Franziska Preuß hat im Biathlon WM-Gold und den Gesamtweltcup gewonnen, aber noch eine Rechnung offen – mit den Olympischen Spielen. Reicht es diesmal zu einer Einzel-Medaille?
Franziska Preuß ist 31 Jahre alt, eine Sportlerin mit viel Erfahrung – und trotzdem nicht vor Veränderungen gefeit. Im Februar und März gewann sie erstmals WM-Gold in einem Einzelrennen und dann auch noch den Gesamtweltcup, seither wird sie bei jedem öffentlichen Auftritt als „beste Biathletin der Welt“ angekündigt. Anfangs fühlte sich das unangenehm an, später ein bisschen besser, mittlerweile ist es ein Satz, an den sie sich gewöhnen könnte, allerdings ohne daraus gleich einen Anspruch abzuleiten. „Ich spüre keinen Druck“, erklärt Franziska Preuß, „ich muss niemandem mehr etwas beweisen, auch mir selbst nicht.“ Außer vielleicht bei Olympischen Spielen.
An diesem Samstag beginnt im schwedischen Östersund die neue Weltcup-Saison, und wenn Franziska Preuß all die Fragen nach ihren persönlichen Zielen ehrlich beantwortet hat, dann startet sie dort mit großer Gelassenheit. „Ich bin völlig fein mit dem, was ich schon erreicht habe“, sagt sie, „alles, was in diesem Winter dazukommen könnte, ist für mich definitiv eine Zugabe.“ Zur Wahrheit gehört allerdings auch ein anderer Satz: „Eine Rechnung habe ich schon noch offen.“
Kann es Franziska Preuß auch bei den Olympischen Spielen?
Die ersten Olympischen Spiele von Franziska Preuß endeten 2014 in Sotschi mit derart vielen Tränen, dass TV-Expertin Magdalena Neuner aus der Ferne einen „Nervenzusammenbruch“ diagnostizierte. Vier Jahre später wurde sie in Pyeongchang Vierte im Einzelrennen und vermasselte die Staffel, 2022 in Peking war sie in den Einzelrennen weitgehend chancenlos, holte aber immerhin Bronze mit der Staffel. Nun schaut Franziska Preuß, mittlerweile die Weltbeste, durchaus erwartungsvoll nach Antholz, wo im Februar 2026 vor toller Kulisse die olympischen Biathlonwettbewerbe ausgetragen werden. „Ich will schon zeigen“, sagt sie, „dass ich es auch dort kann.“ Und das muss nicht mal eine Frage der Priorität sein.
Selbstverständlich ist die Saisonplanung der Superschützin darauf ausgerichtet, bei den Winterspielen in bester Form zu sein, um zumindest eine Einzel-Medaille holen zu können, am liebsten natürlich Gold. Und trotzdem hat Franziska Preuß auch den Kampf um die große Kristallkugel im Weltcup im Hinterkopf. Ob beides möglich ist? „Ich traue ihr alles zu“, sagt Felix Bitterling, der Biathlon-Sportdirektor des Deutschen Ski-Verbandes (DSV), „sofern sie gesund bleibt.“ In der Vorbereitung war das nicht immer der Fall.
Franziska Preuß: Wie gut ist die Form?
Bei einem Sturz bei der deutschen Meisterschaft Ende September zog sie sich eine Handverletzung zu, musste operiert werden. Mittlerweile ist Franziska Preuß, die meist individuell abseits des deutschen Teams trainiert und ihr „eigenes Ding“ macht, aber wieder voll auf der Höhe. „Ich war zuletzt zwei Wochen in Obertilliach, habe dort viele Schneekilometer gesammelt und einige intensivere Einheiten absolviert“, sagt sie vor dem Auftakt in Östersund, „ich bin gespannt, was meine Form im internationalen Vergleich wert ist.“ Und wie es danach weitergeht.
In der Vergangenheit hatte Franziska Preuß ständig mit Infektionskrankheiten zu kämpfen, die sie immer wieder zurückwarfen. Erst eine OP an den Nebenhöhlen brachte vor zwei Jahren Linderung, seither ist „die chronische Entzündung“ raus. Geblieben ist die Vorsicht. Seit Oktober meidet Franziska Preuß größere Menschenansammlungen, es gibt keine Treffen mehr mit der Familie oder Freunden, Händeschütteln ist ohnehin ein Tabu. Die Abschottung betreibt die Biathletin so konsequent, dass die Organisatoren der Wahl der „Sportler des Jahres“ schon jetzt hinter den Kulissen alles versuchen, um die große Favoritin zur Reise nach Baden-Baden zu bewegen, wo am 21. Dezember im Kursaal der Gala-Abend stattfinden wird. Die Hoffnung, dass sie tatsächlich kommt? Könnte größer sein.
Ist es die letzte Saison in der Karriere von Franziska Preuß?
Sollte Franziska Preuß absagen, wäre dies ihre Art, allen zu zeigen, wie konsequent sie in diesem Winter ihre Ziele verfolgt. Denn es geht ja nicht nur um den Gesamtweltcup und Olympia-Gold in der Höhe von Antholz („Dies zu schaffen wäre megacool“), sondern womöglich auch darum, in der finalen Saison ihre gesamte Karriere zu krönen. Noch hat Franziska Preuß nur bestätigt, dass sie im Februar in Südtirol ihre letzten Olympischen Spiele bestreiten wird. Doch es ist alles andere als ausgeschlossen, dass sie danach erst in Kontiolahti, Otepää sowie Oslo den Weltcup und anschließend ihre Laufbahn beenden wird. „Aktuell mag ich darüber nicht reden“, sagt sie, „das zieht nur Energie.“
Und genau die braucht sie jetzt. Weil sie zwar keinen Druck verspürt, aber doch viel vorhat: die beste Biathletin der Welt zu bleiben. Zumindest noch ein halbes Jahr.