Im Schulwesen brennt es, Experten wollen nun löschen. Foto: dpa/Peter Endig

Experten wollen weiterführende Schulen neben dem Gymnasium zusammenlegen. Menschen mit Behinderung und Hochbegabte kämen dann zusammen.

In Baden-Württemberg wird sich das Schulsystem radikal ändern. Neben dem Gymnasium wird es nur noch eine weitere weiterführende Schulart geben. In der wird zusammengefasst, was sich bisher auf diesem Markt so tummelt: Hauptschulen, Werkrealschulen, Gemeinschaftsschulen, Realschulen. So sieht es zumindest aus, wenn sich eine Expertengruppe durchsetzt, die jetzt ihre Pläne vorgestellt hat.

 

Mehr als ein Dutzend Bildungswissenschaftler und Schulleiter haben seit Januar ihre Köpfe zusammengesteckt und ein detailliertes Modell erarbeitet. Das war der Zeitpunkt, an dem klar war, dass Baden-Württemberg wieder das neunjährige Gymnasium einführen wird. Damit gerate die gesamte Tektonik ins Wanken, sagt Jochen Wandel, Realschulleiter aus Pfullingen. Da landesweit mehr Schüler an anderen Schulen als an Gymnasien unterrichtet werden, bestehe Handlungsbedarf.

Realschule verliert am Stellenwert

Von einem „Chaos im Bereich der Sekundarstufe“ spricht der Tübinger Bildungswissenschaftler Thorsten Bohl: „Es kracht an allen Ecken und Enden.“ Das Gymnasium werde immer mehr zur Volksschule, die Realschule verliere an Stellenwert und konkurriere mancherorts mit der Gemeinschaftsschule, Haupt- und Werkrealschule leiden immer mehr an Bedeutungsverlust, so der Befund. Die Therapie: alles erneuern und intelligent zusammenfassen.

Die heterogene Zusammensetzung der Schülerinnen und Schüler in der neuen Schulart sei eine riesige Herausforderung – und eine noch größere Chance, sind sich die Autoren der Studie sicher. Vom Hochbegabten bis zum Kind mit Behinderung sollen die Schüler hier zusammengefasst werden – mit verschiedenen Möglichkeiten zum Abschluss. Ein so genannter „Erster Abschluss“ nach der 9. Klasse, ein Mittlerer Abschluss nach der Zehnten, aber auch das Abitur sollen möglich sein. Und im ersten Bildungsabschnitt, den Klassen fünf und sechs, geht es darum Basiskompetenzen zu erlernen – Sitzenbleiben nicht möglich.

Grundschulempfehlung soll mehr Gewicht erhalten

Das klingt ein wenig nach Gemeinschaftsschule – ist es aber nicht, sagt Thorsten Bohl. In Gemeinschaftsschulen werde sehr individualisiert gearbeitet, das passe nicht zur Philosophie der Realschulen. Und diese Denkweisen gelte es ja gerade zu vereinen. „Noten“, sagt die Leiterin einer Gemeinschaftsschule, Silke Benner, solle es in der neuen Sekundarstufe erstmals „ab Klassenstufe sieben“ geben.

Die von der Robert-Bosch-Stiftung unterstützte Expertenkommission verweist darauf, dass derzeit rund zehn Prozent der Gymnasiasten und 20 Prozent der Realschüler ohne entsprechende Grundschulempfehlung an den jeweiligen Schulen sind. Ihr Vorschlag: Liegen Elternwunsch und Lehrereinschätzung auseinander, soll ein Test gemacht werden.

Vier Jahre Vorbereitung

Dass es Zeit braucht, bis die Pläne umgesetzt werden können, ist den Experten klar. Ihr Konzept sieht eine vier Jahre andauernde Vorbereitungsphase vor, vom Schuljahr 2028/29 an könnte das neue System an den Start gehen, die erste Abschlussklasse gäbe es dann 2034. Vorausgesetzt natürlich, die Politik setze die Empfehlungen um. Vom Kultusministerium sei trotz Einladung leider niemand zur Präsentation der Pläne gekommen, sagt Thorsten Bohl. Dafür war Ulrich Trautwein vor Ort, der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirates im Ministerium. Dessen Fazit: „Wunderbar, dass wir darüber reden.“ Einziges Manko: man hätte es schon vor Jahren machen sollen.