Die Unfallstelle des entgleisten Regionalzugs bei Riedlingen. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Wie damit umgehen, wenn Kinder in den Medien mit Bildern von Katastrophen wie dem Zugunglück in Riedlingen konfrontiert werden? Ein Stuttgarter Psychologe gibt Tipps.

Die Bilder von schweren Unglücksfällen wie dem entgleisten Regionalzug in Riedlingen sind ein schockierender Anblick – erst recht für Kinder. Sie bräuchten daher für die Verarbeitung solcher Nachrichten die Hilfe der Eltern, sagt Oliver Fricke, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart.

 

Herr Fricke, was können solche Bilder von schlimmen Nachrichten bei Kindern oder Jugendlichen auslösen?

Bilder von Gewalt und Zerstörung sind auch für Kinder und Jugendliche schockierend in der Betrachtung. Entscheidend ist die Einordnung der Bilder und der damit verbundenen Gefühle. Dieser Prozess ist sehr von der Begleitung nahestehender Personen wie beispielsweise der Eltern und der Familie abhängig. Es sollten dabei entwicklungsspezifische Verarbeitungsmechanismen aktiviert werden – wie beispielsweise beim Spielen mit der Fantasie.

Oliver Fricke ist Leiter des Zentrums für Seelische Gesundheit am Klinikum Stuttgart. Foto: Klinikum Stuttgart/Thomas Rautenberg

Können Eltern ihre Kinder vor Ängsten schützen, die solche Bilder oder Nachrichten auslösen können?

Angst ist per se kein krankhaftes Gefühl. Zudem ist die angemessene Auseinandersetzung mit Ängsten und den damit verbundenen Situationen wichtig für eine gesunde psychische Entwicklung. Es ist daher nicht sinnvoll, Kinder vor dem Gefühl der Angst zu schützen. Verantwortungsvolle Eltern schützen aber ihre Kinder vor Situationen, die unangemessen sind. Denn diese können Ängste in einem Ausmaß erzeugen, die vom Kind oder auch vom Jugendlichen auf seinem individuellen Entwicklungsstand nicht kompetent gehandhabt werden können.

Wie können Eltern vorgehen, um ihren Kindern einen gesunden Umgang mit Angst und Sorge zu lehren?

Ein ganz entscheidender Aspekt ist das Lernen am Modell. Kinder lernen im Umgang ihrer Eltern mit Angst, wie dieses Gefühl verarbeitet werden kann und wie mit Situationen umgegangen werden kann, die Angst erzeugen. Zudem hilft es Kindern, wenn sie die inneren Zustände und auch Gefühle bei anderen erklärt bekommen. Wenn Kinder verstehen, warum andere sich ängstigen und wie sie damit umgehen, so können sie diese auch bei sich bewerten und dementsprechend handeln.

Sollen also auch Eltern ihre Ängste gegenüber dem Kind zeigen?

Ja. Eltern sollten eigene Ängste zeigen, damit ihre Kinder am Modell lernen können, wie mit diesem Gefühl kompetent und angemessen umgegangen wird.

Wie können Eltern ihre Kinder insgesamt resilienter für die Herausforderungen im Alltag machen?

Resilienz steht eng mit der Entwicklung einer internalen Kontrollüberzeugung in Zusammenhang. Das bedeutet: Wenn ich Dinge wage, die mir grundsätzlich auch gelingen können, dann erfahre ich im Alltag eine hohe Selbstwirksamkeit und damit die Überzeugung, dass ich auch bei Angst im Handeln sicher eine Kontrolle über die mich bedrohende Situation halten oder wiederherstellen kann.

Arzt für Kinderseelen

Experte
Experte Oliver Fricke ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er leitet seit dem Jahr 2022 die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart.