Die Geifitze, das Naturschutzgebiet, ist eng begrenzt, wie der Plan zeigt. Foto: Eyrich

Auf Biberjagd – nur zum Begutachten seiner Bauwerke – waren rund 30 Teilnehmer an der Onstmettinger Schmiecha unterwegs. Dort hat der Nager ganze Arbeit geleistet – obwohl er eigentlich ein Faulpelz ist.

Albstadt-Onstmettingen - Er ist Architekt, Schwabe mit Mitgrationshintergrund, Vegetarier, zeugt jährlich ein Junges und wirft seinen Nachwuchs nach spätestens zwei Jahren raus: der Biber. Beim Rundgang mit Mathias Broghammer, Gebietsreferent für den Zollernalbkreis im Regierungspräsidium Tübingen, haben sich die Onstmettinger darüber informiert, was der Biber im Naturschutzgebiet Geifitze treibt und ob das grundsätzlich eher gut oder eher nachteilig für die Anwohner ist.

"Das ist eine Sauerei", sagten manche, während sich andere über die "Seenplatte" an der Schmiecha, unweit der Tennishalle, freuten, berichtet Ortsvorsteher Siegfried Schott, ehe die rund 30 Teilnehmer Richtung Stich starten – auf dem Radweg, denn im Naturschutzgebiet dürfen Fußgänger und Radfahrer die Wege nicht verlassen. 53 davon gibt es laut Broghammer im Zollernalbkreis, darunter "Geifitze", das 1989 als Naturschutzgebiet rund um den Schmiecha-Ursprung ausgewiesen wurde.

Des Bibers "wertvolle Arbeit" wäre sonst richtig teuer

"Früher war wir mal ein hochwertiges Moor – das höchstgelegene auf der Schwäbischen Alb", weiß der Fachmann, der sich um alle Naturschutzgebiete im Kreis, deren Entwicklung und Pflegemaßnahmen kümmert. Und der hofft, dass der Biber seine "wertvolle Arbeit" am Oberlauf der Schmiecha fortsetzt, "die wir sonst teuer finanzieren müssten": Moore speicherten CO und seien ein "riesiger Gewinn" für die Artenvielfalt, so Broghammer. Der Biber bereite den Weg, getreu dem Motto "Moor muss nass!"

Die Artenvielfalt gewinnt

Pflegemaßnahmen passieren tatsächlich, aber nur alle paar Jahre, um die seltenen Arten zu schützen, die sich dank Biber dort tummeln: Weil das Gebiet durch die Biber-Staudämme feucht ist, halten sich Molche, Kröten und Frösche, Libellen wie die Gefleckte Keiljungfer und seltene Schmetterlinge wie der Randring-Perlmuttfalter und der Storchschnabel-Bläuling gerne dort auf. Das Braunkelchen schaut nur auf dem Zug vorbei, doch Eisvögel verweilen gerne in der Geifitze – das haben auch Teilnehmer der Exkursion schon beobachtet.

Die Hybridpappeln müssen raus

Nötig seien die Pflegeaktionen aber, betont Broghammer, denn sonst würden seltene Pflanzen überwuchert, Bäume könnten umstürzen oder Äste auf Radfahrer und Spaziergänger fallen – die Hybridpappeln, die früher dort gepflanzt worden waren, "gehören hier nicht her, werden zu groß und dann brüchig", sagt der Fachmann. Deshalb haben wir schon einige entfernt." Weitere folgten.

Allen bisherigen Informationen zufolge gibt es zwei Biberburgen zwischen Tennishalle und Schmiecha-Ursprung. Den Eingang ihrer Burg wollten der Biber und sein Weibchen unter Wasser halten und stauten deshalb den Bach, denn die Stämme seiner Lieblingsnahrung – Weiden, Eschen, Pappeln und Weichhölzer aller Art sowie Tuja-Hecken, wegen des Geruchsstoffs, der in der Paarungszeit Weibchen anlocke – ließen sich "im Wasser leichter ziehen als über Land", so Broghammer.

Für die Umgebung ein Vorteil – und weniger Hochwassergefahr

Durch die Staudämme des Bibers erhöhe sich der Grundwasserstand, was für landwirtschaftliche Flächen und Gärten ein Vorteil sei, versichert der Fachmann. Weil der Boden ringsum feucht sei, nehme er Wasser leichter auf als staubtrockener Boden im Sommer – auch das sei gut zum Schutz vor Hochwasser. Und überhaupt müsse schon extrem starker Regen kommen, bis die Anwohner in der Längenlochstraße nasse Füße bekämen, denn die Grünfläche rund um die Schmiecha liege tiefer als die Häuser. Eine Untersuchung an zwei Flussarmen in den USA habe gezeigt, dass am Arm mit Biber-Dämmen die Hochwasserspitzen niedriger gewesen seien als an jenem ohne. Nicht zuletzt trage jeder Biberdamm dazu bei, dass das Wasser langsamer fließt – gut für die Unterlieger.

Strenger Naturschutz gilt – "letale Entnahme" ist die Ausnahme

Obwohl der Biber, der seit der Eiszeit heimisch und irgendwann ausgerottet war, inzwischen wieder aus Bayern eingewandert und europaweit geschützt ist, in Deutschland unter strengem Naturschutz stehe, könne das Regierungspräsidium ihn "letal entnehmen", wie es heißt – aber nur im Notfall: "Wenn Gefahr im Verzug ist und er den Durchlass unter der Brücke verschließt, muss man eingreifen", räumt der Fachmann ein, "doch der Erfolg ist oft gering, denn der Biber hat viel Zeit, das wieder rückgängig zu machen."

Der Faulpelz ist nachtaktiv

Dass er von selbst verschwindet, hält Broghammer für unwahrscheinlich. "Der limitierende Faktor ist die Nahrung", und die sei reichlich vorhanden. Dennoch werfe der Biber seinen Nachwuchs nach zwei Jahren raus, und der müsse dann aus dem Revier der Eltern wegziehen – oft Hunderte von Kilometern weit. Ein Anwohner hat gegen 21 Uhr sogar schon mal drei Biber von seinem Balkon aus mit dem Fernglas gesehen, und gelegentlich seien Schaulustige unterwegs, die nach ihm suchten. Dabei sei der nachtaktive Faulpelz, der laut Broghammer nicht mehr nagt und baut als nötig, nur schwer zu entdecken. Eines aber ist laut Mathias Broghammer und Siegfried Schott wohl sicher: Dass das Gebiet an der Schmiecha "nie mehr so aussehen wird wie früher". Die "Hochstaudenflur" behält wohl dauerhaft ihre "Seenplatte".