Pedro Almodovar mit dem Goldenen Löwen Foto: AFP/Alberto Pizzolo

Die Filmfestspiele von Venedig enden mit der Preisverleihung. Altmeister Pedro Almodóvar gewinnt am Lido den Goldenen Löwen. Und auch sonst gab es beim Festival wieder viel Gutes zu sehen – eine Bilanz.

Seit mehr als 35 Jahren ist Pedro Almodóvar mit seinen Arbeiten zu Gast bei den großen Filmfestivals, genauer gesagt seit 1988 „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ Weltpremiere in Venedig feierte. Seither wurden die Filme des Spaniers dort, in Cannes und auf der Berlinale gezeigt und immer wieder ausgezeichnet. Nur den Hauptpreis durfte er nie mit nach Hause nehmen. Doch diese Durststrecke fand am Samstag auf dem Lido ihr Ende.

 

Zwei Schauspielerinnen brillieren: Moore und Swinton

Dass Almodóvars „The Room Next Door“ nun den Goldenen Löwen der 81. Internationalen Filmfestspiele von Venedig erhielt, darf man durchaus als Überraschung bezeichnen. Nicht dass der erste englischsprachige Film des Oscar-Gewinners nicht zu den Höhepunkten des Wettbewerbs gehört hätte. Julianne Moore und Tilda Swinton brillieren in dieser Romanverfilmung nach Sigrid Nunez, in der es nicht nur um Sterbehilfe, sondern auch um die Sterblichkeit allgemein und vor allem auch die komplexe Freundschaft zweier Frauen geht. Doch innerhalb Almodóvars an modernen Klassikern nicht armem Werk ist dieser elegante, kluge und farbenfrohe Film mit seinen diversen intertextuellen Anspielungen auf den ersten Blick nicht sofort der eindrücklichste.

Abgesehen davon hatte „The Room Next Door“ Konkurrenz von mindestens zwei Filmen, die den Wettbewerb in diesem Jahr so nachhaltig prägten, dass an ihnen kein Vorbeikommen schien. „The Brutalist“ des Amerikaners Brady Corbet war mit seiner fiktiven Geschichte eines jüdisch-ungarischen Architekten, der als Holocaust-Überlebender in die USA kommt, um sich eine neue Existenz aufzubauen, und dann trotz der Unterstützung eines wohlhabenden Förderers die Schatten der Vergangenheit nie loswird, der wuchtigste Beitrag im Programm. Ein Film über das 20. Jahrhundert und über die Vereinigten Staaten, über die Erfahrungen des Einwandererdaseins und das Verarbeiten von Trauma, mit mehr als dreieinhalb Stunden Laufzeit, einer eindringlichen Performance von Adrien Brody im Zentrum und aufwändig gestalteten Bildern, gezeigt auf 70mm und mit Pause – an den unübersehbaren, geradezu monumentalen Ambitionen von Corbet und Ehefrau und Co-Autorin Mona Fastvold kam man in Venedig dieses Jahr eigentlich nicht herum. Doch Isabelle Huppert, Julia von Heinz, James Gray und der Rest der Jury vergaben dafür letztlich nur den Silbernen Löwen für die beste Regie.

Großartiger Film aus Georgien

Auch „April“ hätte man den Goldenen Löwen zugetraut, dem neuen Film der georgischen Regisseurin Dea Kulumbegaschwili. Ihr Werk über eine Geburtshelferin, die nebenbei Frauen in der Provinz mit illegalen Abtreibungen hilft, stach aus den 21 Wettbewerbsbeiträgen ebenfalls hervor. Weniger emotionale Zugänglichkeit oder eine aufreibende Geschichte zeichnen diese eigenwillige Arbeit aus als ihre konsequente, nicht ohne weiteres durchdringbare künstlerische Vision und stilistische Handschrift, was natürlich auch der Jury nicht verborgen blieb. Am Ende erhielt Kulumbegaschwili den Spezialpreis der Jury.

Dazwischengeschoben, quasi auf den zweiten Platz des Venedig-Treppchens, hat sich am Ende noch die italienische Regisseurin Maura Delpero mit ihrem Film „Vermiglio“, den für die Preisverleihung wohl die wenigsten auf dem Schirm hatten. Mindestens unter den einheimischen Produktionen im Programm gehörte ihr Werk allerdings zu den sehenswertesten, weil subtilsten. Die Geschichte einer Familie während des Zweiten Weltkriegs, die einen fahnenflüchtigen Soldaten aufnimmt, ist in jeder Hinsicht eine Meisterleistung der Zurückhaltung, zart und epochal gleichzeitig.

Überwachung in Singapur

„Ich habe eine gute Nachricht für Sie“, hatte Isabelle Huppert bei der Preisverleihung im Palazzo del cinema am Samstag gesagt. „Das Kino präsentiert sich in prächtiger Form!“ Gemessen an der Unterschiedlichkeit der Wettbewerbsbeiträge, die in diesem Jahr auf dem Lido zu sehen waren, konnte man in der Tat zu keinem anderen Schluss kommen. Selbst wenn oder vielleicht auch gerade weil etliche der aufwendigsten und prominentesten Filme – seien es Hollywood-Produktionen wie „Joker: Folie à deux“ oder internationale Co-Produktionen etablierter Regisseure mit großen Stars in den Hauptrollen wie „Maria“ oder „Queer“ – für sehr zwiespältige Reaktionen und viel Gesprächsstoff sorgten und am Ende leer ausgingen.

Die erzählerischen und künstlerischen Möglichkeiten des Films zeigten sich in Venedig in erfreulicher Vielfalt und reichten vom Dokumentarischen wie in Wang Bings „Youth – Homecoming“ über stilbewusst Schräges wie „Kill the Jockey“ vom Argentinier Luis Ortega bis hin zum faszinierenden Überwachungsthriller „Stranger Eyes“ von Yeo Siew Hua, dem ersten singapurischen Wettbewerbsbeitrag überhaupt. Die wenigsten Filme blieben dabei so banal wie die französische Beziehungskomödie „Trois Amie“ oder „Diva Futura“, Giulia Louise Steigerwalts konfus-naiven Rückblick auf die goldenen Zeiten der italienischen Pornoindustrie. Stattdessen war politische Relevanz angesagt, sei es als historische Aufarbeitung wie Walter Salles‘ mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnetem „I’m Still Here“ über den Kampf einer Frau in den Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur oder als brandaktuelle Reflexion wie in „Jouer avec le feu“ von den Schwestern Delphine und Muriel Coulin, in dem Vincent Lindon (prämiert als bester Darsteller) als Witwer bemerkt, dass sein Sohn zusehends ins rechtsextreme abdriftet.

Nicole Kidman gewinnt verdient

Selbst „Babygirl“, von manchen als frivole Spielerei abgetan, ist mindestens auf den zweiten Blick ein gesellschaftspolitisches Statement, das angestammte Geschlechterrollen und Beziehungsmodelle hinterfragt. Nicole Kidman wurde für ihre nuancierte, mutige Leistung im Film der holländischen Regisseurin Halina Reijn, in dem eine CEO sich auf eine Affäre und Machtspiele mit einem deutlich jüngeren Praktikanten einlässt, verdient als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Entgegennehmen konnte sie ihren Preis allerdings nicht: Kurz vor der Preisverleihung in Venedig erfuhr die Australierin vom Tod ihrer Mutter und reiste Stunden vor der Abschlussveranstaltung wieder ab.