Die Volkshochschule Calw zeigt in einer Ausstellung die Bilder des tschechischen Kriegsfotografen Stanislav Krupař. Der dokumentiert die Geschehnisse in der Ukraine.
Am 24. Februar 2022 überfiel die russische Armee die Ukraine. Der tschechische Fotograf Stanislav Krupař befand sich an diesem Tag in Awdijiwka, einer kleinen Stadt im Donbass. Nur drei Kilometer weiter lag plötzlich die Front. Er tat das für einen Fotograf Naheliegendste: Krupař dokumentierte mit seiner Kamera den Einmarsch der Russen. Und er blieb. Seit knapp vier Jahren verbringt er mehr Zeit in der Ukraine als in seiner Heimat in Prag.
Krupař begleitet Einheiten der ukrainischen Armee, kommt so an die Front oder in ausgebombte Dörfer und Städte. Dabei fängt er Momente ein, welche die Auswirkungen des Kriegs auf Soldaten und Zivilisten zeigen. Seine Bilder prägen die Wahrnehmung des Kriegs in Europa. Denn Krupařs Fotos werden in Medien wie dem Spiegel, dem Stern, der NZZ oder der britischen Times veröffentlicht. Vor allem seine Aufnahme einer zerstörten Brücke, über die Bewohner von Irpin und Butscha im März 2022 Richtung Kyjiw fliehen, wurde in vielen Zeitungen abgedruckt.
Der Krieg ist Alltag
Seit Freitag sind 21 seiner Bilder in der Calwer Volkshochschule ausgestellt. Erstmals sind die Fotografien in einer Einzelausstellung zu sehen. VHS-Chef Schmidlin gelang es Krupař aufgrund persönlicher Verbindungen für das Projekt zu gewinnen.
Die ausgestellten Fotos sind eindrücklich. Darauf ist zum Beispiel ein Spielplatz in Wuhledar zu sehen, der zum Soldatenfriedhof umfunktioniert wurde. Der eigentliche Friedhof des Ortes liegt im russisch besetzten Gebiet, ist für die Ukrainer unerreichbar. Das Bild verdeutlicht, wie unmittelbar der Krieg das normale Leben beendete.
Viele persönliche Schicksale
Auch ein Bild der 18-jährigen Studentin Katja zeigt das. Sie steht darauf am Stadtrand von Charkiw. Vor ihr steigt schwarzer Rauch auf. Der stammt von einer Fabrik, welche die russische Armee bombardiert hat. Ihr Gesicht ist sorgenvoll, als sie die Szenerie mit dem Handy fotografiert.
Ein anderes Bild zeigt die Verkäuferin Irina, die geduckt vom Markt zurückläuft und sich ebenfalls durch den schwarzen Rauch dieses Bombenangriffs kämpfen muss. Der Krieg ist für diese Menschen Alltag.
Das gilt ebenso für die vielen ukrainischen Soldaten. Krupař fotografiert sie in ihren Stellungen, mit Artillerie oder beim Marsch durch zerbombte Siedlungen. Ein besonderes Bild gelang ihm 2023 an der Front bei Wulhedar. Ein Soldat befreit einen Vogel aus einem Auto und hält ihn in seinen verletzten und verdreckten Händen.
Von den Russen gefoltert
Krupař kam am Freitag selbst aus der Ukraine nach Calw. In einem Vortrag zeigte er weitere, drastischere Bilder. Wie Schmidlin erklärte, wollte er diese nicht in die Aufstellung aufnehmen. Denn die VHS besuchen viele Ukrainer, zum Beispiel für Sprach- oder Weiterbildungskurse. Diese Menschen wolle er mit den Bildern nicht retraumatisieren, so Schmidlin. „Ich will den Krieg so darstellen, wie er ist“, sagte Krupař in Calw. Und im Vortrag tat er das.
Er zeigte Aufnahmen von schwerverwundeten ukrainischen Soldaten im Feldlazarett. Auch getötete und entstellte Menschen hat Krupař fotografiert. Nicht immer decken Planen die Toten ab. Eine alte Frau liegt auf der Straße. Ihr Arm und ihr Gesicht sind von einer Granate zerfetzt. Oder: Ein ukrainischer Soldat liegt mit hinter dem Rücken gefesselten Hände erschossen auf dem Boden. Sein Körper zeigt Spuren von Gewalt. „Den haben die Russen gefoltert“, erklärt Krupař.
Schockierende Bilder – und Geschichten
Nicht alle Bilder sind so schockierend, manchmal sind es die Geschichten dahinter. Krupař zeigte das Bild einer weinenden Mutter. Er erzählt, dass sie gemeinsam mit ihrem Sohn aus der Wohnung fliehen wollte. Sie hielt ihn an der Hand. Dann griff ein Panzer an, traf den Jungen. Die Mutter hatte nur noch den Arm ihres Kindes an der Hand.
Sind die Bilder objektiv?
Krupař kann viele solcher Geschichten erzählen. Auch, dass es für Fotografen wegen der vielen Drohnen mittlerweile fast unmöglich ist, an die Front zu kommen. Er schließt sich deshalb ukrainischen Einheiten an, die ihn beschützen. Er fühle sich dann als Teil der Gruppe, sagte Krupař. Ob das zu Lasten seiner Objektivität geht? Einerseits ja, so der Fotograf. Denn sein Leben hänge von diesen Soldaten ab. Andererseits würde er nicht anders fotografieren, wenn er kritischer wäre, meinte er.
Krupař hat auch russische Kriegsgefangene fotografiert. Die Bilder sind Teil der Ausstellung. Eines zeigt einen jungen Soldaten, der inmitten seiner Kameraden beim Appell nach oben blickt.
Diese Fotos hätten manche Medien aus ethischen Gründen abgelehnt und nur solche genommen, bei denen nicht die Gesichter der Kriegsgefangenen zu sehen sind, so Krupař. Die Logik dahinter: Kriegsgefangene haben aufgrund ihrer Lage nicht die freie Entscheidung, in solche Bilder einzuwilligen. Denn lehnen sie ab, müssen sie eventuell mit Nachteilen in der Haft rechnen. Werden sie fotografiert, kann das auch zu Nachteilen nach einer Rückkehr in die Heimat führen. Sie befinden sich in einer Zwangslage.
Er sehe die Bilder nicht als unethisch an, so Krupař. „Aber es ist wichtig, das für die Nachwelt zu dokumentieren. Es muss dokumentiert werden“, sagte der Fotograf.