband, Matheband oder Kompass seien gut.
Mit knappem Personal ließen sich solche Zustazaufgaben aber kaum bewältigen, sonst fehle Zeit für Unterrichtsvor- und nachbereitung oder Elterngespräche. Im Bildungsbereich müsse endlich mal Ruhe einkehren und Kontinuität gewährleistet werden. „Und in allen Schulen muss ein Lehrerversorgungsgrad von 104 bis 105 Prozent erreicht werden“, fordern die GEW-Kreisverbandsvorsitzenden.
Unterrichtsversorgung und Digitalisierung
Die Situation:
An den 145 Grund-, Haupt-, Real- und Gemeinschaftsschulen sowie den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) im Schulamtsbezirk Pforzheim sind gegenwärtig 3450 verbeamtete Lehrkräfte sowie 950 Tarifbeschäftigte tätig. Zu Beginn des laufenden Schuljahres 2025/2026 waren 67 befristete Lehrkräfte beschäftigt, aktuell sind es laut Personalrat 124. Davon seien 96 Personen ohne Lehrbefähigung. Auf ausgeschriebene Stellen zur Krankheitsvertretung (KV) gibt es in manchen keine oder sehr wenige Bewerbungen, so dass nicht alle KV-Stellen besetzt seien. Besonders drastische sehe es an den SBBZ aus. Versetzungsanträge konnten teils nicht genehmigt werden, da Schulen sonst in eine Unterversorgung geraten wären
Die Unterrichtsversorgung
in Pforzheim, Enzkreis und Landkreis Calw liegt im Vergleich zu anderen Schulamtsbezirken des Regierungspräsidiums Karlsruhe laut Personalrat unter dem Durchschnitt.
Die Digitalisierung
bringe mitunter spürbare Entlastungen, manchmal sei aber auch das Gegenteil der Fall. Mitunter würden die Belange der Beschäftigten außer Acht gelassen. Datenschutzrechtliche Belange sowie teils die Erwartung, dass Lehrer an sieben Tagen rund um die Uhr erreichbar sein sollten, belasteten die Lehrkräfte zunehmend.