Timm Ulrichs ist einer der witzigsten und frechsten Künstler. Deshalb braucht man sich nicht mit Kunst auszukennen, um Spaß zu haben an seiner neuen Ausstellung.
Kunst wird gern als ernste Angelegenheit zelebriert. Und jetzt: Lachen und Kichern, fröhliche Gesichter und Kommentare wie „oh, das ist auch lustig.“ Denn wenn Timm Ulrich etwas kann, dann so sein Publikum erheitern. Ob er „Künstlerhaarpinsel“ fertigte aus seinem eigenen Künstlerhaar oder die alten Farbbänder seiner Schreibmaschine in eine Vitrine legte unter dem Titel „literarisches Gesamtwerk“, vieles ist lustig und frech zugleich.
Seine großen Zeiten mag der 84-Jährige hinter sich zu haben, trotzdem ist es eine schöne Idee der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen, das Schaffen von Ulrichs in der Ausstellung „Nichts als Theater“ mal wieder zu zeigen. Über manches Werk der 1960er und 1970er Jahre ist die Zeit hinweggegangen, Timm Ulrichs Arbeiten wirken dagegen frisch wie eh und je – selbst wenn nur an seine Aktion 1973 erinnert wird, bei der er ein Jahr lang soviel aß, trank und rauchte wie der statistische Durchschnittsmensch.
Ein weißes Schaf kann ein schwarzes Schaf sein
Gattungsgrenzen waren Timm Ulrichs von jeher fremd. Er hängte Bildwerke an die Wand, machte Skulpturen, Performances oder komponierte das „Konzert der fallenden Stecknadeln“. Vor allem spielt Timm Ulrichs gern mit der Sprache und nimmt Sentenzen und Redewendungen wörtlich. „AM ANFANG WAR DAS WORT AM“ kann man hier lesen. Dann wieder beweist er mit Hilfe von Spielzeugtierchen, dass auch ein weißes Schaf zum schwarzen Schaf werden kann.
Das ist amüsant, macht aber auch bewusst, wie Sprache Konventionen und eine Vorstellung von Welt transportiert, die auch anders ausschauen könnte. So stolpert man in der Ausstellung über ein Straßenschild, das die Richtung weist: „Hier 40 000 km“. Das spiegelt des Menschen Lust am Messen und Versachlichen wider, aber auch seinen Glauben, selbst stets im Zentrum zu stehen.
Auch seine eigene Rolle hat Ulrichs oft persifliert und den Mythos des Künstlers als Konstrukt entlarvt. Als er sich eine Metallstange auf den Rücken montierte, um in der Natur den Blitz auf sich zu ziehen, hätte das schief gehen können – und wäre der Beweis erbracht gewesen, dass Künstler keineswegs Genies mit direktem Draht zum Göttlichen sind, sondern auch nur Menschen.
1969 bot Ulrichs in Zeitungsinseraten Künstlern seine Unterstützung an bei der Findung von „dynamisch-erfolgsversprechenden Unterschriften nach graphologischen und künstlerischen Kriterien“. Nach der Ausstellung in Bietigheim-Bissingen hätte man gute Lust, sich auf eine andere Anzeige zu melden, in der der Timm-Ulrichs-Fanclub bekannt gab, dass er noch Mitglieder aufnehme.
Bis 6. Oktober, Di, Mi, Fr 14–18 Uhr, Do 14–20 Uhr, Sa, So 11–18 Uhr