Beziehungsphasen Was ist der Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe?

Nina Ayerle
Wenn wir verliebt sind, überschwemmt der Botenstoff Dopamin unser Gehirn. Foto: KI/Midjourney/Montage: Pichlmaier

Die Wissenschaft versucht seit Jahren, das größte Mysterium der Welt, die Liebe, zu ergründen. Heute weiß man durchaus mehr als früher – als man noch glaubte, die Liebe sei reine Magie.

Die Liebe ist ein Mysterium. Und viele möchten auch, das dies so bleibt. Sie wollen ihre romantischen Vorstellungen von der Liebe als Urgewalt, die zwei Menschen zusammenbringt, nicht aufgeben. Der Psychologe und Forscher Ulrich Mees, emeritierter Professor an der Universität Oldenburg, hat sich während seines Berufslebens viel mit der Liebe beschäftigt. „Der Mythos, wonach die Liebe etwas Geheimnisvolles ist und dies auch bleiben sollte, beruht wohl auf der Befürchtung, dass die Liebe durch eine wissenschaftliche Definition möglicherweise banalisiert wird.“ Und dies wiederum zu einer „Entzauberung“ führe.

 

Schadet die Wissenschaft wirklich der Liebe?

So habe etwa der Psychiater Manfred Lütz davor gewarnt, dass der Versuch, die Liebe zu definieren, diese gar vernichten würde. „Starke Worte! Dennoch ist diese Sorge unbegründet“, sagt Mees. „Denn es wäre ja zu schön, wenn heftiger Liebeskummer einfach dadurch beendet werden könnte, dass sich die an diesem Kummer leidende Person nur eine Definition von Liebe vor Augen führen würde. Das ist wohl aussichtslos – man ist versucht zu sagen: leider!“

Vieles, was wir über die Liebe wissen, gehört in den Bereich der Mythen und der Alltagspsychologie und muss immer auch im Spiegel der gesellschaftlichen Zeit gesehen werden. Schon in der Antike faszinierte die Liebe die Dichter, Denker und Philosophen, auch der Literatur, Kunst und Musik würde es ohne die Kompliziertheit der Liebe definitiv an Stoff fehlen. Was Liebe ist, das hat sich im Laufe der Jahrhunderte stark verändert. Bis zum Mittelalter hatten zum Beispiel Liebe und eine Partnerschaft nur wenig miteinander zu tun. Die Ehe war eine rein funktionale Gemeinschaft, die der finanziellen und sozialen Sicherheit sowie der Fortpflanzung diente. Liebesbeziehungen wurden daher eher im Geheimen und außerhalb als Affären gelebt.

Die Verliebtheit wurde irgendwann glorifiziert

Mit dem Aufkommen der Epoche der Romantik entstand Ende des 18. Jahrhunderts erstmals die Idee, dass Liebe, Partnerschaft und Sexualität eins sein, ja zusammengehören müssen. Die Liebe wurde in der immer mehr säkularisierten Welt zu einer Art Ersatzreligion.

Aus dieser Zeit stammt auch der Mythos, dass Verliebtheit wichtig ist für eine Beziehung. Heute glauben dies viele unglückliche Singles immer noch. Dabei wissen wir heute, und da kommt dann glücklicherweise wieder die Wissenschaft ins Spiel: Liebe und Verliebtheit sind zwei paar Stiefel. Und: das eine bedingt nicht das andere.

Aber was ist denn nun der Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe?

Viele sehen Verliebtheit als Vorstufe der Liebe. Und tatsächlich denkt auch, salopp gesagt, unser Körper dies. Verliebtheit wird meistens ausgelöst durch das Aussehen, den Geruch oder die äußere Art einer Person. Plötzlich denken wir pausenlos an den oder die andere. „Verliebtsein entfacht im Gehirn ein chemisches Feuerwerk“, heißt es auf der Wissenschaftsseite „dasGehirn.info“. Und: „Liebe ist nur noch in der Kunst und in unserem subjektiven Erleben eine Angelegenheit des Herzens. Denn mittlerweile haben Forscher das Gehirn als eigentlichen Ort des romantischen Geschehens ausgemacht.“

Händchenhalten ist ein Zeichen der Zuneigung. Foto: IMAGO/Seeliger

Vor allem der britisch-libanesische Neurobiologe Semir Zeki vom University College London und der Neurowissenschaftler Andreas Bartels, heute an der Universität Tübingen tätig, versuchten herauszufinden, wie Verliebtheit im Gehirn zu sehen ist. Sie nahmen per funktioneller Magnetresonanztomografie das Gehirn von 17 Probanden und Probandinnen unter die Lupe. Einmal zeigten sie den Schwerverliebten Bilder ihrer Partner oder Partnerinnen und ein andermal Fotos von Freunden. Wie sich zeigte, sprang beim Anblick des innig geliebten Menschen das limbische Belohnungssystem an.

Warum Liebende oft kopflos handeln

Gleichzeitig fuhren aber auch manche Areale ihre Tätigkeit nach unten, etwa der präfrontale Cortex. Er ist für rationale Entscheidungen wichtig. Einige Hirnforscher sehen darin eine Bestätigung für die alltägliche Erfahrung, dass Liebende oft kopflos handeln. Und auch Bartels und Zeki vermuteten in ihren Ergebnissen eine mögliche neurobiologische Erklärung, warum Liebe blind macht.

Allerdings sagen Aktivierungsmuster im Gehirn zunächst noch nicht viel aus über die Liebe. Im Jahr 2012 hat dann die Neurowissenschaftlerin Stephanie Cacioppo von der Universität Genf gemeinsam mit Kollegen die Funde der Hirnforschung zur romantischen Liebe nochmals zusammengetragen. Das Ergebnis der Forschung war, die leidenschaftliche Liebe entfacht Hirnareale, die mit Euphorie und Belohnung in Verbindung gebracht werden.

Mit der Zeit wird aus Verliebtheit Liebe

Wenn wir verliebt sind, überschwemmt zudem der Botenstoff Dopamin unser Gehirn. In der Alltagssprache bezeichnet man Dopamin häufig als das „Glückshormon“ – es spielt eine Rolle bei Belohnungen, bei Euphorie aber eben auch bei der Sucht. Verliebtsein fühlt sich für viele wie ein Rausch an. Der Hirnforscher Zeki stellte deshalb einmal die gewagte Behauptung auf: „Liebe ist am Ende eine Form von Obsession.“

Viele wünschen sich gerne ewige Verliebtheit. Das Problem ist: das würden wir fast gar nicht aushalten, wenn unser Körper in diesem dauernden Rauschzustand wäre. Wir wären dauergestresst und ständig auf uns selbst fokussiert. Deshalb lassen die Verliebtheitsgefühle irgendwann nach – entweder weil das Objekt der Begierde kein Interesse hat. Oder weil aus Verliebtheit Liebe wird.

Wenn zwei Personen zusammenfinden, stehen irgendwann Kuscheln, Küssen und intime Gespräche mehr im Vordergrund. Der Dopaminrausch ebbt ab, das Bindungshormon Oxytocin erhöht sich. Aus dem blinden Verliebtsein wird eine Beziehung. Oxytocin vermittelt Vertrauen und Geborgenheit, reduziert Stress, Anstrengung und Aggression.

Zum Verliebtsein braucht es einen, für die Liebe braucht es zwei

Verliebtsein kommt also mit einem Knall, Liebe braucht Zeit. Verliebtheit braucht im Ernstfall sogar eigentlich nur eine Person, die Liebe braucht die Interaktion zwischen zwei Menschen. Der Forscher Ulrich Mees hat in seinen Studien noch konkretere Unterschiede herausgearbeitet. „Verliebtsein ist in der Beziehungsgeschichte zweier Personen eine frühe Phase, die entweder nach einiger Zeit in Liebe übergeht, oder aber endet.“ In der Verliebtheitsphase habe man zwar heftige, körperliche Empfindungen, aber es fehle Vertrauen zur anderen Person, der Verliebte sei nicht „offen und ehrlich“ zu seinem Objekt der Begierde und wolle noch keine Verantwortung für den anderen übernehmen. Es überwiegt das Begehren.

Mit der Liebe kommt das Vertrauen und die Verantwortung, auch die Ehrlichkeit und die Intimität – das sind die zentralen Bestandteile von Liebe. Dazu gehören laut Mees auch die Wertschätzung des Partners, die Mitfreude, das gute Verständnis, die enge Verbundenheit, kameradschaftliche Gefühle und letztlich auch das Akzeptieren von Schwächen.

Liebe ist wie eine Pflanze, sie muss erst gedeihen

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer beschrieb in seiner Kolumne im „SZ-Magazin“ den Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe recht plastisch: „Wenn Verliebtheit der Pfeil ist, mit dem Amor seine Opfer trifft und entflammt, sehe ich in der Liebe eher etwas wie eine Pflanze.“ Das eine ist Rausch, das andere Beständigkeit. Klingt zunächst langweilig, ist es aber nicht, wie Schmidbauer ergänzt: „Liebe ist die alltagstaugliche Form der Verliebtheit.“ Denn: „Glühend Verliebte können nicht ohne einander sein, verfolgen einander bis auf die Toilette und fürchten immer, dass etwas anderes wichtiger werden könnte als die Zweisamkeit.“ Verliebtheit hat immer etwas Zwanghaftes auch. „Liebe ist die Pflanze, die das ganze Jahr gedeiht, sich mit Blüten schmückt, Schatten spendet, berauschende Früchte trägt und uns in der Erinnerung wärmt“, schreibt Schmidbauer.

Und, sogar für die „vollkommene Form der Liebe“ kennt die Wissenschaft inzwischen Kriterien. Der US-amerikanische Psychologe Robert J. Sternberg hat das „Dreieck der Liebe“ erfunden. Laut seinen Untersuchungen gehören drei Komponenten zur idealen Liebe: Intimität, Bindung und Leidenschaft. Er macht zudem Unterscheidungen, wenn nur zwei von drei Dingen vorhanden sind: So braucht laut Sternberg die romantische Liebe lediglich Intimität und Leidenschaft, die kameradschaftliche Liebe kommt mit Intimität und Verbindlichkeit aus.

Es gibt also inzwischen viele wissenschaftliche Erkenntnisse über die Liebe. Was sich letztlich festhalten lässt: „Der Reiz von Liebe und Verliebtheit bleibt, auch wenn man ihre Geheimnisse entschlüsselt“, sagt Ulrich Mees und ergänzt: „Es ist wie bei einer köstlichen Speise: Auch wenn man ihre Zutaten kennt, bleibt es ein Genuss, sie zu verspeisen.“