Das Bestandsgebäude wurde bereits abgerissen. Hier soll im kommenden Jahr das Familienzentrum angebaut werden. Foto: Jana Heer

2025 sei für Althengstett ein ordentliches Jahr gewesen, so der Bürgermeister Rüdiger Klahm. Er zieht Bilanz und blickt auf 2026 – mit allen Projekten und Herausforderungen.

Ein weiteres Jahr ist vergangen. Althengstetter Bürgermeister Rüdiger Klahm zieht Bilanz. Auch über bedeutende Projekte für 2026 wie die Hermann-Hesse-Bahn weiß er Bescheid.

 

Doch der Job des Bürgermeisters ist auch härter geworden. Klahm sieht einen Grund dafür in den Sozialen Medien.

Ganz allgemein gefragt: War 2025 ein gutes Jahr für Ihre Gemeinde? Und warum oder warum nicht?

Für die Gemeinde Althengstett war 2025 ein ordentliches Jahr. Wir konnten bei allen laufenden Projekten weiter vorwärtskommen. Teilweise nicht im gewünschten Tempo, jedoch waren wir hier auch von nicht durch uns beeinflussbaren Faktoren abhängig. Gerne wären wir bei unserem Haltepunkt für die Hermann-Hesse-Bahn in Althengstett weiter gewesen, jedoch wäre es aus verschiedenen Gründen nicht vermittelbar gewesen, wenn wir zu den schon seit Frühjahr 2025 bestehenden Sperrungen unserer beiden Ortsausfahrten durch die Hermann-Hesse-Bahn noch die Simmozheimer Straße gesperrt hätten, um unsere eigene Maßnahme durchzuführen. Jetzt machen wir es im Frühjahr 2026. Die Buswendeanlage ist allerdings fertig, dem Start der Bahn steht nichts im Wege. Der positive Nebeneffekt dabei: Wir sind trotz einem defizitären Haushalt für 2025 im ganzen Jahr komplett ohne Kassen- oder Investitionskredite ausgekommen. Auch ein schöner Erfolg.

Was war 2025 der wichtigste Meilenstein für Ihre Gemeinde?

Dass jetzt tatsächlich Klarheit herrscht: Ab dem 31. Januar 2026 fährt die Hermann-Hesse-Bahn und bindet Althengstett mit der Schiene an den Großraum Stuttgart an. Die Teilintegration des VVS (Verkehrsverbund Stuttgart) in den Bereich der Hermann-Hesse-Bahn führt dazu, dass die Bürger der Gemeinde Althengstett jetzt mit einem Ticket von der nächstgelegenen Bushaltestelle des eigenen Wohnhauses über den Haltepunkt Althengstett bis in den Großraum Stuttgart fahren können und zurück – dies gilt auch für die Teilorte Neuhengstett und Ottenbronn.

Welches Projekt wird für Ihre Gemeinde 2026 das wichtigste sein?

Wir haben mehrere wichtige Projekte. Die Inbetriebnahme der Hermann-Hesse-Bahn mit der Fertigstellung des Bahnumfeldes wird das Leuchtturmprojekt sein. Aber auch beim Anbau des Familienzentrums sollten bis Ende 2026 große Fortschritte zu erkennen sein. Beim Baugebiet Wasenäcker in Ottenbronn ist der planungsrechtliche Durchbruch in 2026 angestrebt.

Was wird 2026 die größte Herausforderung für Ihre Gemeinde?

Bei immer knapper werdenden finanziellen Mitteln die Kernaufgaben der Gemeinde aufrechtzuerhalten und dafür zu sorgen, dass der Ort nach wie vor liebens- und lebenswert bleibt.

Ende Januar 2026 steht die erste Fahrt der Hesse-Bahn an. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Eine große Bedeutung. Den Prozess der Reaktivierung habe ich von den ersten Schritten an mitverfolgt. Als Landrat Riegger 2010 ins Amt kam, war ich Gemeinderat in Althengstett und von der Idee der Reaktivierung fasziniert. Mit Gründung des Zweckverbandes Hermann-Hesse-Bahn im Jahr 2016 wurde ich als Gemeinderat von Althengstett in die Verbandsversammlung des Zweckverbandes entsandt und seit 2023 gehöre ich Kraft meines Amtes als Bürgermeister dem Verwaltungsrat, somit dem obersten Aufsichts- und Entscheidungsorgan des Zweckverbandes, an. Wenn man den gesamten Prozess von Anfang bis Ende in verschiedenen Rollen mitverfolgt hat und jetzt die feierliche Eröffnung als Bürgermeister feiern darf, ist es ein tolles Gefühl, etwas für die nächsten Generationen erreicht zu haben. Dabei möchte ich aber den mühsamen Weg zum Ziel nicht verschweigen. Das Projekt war eine Herausforderung, nicht nur für die handelnden Personen, sondern auch für die Gesellschaft, der ganz direkt vor Augen geführt wurde, woran es in unserem Land mangelt und warum viele Prozesse so schwerfällig und dann letztlich auch so teuer sind.

Der Job des Bürgermeisters scheint in den vergangenen Jahren immer härter geworden zu sein – mit allen negativen Konsequenzen. Auch im Kreis Calw ist das zu spüren. Was macht Ihnen beruflich am meisten zu schaffen? Und was müsste sich ändern, um das zu verbessern?

Der Job des Bürgermeisters ist in Zeiten von Social Media tatsächlich härter geworden, denn es ist eine Tendenz erkennbar, die Person, die am einfachsten für die Gesellschaft greifbar ist, für die Missstände im politischen System und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Problemen verantwortlich zu machen, und diese greifbare Person ist nun mal der Bürgermeister. Bei der Kommunikation wird zunehmend auf Soziale Medien oder E-Mail zurückgegriffen und in der vermeintlichen Anonymität, dem Gegenüber Dinge nicht ins Gesicht sagen zu müssen, lassen sowohl der Tonfall als auch der Respekt vor dem Amt zunehmend zu wünschen übrig. Es müsste sich wieder viel stärker ein „Wir“ in der Gesellschaft entwickeln. Und auch die Offenheit, im direkten Austausch zuzuhören und zu reflektieren, wäre wünschenswert.

Egal ob Windräder, Baugebiete oder Mobilfunkmast - immer öfter bildet sich organisierter Widerstand gegen größere Projekte in der Nachbarschaft. Halten Sie das für legitim? Oder greift hier eher das Sankt-Florian-Prinzip, das im englischsprachigen Raum auch als „not in my backyard“ (“nicht in meinem Hinterhof“) bekannt ist?

Beides. Es ist legitim, dass die Bürger sich informieren wollen und Neuerungen erst einmal skeptisch gegenüberstehen. Das gehört in einer Demokratie und dem Rechtsstaat dazu. Aber es gehört auch dazu, sich konstruktiv an der Debatte zu beteiligen und nach Lösungen zu suchen. Wenn der weit überwiegende Teil der Bevölkerung eine lückenlose Abdeckung mit Mobilfunk fordert und auch selbst nutzt, dann muss die Konsequenz sein, dass auch ein Mobilfunkmast in der eigenen Nähe steht. Ein neues Baugebiet ist immer eine Einschränkung für die Nachbarn, die schon da sind. Die potenziellen Bauherren, die dringend Wohnraum suchen, haben keine Stimme, für die müssen sich Gemeinderat und Verwaltung einsetzen. Interessant wird es immer dann, wenn die Nachbarn, die kein Baugebiet wollen, plötzlich eigene Interessen an einem Baugebiet haben, weil die eigenen Kinder oder Enkel einen Bauplatz suchen. Dann gilt doch eher das Sankt-Florians-Prinzip.

Die Finanzlage der Kommunen ist schlecht, überall muss gespart werden. Zurückstecken will natürlich niemand. Ist die Erwartungshaltung der Bürger in dieser Situation realistisch?

Die Bürger haben nach meiner Wahrnehmung bereits zu einem guten Teil verstanden, dass keine großen Sprünge mehr möglich sind und erkennen das Finanzproblem der Kommunen. Es tauchen eher noch die Fragen auf, warum verbliebene finanzielle Mittel in die eine Einrichtung oder den einen Teilort fließen. Hier ist es wichtig, zu priorisieren und dies den Bürgern auch zu erklären. Meine Erfahrung ist, dann wird es auch akzeptiert.

2026 wird der Landtag gewählt. Welchen Wunsch haben Sie an die neue Landesregierung?

Dass sie uns von übertriebenen bürokratischen Hürden und Auflagen befreit, die uns fast bis zur Handlungsunfähigkeit beschränken, insbesondere im Natur- und Artenschutz. Und dass die Landesregierung dafür sorgt, dass alle Maßnahmen, die sie den Kommunen auferlegt, auch zu 100 Prozent finanziert und damit das Konnexitätsprinzip anwendet. Wer bestellt, muss auch bezahlen.

Und zu guter Letzt noch etwas Persönliches: Was war Ihr schönster Moment 2025?

Diese Frage beantworte ich wie jedes Jahr damit, dass die Antwort auch 2025 privat bleibt.