Stuttgart - Die Kritik von Schülern, Eltern und Lehrern am achtjährigen Gymnasium ist zwar in jüngster Zeit etwas leiser geworden, verstummt ist sie allerdings nicht. Und nun signalisiert ausgerechnet eine Schule, die gemeinhin als Eliteschule gilt, Schwierigkeiten mit dem achtjährigen Gymnasium: die Schloss-Schule Salem.

Die internationale Privatschule am Bodensee möchte vom Schuljahr 2010/11 an ein Aufbauprogramm anbieten: Wer will, soll nach der zehnten Klasse ein Extra-Jahr einlegen können, um sich auf die zweijährige Oberstufe vorzubereiten. "Das Salem-Jahr bietet eine Entschleunigung, die etwas bringt: ein Jahr lang die ganzheitliche Salemer Erziehung erleben, gut vorbereitet in die Kursstufe des Salem international College" eintreten, hieß es vergangene Woche noch auf der Internetseite der Schule.

Auch wenn sich die Schulzeit bis zum Abitur damit wieder von zwölf auf 13 Jahre verlängern würde, will die Direktorin von Salem, Eva Marie Haberfellner, das geplante Modell nicht als Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium verstanden wissen. "Das Salem-Jahr ist kein normales Schuljahr", sagte sie kürzlich dem Magazin "Focus". Es diene vor allem ausländischen Schülern, denen der Wechsel ins deutsche Schulsystem oft Probleme bereite. Immerhin würden an der Schule Kinder aus 34 Nationen unterrichtet.

Während des Salem-Jahres sollen die Schüler individuell gefördert werden. "Unsere Lehrer gehen auf die Defizite jedes einzelnen Kindes ein. Ihnen bietet sich die Chance, Mängel in ihren schwachen Fächern aufzuarbeiten und Lernstoff zu wiederholen. Die Schüler sollen alle optimal und homogen in die Oberstufe wechseln", so Haberfellner weiter.

Ob das Kultusministerium das Salem-Jahr genehmigen wird, ist allerdings fraglich. "Es wird keine Varianten eines neunjährigen Gymnasiums oder eines entschleunigten achtjährigen Gymnasiums geben", sagte Ministeriumssprecher Thomas Hilsenbeck am Mittwoch auf Anfrage. Der Antrag aus Salem sei erst am vergangenen Wochenende eingegangen. Er werde momentan noch geprüft.

Nicht nur Salem, auch andere Schulen in Baden-Württemberg könnten sich gut vorstellen, dass Gymnasiasten in unterschiedlichem Tempo bis zum Abitur kommen. So hat der Philologenverband Baden-Württemberg immer wieder vorgeschlagen, neben achtjährigen Gymnasialzügen auch neunjährige zuzulassen.

Einen entsprechenden Antrag hat im vergangenen Jahr auch die Stadt Mosbach für ein Gymnasium gestellt, nachdem sich der dortige Gemeinderat und drei Viertel der Eltern für einen solchen Schulversuch ausgesprochen hatten. Das Regierungspräsidium Karlsruhe lehnte den Antrag jedoch ab mit der Begründung, das achtjährige Gymnasium sei gesetzlich verankert und flächendeckend eingeführt. Eine Schulzeitverlängerung durch die Hintertür könne es nicht geben.

Auch die Idee in Salem, Schülern eine einjährige Auszeit anzubieten, ist nicht ganz neu. Ebenfalls 2009 haben die Grünen im Landtag ein sogenanntes Brückenjahr an Gymnasien vorgeschlagen, fanden dafür aber keine Mehrheit. Schwächere Schüler sollten nach der neunten Klasse die Möglichkeit erhalten, ein Jahr lang den Stoff der früheren Jahre zu wiederholen und Lücken zu schließen, erklärte die Bildungsexpertin der Grünen, Renate Rastätter, damals. Das freiwillige Angebot sollte aber auch Realschülern offenstehen, die nach der mittleren Reife Abitur an einem allgemeinbildenden Gymnasium machen wollten. Bisher absolvieren sie dieses in der Regel an einem beruflichen Gymnasium, dort wurde die Gymnasialzeit nicht verkürzt.

Ein Teil der Gymnasiasten nutzt deshalb die Möglichkeit, nach der zehnten Klasse an ein berufliches Gymnasium zu wechseln. Im vorletzten Schuljahr waren es 2500 Schüler. Das entspricht 15 Prozent der Anfänger an den beruflichen Gymnasien. Damit blieben ihnen statt zwei noch drei Jahre bis zur Reifeprüfung.

Auch an den privaten Gymnasien wurde die Schulzeit verkürzt. Lediglich an den Aufbau-Gymnasien haben die Schüler 13 Jahre Zeit bis zum Abitur. So gibt es etwa an dem evangelischen Firstwald-Gymnasium in Mössingen neben dem regulären achtjährigen Zug auch eine Aufbauklasse. Diese steht allerdings nur Realschülern offen. Schulleiter Helmut Dreher fände es hilfreich, wenn auch schwächere Schüler aus dem Gymnasium die langsamere Variante nutzen könnten.

An den Waldorfschulen haben die Schüler 13 Jahre Zeit bis zum Abitur. Die reguläre Waldorfschule endet nach Klasse zwölf mit dem Waldorfabschluss. Wer Abitur oder Fachhochschulreife machen möchte, bereitet sich in einem 13. Schuljahr auf die zentrale Prüfung vor. Über eine Verkürzung der Schulzeit war vor einigen Jahren auch in den Waldorfschulen debattiert worden. Damit wären aber grundlegende Elemente der Waldorfpädagogik nicht zu halten, sagte Christian Schad, Landesgeschäftsführer der Waldorfschulen Baden-Württemberg. Zu diesen zählt unter anderem, dass alles seine Zeit braucht.