Im Baugebiet Hasenbrunnen kommen jetzt die ersten Grundstücke auf den Markt, die von der Stadt nach neuen "Wohnbaugrundsätzen" vergeben werden. Foto: Fritsch

Es wird ernst: Über ein Jahr ist es jetzt her, dass die Stadt Nagold ihre neuen "Wohnbaugrundsätze" im Gemeinderat verabschiedet und öffentlich vorgestellt hat. "Ein Experiment", wie es damals hieß – um mehr bezahlbaren Wohnraum zu ermöglichen. Jetzt kommen die ersten Grundstücke dafür auf den Markt.

Nagold - Dabei handelt es sich um zwei Grundstücke, die sich im Besitz der Stadt Nagold befinden und im östlichen, der B463 zugewandten Bereich des Baugebiets "Hasenbrunnen" befinden. Die öffentlichen Ausschreibungen für die beiden je 796 und 699 Quadratmeter großen Areale sollen noch im laufenden Monat Mai starten, wie Oberbürgermeister Jürgen Großmann und sein Planungsamtsleiter Ralf Fuhrländer erläuterten.

 

Zum Zuge sind "nur Menschen mit Nagold-Bezug" gekommen

Wobei es für den gesamten Hasenbrunnen kontinuierlich eine hohe Nachfrage gebe, so Großmann und Fuhrländer unisono. So seien die dortigen Grundstücke, die für den Ein- und Zweifamilienhaus-Bau vorgesehen gewesen seien – insgesamt 35 Stück – "in kürzester Zeit" vergeben worden und allesamt "zweifach überzeichnet" gewesen. Zum Zuge gekommen seien, das unterstreicht der OB mit Blick auf entsprechende laufende Diskussionen in der Bürgerschaft ausdrücklich, "nur Menschen mit Nagold-Bezug" – also jene, die von hier stammen, hier bereits wohnen oder arbeiten.

"Und niemand aus Stuttgart oder Böblingen", um einen wiederkehrenden Vorwurf gegen die Stadtverwaltung zu entkräften, dort würden die Interessen der Einheimischen bei Grundstücksvergaben nicht genügend gewahrt gegenüber Zuzugswilligen. Gewährleistet sei auch zudem in allen Fällen, dass die bereits veräußerten Grundstücke, beziehungsweise die darauf zu errichtenden Gebäude, später auch von den Grundstückkäufern selber genutzt würden – also es sich ausdrücklich nicht um Spekulationsobjekte handelt.

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Und auch für jene, insgesamt zehn Grundstücke im Hasenbrunnen, die ausdrücklich für den Geschosswohnungsbau reserviert worden waren, gebe es viele Anfragen, "wann diese endlich auf den Markt" kämen, so Planungsamtsleiter Fuhrländer. Zwei der zehn Grundstücke seien bereits vergeben – dort werden wie berichtet die beiden Nagolder Hoffnungshäuser entstehen mit ihrem Wohnkonzept speziell zur Integration von Flüchtlingen. Die nun ebenfalls zur Ausschreibung anstehenden Grundstücke für zwei weitere Projekte im Geschosswohnungsbau "werfen wir mal auf den Markt", wie es OB Großmann formuliert, um "on the Job" eben die neuen Nagolder Wohnungsbaugrundsätze auf ihre Marktfähigkeit zu testen.

Denn wie mögliche Baugemeinschaften, Planungsgemeinschaften, Investoren und Bauträger als Zielgruppe für dieses Angebot reagieren könnten, dass sei völlig offen. "Da haben wir noch keinerlei Erfahrung." Was dabei neu ist: Die Stadt Nagold verkauft nicht mehr – wie bisher – solche Grundstücke für den Geschosswohnungsbau einfach an den Höchstbietenden, der dann im Prinzip – im Rahmen des Baurechts – mit dem Grund machen kann, was er will. Was dabei herauskommt, sah man im Baugebiet Riedbrunnen: Maximal ausgefüllte Baukörper für Käufer von Eigentumswohnungen im gehobenen Segment.

Grundstücksvergabe künftig an Bieter mit bestem "Konzept"

Künftig soll das ein bisschen anders laufen: Nicht mehr der Meistbietende bekommt das Grundstück – denn der Quadratmeterpreis für die Grundstücke (wie jetzt im Riedbrunnen) ist bereits fix definiert und vom Nagolder Gemeinderat verabschiedet "und liegt bei rund 350 Euro", so Ralf Fuhrländer. Sondern der Bieter wird zum Zuge kommen, der das beste "Konzept" (Stichwort: "Konzeptvergabe") für das geplante Vorhaben präsentiert – und dabei die "Wohnbaugrundsätze" einhält: Die sehen vor, dass immer ein Drittel der zu erstellenden Wohnungen dem "preisgedämpften" Mietwohnungsmarkt zur Verfügung gestellt werden, und dies mindestens für 15, beziehungsweise je nach Art der dafür möglichen staatlichen Förderung auch bis zu 25 Jahre. "Es gibt für diese besonders günstigen Mietwohnungen eine Nachfrage in Nagold", so OB Großmann, die künftig auf diese Weise bedient werden solle. Wobei der Maßstab für die Höhe der Miete sei: "Sie muss Eindrittel unter der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen", die mit dem seit März geltenden "qualifizierten Mietspiegel" für Nagold auf eine Höhe von 7,64 Euro (+/- 20 Prozent) definiert wurde.

Was – da machen sich Großmann und Fuhrländer gemeinsam mit dem Nagolder Gemeinderat keine Illusionen – durchaus geeignete Investoren und Bauträger auch abschrecken könnte, da Vermietungen langfristige Investments bedeuten und keine kurzfristigen Renditen aus den Verkauf von Eigentumswohnungen.

Genau deshalb ist diese erstmalige Grundstücksvergabe nach den neuen Regeln auch "ein Experiment", das man zumindest zum Start des Verfahrens "so niederschwellig wie möglich" halten möchte. Heißt: Wer Interesse an den Grundstücken im Hasenbrunnen anmelden möchte, braucht erst einmal im ersten Schritt des Verfahren keinen großen Aufwand zu betreiben und groß in planerische Vorleistungen zu gehen. Es gehe um ein Konzept, eine Idee, eine Vision – und erst in den folgenden Verfahrensschritten um die konkreten Planungsdetails.

Vorgelegte Planung soll sich in Umgebung und Gesellschaft einfügen

In denen dann aber sehr konkrete Kriterien-Kataloge abgearbeitet werden, die etwa bewerten sollen, wie sich die vorgelegte Objekt-Planung in die Umgebung oder auch die Stadtgesellschaft insgesamt einfügen würde. Aber auch hier werde "gewürdigt und gewichtet", ob die Vorhabenträger "einen Nagold-Bezug" haben oder eben nicht. Wenn ja, gibt es in der Bewertung Extrapunkte – ebenso für besonders kreative, neue Projekt-Ideen in Bezug zum Beispiel auf Nachhaltigkeit oder soziale Einbindung.

Der Zeithorizont für das gesamte Verfahren – wenn alles gut geht mit dem "Experiment": eineinhalb Jahre von der Ausschreibung bis zum Baubeginn – was dem früher üblichen Vergabe-Prozedere im Aufwand entsprechen würde. Wobei OB Großmann extra unterstreicht: "Es gibt keine Garantie", dass sich Bauherren auf dieses neue Vergabeverfahren auch tatsächlich einlassen. Wobei – erst einmal noch unabhängig von diesem Thema – die Stadt aber mit ihrem eigenen, Ende letzten Jahres neu gegründetem städtischen Wohnbauunternehmen "Wohnen in Nagold" (WiN) ja auch noch einen "Joker" im Ärmel hält, sich selbst genau dann im Markt für bezahlbare Mietwohnungen einzubringen, wenn dies freie Investoren eben nicht tun sollten.