Beyoncé zelebriert auf ihrem neuen Album „Renaissance“ vordergründig die Wiedergeburt von Disco. Doch ihre Dance-Platte ist viel eher Empowerment als vertonter Hedonismus.
Manch Forscher sieht in der Zeit nach der Coronapandemie die Wiedergeburt der Goldenen Zwanziger nach der Spanischen Grippe. Beyoncé ist das nicht dramatisch genug. Für sie kommt jetzt die Wiedergeburt an sich, die Renaissance all dessen, was wir im Wüten der vergangenen zweieinhalb Jahre verloren haben. „Renaissance“ heißt ihr neues Album folgerichtig. Ihr erstes seit „Lemonade“ von 2016, mit dem sie alle Rekorde brach. Mal wieder.
Es will der Morgen nach der Götterdämmerung sein, Aufbruch in eine neue, unbeschwerte Zeit, in der wir uns unsere Freiheit, unsere Lebensfreude, unseren Hedonismus zurückerobern. Klingt nach einer Menge Empowerment, so wie man das eben von Queen Bey gewohnt ist. Die Musik, die erinnert an einigen Stellen aber eher an das Remix-Album einer Beyoncé-Platte, an einen dieser Megamix-Sampler der Neunziger, in denen die Songs ineinander übergingen.
Verbeugung vor dem Schwarzen Amerika
Doch es steckt mehr dahinter. Natürlich. „Renaissance“ ist ein waschechtes Dance-Album, eine deutliche Abkehr vom bombastischen, triumphalen Sound früherer Werke. Voller Zitate aus Disco, House, Glitch, aber eben keine weiße Disco-Platte. Sondern eine lupenrein schwarze. Randvoll mit kleinen Verbeugungen vor dem Underground Schwarzer Künstlerinnen und Künstler, vor all den übersehenen Stimmen des Schwarzen Amerikas.
Das macht „Renaissance“ in seiner fast schon nonchalanten Parade durch die Frühgeschichte von Disco zu einem ermutigenden, einem gloriosen Album, das seine Beats ebenso dreist raushämmert wie das weiße, alte Amerika über die Köpfe der Frauen hinweg Entscheidungen fällt, die ihren eigenen Körper betreffen. Nach all der Wut tut es auch mal gut, einfach wieder feiern zu gehen. Frustration in Energie umwandeln. Vielleicht einfacher gesagt als getan. Aber die bestverdienende Schwarze Künstlerin aller Zeiten macht ja mit 40 auch vor, wie es geht.
Das Gegenteil von dem, was viele erwartet haben
Zum geradezu dekadenten Diana-Ross-Partyfeeling in einigen Songs passt auch die dezidiert unpolitische Haltung vieler Tracks. Wie Kendrick Lamar verweigert sich auch Beyoncé dem öffentlichen Diktat. Viele hätten ein politisches, ein wütendes, ein flammendes Album von der Popkönigin erwartet. Sie gibt der Öffentlichkeit das Gegenteil, will keine Rollen mehr erfüllen. Politik findet man auf „Renaissance“ zwar immer noch; eher aber zwischen den Zeilen. Die Rebellion der Beyoncé ist 2022 kein „Black Lives Matter“-Protestmarsch. Sie ist unterschwellig; und doch immer da.
In der Musik als Ganzes natürlich, ein riesiger Resonanzraum voller Anspielungen und Deutungsebenen. Eine wie sie macht natürlich nicht einfach nur eine Disco-Platte, weil sie sich mit Ehemann Jay-Z während des Lockdowns im Studio Schirmchendrinks in die Birne stellt und ihre „guilty pleasures“ entfesselt. Eher schon ist jeder Einfluss, jede Reverenz auf „Renaissance“ beladen mit Bedeutung und Kontext. Sie referenziert die damalige LGBT-Ballroom-Kultur, in der queere Menschen eine Heimat hatten; sie sampelt aber auch die Neunziger-Drag-Legende Moi Renee oder lässt Transgender-Produzent Honey Dijon ans Mischpult.
Das Kristallpferd ist kein Zufall
Auch die Widmung ist ein Statement für sich. „Renaissance“ ist für Beyoncés Kinder, für ihren Ehemann Jay-Z, aber auch für ihren Onkel Johnny, einen homosexuellen Mann, der mit HIV infiziert ist. Er war es auch, der Beyoncé für Disco begeistern konnte und somit auch dieses Album inspiriert hat. Nicht zufällig reitet sie auf dem Cover ein Kristallpferd – eine Reverenz an Bianca Jagger, die einst auf einem Pferd in New Yorks legendären Nachtclub Studio 54 geritten kam.
Beyoncé macht, was sie will. Nicht erst seit gestern. Aber mittlerweile mit so viel Ausgebufftheit, dass man nur jubeln kann. Die Königin gibt ihren Thron nicht leichtfertig auf, erzählt uns auch zu wummernden Beats und Giorgio-Moroder-Riffs von Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, von Libertas, Sex und Rebellion. Sie ist immer noch die Löwin, die alles verteidigt, was ihr wichtig ist. In der Liste ihrer Kollaborateure tauchen daher natürlich auch die üblichen Namen wie ihr Ehemann Jay-Z oder Drake auf; der eigentliche Triumph sind aber die vielen weiblichen Stimmen des Schwarzen Amerikas, die „Renaissance“ mitgestaltet haben: Nova Wav etwa oder Grace Jones, die als Gastsängerin auftaucht.
Als Lockdown-Album ist „Renaissance“ vielleicht das cleverste und wichtigste, das die US-amerikanische Popmusik seit März 2020 hervorgebracht hat.
Für die einflussreichste Schwarze Künstlerin aller Zeiten ist „Renaissance“ ein „sicherer Raum, ein Ort, an dem dich niemand verurteilt. Ein Ort ohne Perfektionismus und Overthinking. Ein Ort, an dem wir schreien, loslassen, frei sein können.“ Und im wahrsten Sinne des Wortes eine Wiedergeburt von Disco als politisches Instrument.
Beyoncé: Renaissance. Columbia/Sony
Die drei Herrschaftslegitimationen von Queen Beyoncé
Grandioser Start
Beyoncé (Jahrgang 1981) beginnt ihre Karriere in den späten 90ern bei Destiny’s Child. Mit ihnen verkauft sie mehr als 60 Millionen Platten und schreibt Welthits wie „Survivor“.
Fulminante Karriere
Ihre Solokarriere beginnt 2003 mit „Dangerously in Love“. Bis heute hat sie sieben Studioalben veröffentlicht, in vielen Filmen mitgespielt und beim Musical-Film „Black is King“ Regie geführt.
Glorreiche Auszeichnung
Das „Time Magazine“ nahm Beyoncé 2020 in die Liste der 100 Frauen auf, die das zurückliegende Jahrhundert geprägt haben.