Wer zieht nach Wolf-Rüdiger Michel ins Rottweiler Landratsamt ein? Der Startschuss für die Bewerber ist gefallen. Wir fragen die Kreisräte: Wer wäre ihnen am liebsten?
Nach 24 Jahren bricht eine neue Ära im Rottweiler Landratsamt an: Am 23. März 2026 wird der Nachfolger von Landrat Wolf-Rüdiger Michel gewählt. Seit einer Woche dürfen Bewerber dafür ihren Hut in den Ring werfen. Die Kreistagsfraktionen haben klare Vorstellungen davon, wer Michel beerben soll, und teilweise offenbar Kandidaten an der Hand.
Zuerst wollen wir wissen, ob die Fraktionen einen eigenen Kandidaten vorschlagen oder jemanden unterstützen, und wie wichtig ihnen ist, dass der Landrat aus dem Landkreis kommt.
CDU in Kontakt mit mehreren Interessenten
Letzteres spiele aus Sicht der CDU-Fraktion keine Rolle, meint Marcus Türk im Namen der mitgliederstärksten Fraktion im Kreistag. Viel wichtiger sei es, dass sich die Person mit dem Landkreis identifiziere und sich zu diesem bekenne. Was einen eigenen Kandidaten angeht, so könne er bestätigen, dass Kontakt mit mehreren Interessenten bestehe und erste Gespräche diesbezüglich geführt wurden.
Rasches Einarbeiten ist wichtig
„Die FWV hat nach derzeitigem Stand keine eigenen Bewerber“, teilt Thomas Haas auf unsere Anfrage mit. Auch müsse der neue Landrat nicht aus dem Kreis Rottweil stammen.
Die SPD-Fraktion schlägt in dieselbe Kerbe. Der neue Landrat müsse nur in der Lage sein, sich rasch einzuarbeiten, erklärt Berthold Kammerer. Einen eigenen Kandidaten gebe es bisher nicht, und ob man jemanden unterstütze, hänge davon ab, wer sich bewerbe. „Wir werden dann prüfen, wem wir am ehesten zutrauen, der anspruchsvollen Aufgabe gerecht zu werden und den Landkreis in die Zukunft zu führen.“
„Blick von außen kann neue Impulse bringen“
Sonja Rajsp-Lauer von der Grüne-/ÖDP-Fraktion erklärt: „Wir führen derzeit Gespräche und werden uns gründlich mit allen Bewerbungen auseinandersetzen“. Ortskenntnis sei hilfreich, aber keine zwingende Voraussetzung. Entscheidend sei, dass der neue Landrat den Landkreis verstehen wolle und bereit sei, offen zuzuhören und zu lernen. „Ein Blick von außen kann manchmal sogar neue Impulse bringen.“
Möglicher Bewerber in den Startlöchern
Auch die FDP-Fraktion stellt aktuell noch keinen eigenen Kandidaten auf, erfahren wir von Dieter Kleinmann: „Es gibt aber einen möglichen Bewerber, der Mitglied der FDP ist. Sollte er sich bewerben, würde sich die FDP-Kreistagfraktion darüber freuen.“
Von der AfD-Fraktion hat unsere Redaktion bis Ende der einwöchigen Antwortsfrist keine Rückmeldung erhalten.
Wie wichtig ist die Parteizugehörigkeit?
Zu unserer Frage, wie wichtig den Fraktionen eine Parteizugehörigkeit des neuen Landrats ist, erhalten wir Antworten, die sich in Nuancen unterscheiden. So spielt diese für CDU, FWV, Grüne/ÖDP und FDP eine „untergeordnete Rolle“. Die SPD-Fraktion meint: „Sie spielt eine wichtige, aber keinesfalls die allein ausschlaggebende Rolle.“
Einig sind sich die antwortenden Fraktionen hingegen in den Kriterien berufliche Qualifikation, Persönlichkeit und Engagement. „Demokratische Werte, soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit“ nennen Grüne/ÖDP zusätzlich.
Das erwartet den neuen Landrat
Klar ist: Lange Zeit zum Einarbeiten wird dem neuen Landrat nicht bleiben. Etliche Projekte und Aufgaben erwarten ihn, darunter auch große Herausforderungen. Nach den größten aus ihrer Sicht haben wir die Fraktionen gefragt.
Für die FDP-Fraktion sind dies die Digitalisierung der Verwaltung und „der Umbruch in der Wirtschaft, verbunden mit den sich dadurch ergebenden Folgen.“ Außerdem gelte es, die finanzielle Ausgestaltung des Landkreises sicherzustellen, damit dieser seinen originären Aufgaben könne, so Kleinmann.
Für Demokratie einstehen
Sonja Rajsp-Lauer nennt die soziale Sicherung, Mobilitätswende und finanzielle Stabilität des Landkreises, ohne freiwillige Leistungen, etwa in Kultur, Bildung, Ehrenamt und Co., zu streichen. Gleichzeitig erwarte man, dass der Landkreis beim Klimaschutz eine Vorbildrolle übernehme– mit mehr Photovoltaik auf kreiseigenen Gebäuden, klimaneutraler Verwaltung, nachhaltiger Beschaffung und starkem öffentlichen Nahverkehr. Neben der Schaffung bezahlbaren Wohnraums sei der Fraktion wichtig, dass der neue Landrat Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärke und klare Haltung für Vielfalt und Respekt zeige.
Für die Demokratie einzustehen, sieht auch die SPD-Fraktion als eine der größten Herausforderungen, ebenso wie sich um die Unterstützung von Land und Bund zu sorgen und mit den Städten und Gemeinden einen fairen Ausgleich zum Wohl der Bürger zu suchen.
Wenig Geld, viele Aufgaben
Thomas Haas (FWV) fasst den zentralen Konflikt in einem Satz zusammen: „Einerseits stehen die Landkreise finanziell mit dem Rücken zur Wand und andererseits gibt es einen immensen Aufgabenaufwuchs durch Land, Bund und EU.“
In die gleiche Richtung geht das Statement der CDU. In Zeiten knapper werdender Kassen sei gute Kommunikation gefragt, meint Türk. Man müsse erklären, warum manche wünschenswerten Dinge nicht (mehr) möglich seien, da zunächst die Pflichtaufgaben erfüllt werden müssten. Verbleibende Spielräume seien vorrangig in den Umbau der Gesellschaft durch den demografischen Wandel zu investieren. „Stichworte dazu sind Kinder, Senioren und Gesundheit.“
Das soll der Neue mitbringen
Und welche Qualifikationen und Eigenschaften sollte der neue Landrat mitbringen? „Besonders wichtig sind Integrität, Fachkenntnis und Führungskompetenz. Zudem muss der neue Landrat willens sein, die Herausforderungen, vor denen der Landkreis steht, mit innovativen Ideen anzupacken“, meint Türk.
Etwas konkreter, auf die berufliche Eignung bezogen, wird Thomas Haas (FWV): „Es wäre sicher hilfreich, wenn der neue Landrat aus der Verwaltung käme beziehungsweise Jurist wäre.“ Zudem solle er „tatkräftig, offen und empathisch sein“.
Berthold Kammerer (SPD) teilt mit, der Landrat müsse in der Lage sein, eine große Behörde ebenso wie verschiedene Gremien zielgerichtet zu führen. „Dabei sind uns soziale, ökonomische und ökologische Kompetenz und Erfahrungen wichtig. Er muss die Herausforderungen eines industriell geprägten Kreises im ländlichen Raum annehmen und den Kreis und seine Einwohner sozial und kulturell fördern.“
Ökologische Verantwortung und ökonomisches Handeln
Für die Grüne/ÖDP-Fraktion solle der neue Landrat eine moderne Verwaltungskultur mitbringen – mit klarer Kommunikation, Transparenz und der Bereitschaft, Mitarbeiter und Bürger einzubeziehen, teilt Rajsp-Lauer mit. „Wir wünschen uns eine Person, die soziale und ökologische Verantwortung gleichermaßen ernst nimmt, belastbare Erfahrung besitzt und den Landkreis wirtschaftlich solide und nachhaltig weiterentwickelt.“ Wichtig seien Führungskompetenz, Empathie und offener Umgang mit neuen Ideen, zudem eine enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Städten und Gemeinden.
Die FDP-Fraktion erklärt, fundierte Kenntnisse im Bereich der Verwaltung seien von Vorteil, doch ohne eine ausgeprägte Fach- und Sachkompetenz aus der freien Wirtschaft werde das nicht gehen. Man brauche einen Landrat, der kreativ mit Herausforderungen umgehe und Landkreis und Region wirtschaftlich voranbringe. Er oder sie sollte in der Lage sein, Verwaltung, ökonomisches Handeln und Kostendisziplin miteinander zu verknüpfen, erklärt Dieter Kleinmann.