Wer sind die „Drei Unbekannten“ auf dem Atzenbacher Friedhof? Auf der Suche nach Antworten.
Ende April 1945. Jeder weiß: Der Krieg ist verloren. Oben am Zeller Blauen fallen mehrere Schüsse. Fünf Männer, alle osteuropäische Zwangsarbeiter, werden tödlich getroffen. Hinterrücks erschossen – von Hitlerjungen. Der Befehl wird von HJ-Bannführer Kurt Rahäuser übermittelt, der damit droht, jeden zu erschießen, der sich weigert, ihn auszuführen. Ein juristisch aufgearbeitetes Kriegsverbrechen, dessen einzelne Details und Auswirkungen bis heute nicht eindeutig geklärt sind.
„Werwölfe“ rekrutiert
Im April werden ehemalige Oberschüler – zuvor als Flakhelfer eingezogen – sowie Hitlerjungen aus dem Bannausbildungslager Brombach als „Werwölfe“ rekrutiert. Ihr Auftrag: der Bau von Stellungen auf dem Höhenrücken des Zeller Blauen an der Gemarkungsgrenze zwischen Elbenschwand und Pfaffenberg/Käsern. Von dort aus sollen sie – so der perfide Plan – nach dem Einmarsch des französischen Militärs als Partisanen Sabotageakte im Wiesental durchführen. Zur Beschleunigung der Arbeiten werden ihnen sieben Zwangsarbeiter zugeteilt.
Zwischen den Jugendlichen und den Zwangsarbeitern entwickelt sich in diesen Tagen ein freundschaftliches Verhältnis. Sie arbeiten und essen zusammen – sogar gemeinsam übernachtet wird am Blauen. Ein Hitlerjunge verhilft zwei Zwangsarbeitern gar zur Flucht. Für den hochdekorierten Oberleutnant der Wehrmacht und HJ-Bannführer Kurt Rahäuser der Auslöser für einen Tobsuchtsanfall.
Die Franzosen besetzen das Wiesental schneller als erwartet. Bereits am 25. April 1945 marschieren sie in Zell ein – zu einem Zeitpunkt, als die Stellungen am Blauen noch nicht fertiggestellt sind. Um die Vorbereitung auf den Partisanenkampf zu vertuschen, befiehlt Rahäuser den Jugendlichen, die fünf verbliebenen Zwangsarbeiter zu erschießen – unter der Androhung, selbst getötet zu werden, falls sie sich weigern. Rahäuser teilt die Zwangsarbeiter in eine Dreier- und eine Zweiergruppe auf und lässt sie in unterschiedliche Richtungen marschieren. Die 16- und 17-jährigen Jugendlichen gehorchen in Todesangst – und erschießen die Männer von hinten. Anschließend müssen sie absolute Verschwiegenheit geloben und werden nach Hause geschickt. Kurt Rahäuser flieht.
Pilzsammler finden Leichen
Im September 1945 finden Pilzsammler im Wald die Leichen von drei der erschossenen Zwangsarbeiter. Die französische Militärregierung lässt die Toten bergen und befielt dem damaligen Bürgermeister von Pfaffenberg, die drei eingesargten Leichen zum Friedhof in Atzenbach bringen zu lassen. Dieser wiederum betraut einen 15-jährigen Jugendlichen mit dem Abtransport. Der macht sich zu Fuß auf den Weg nach Käsern, wo er sich ein Ochsengespann samt Mistwagen ausleiht. In der Nähe der Fundstelle lädt er die drei bereits eingesargten Toden auf und bringt sie nach Atzenbach, wo sie in anonymen Einzelgräbern bestattet werden. Kurz nach Kriegsende sind solche Funde keine Seltenheit. Immer wieder werden Tote in den Wäldern entdeckt – häufig Fremdarbeiter, die aus Verzweiflung Suizid begangen hatten, oder geflüchtete Nationalsozialisten, die aus Angst vor Racheakten durch das französische Militär den Freitod wählten.
Erst Monate später wird das Verbrechen am Blauen öffentlich bekannt. Die drei Toten werden exhumiert und zur Pathologie der Uniklinik Freiburg gebracht. Dort klärt man die Identitäten und die genaue Todesursache. Anschließend werden die Männer in einem Sammelgrab wieder auf dem Atzenbacher Friedhof beigesetzt. Das Grab bleibt anonym.
Das Verbrechen wird schließlich aufgeklärt. Kurt Rahäuser wird 1950 in Abwesenheit von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt. Die beteiligten Hitlerjungen erhalten Haftstrafen zwischen drei Monaten und sieben Jahren. Rahäuser entzieht sich der Festnahme und lebt unbehelligt in Österreich, der Schweiz und später wieder in Deutschland. Erst 1985 wird er wegen „Beihilfe zum Totschlag“ zu drei Jahren Haft verurteilt.
1964 errichtete der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf dem Friedhof ein Ehrenmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege. Die Gebeine der „drei Unbekannten“ wurden dorthin umgebettet, und eine einfache Granittafel mit der Inschrift „Hier ruhen drei Unbekannte“ angebracht.
Die Aufarbeitung
Der Lokalhistoriker Hansjörg Noe sowie Hans Viardot und weitere Beteiligte haben sich intensiv um die geschichtliche Aufarbeitung dieses Verbrechens verdient gemacht. Auf Initiative von Viardot wurde im Jahr 2015 ein Gedenkstein am Ort des Verbrechens aufgestellt. Die Journalistin Birgit-Cathrin Duval wiederum erforschte, dass die zwei geflüchteten Fremdarbeiter später nach Australien auswanderten. Zudem fand sie heraus, dass Angehörige der fünf ermordeten Fremdarbeiter teilweise bis in die 1980er-Jahre vergeblich über den Suchdienst des Roten Kreuzes nach ihren verschollenen Familienmitgliedern suchten. Bis heute ist nicht öffentlich bekannt, welche drei der insgesamt fünf Ermordeten in Atzenbach bestattet sind. Die Leichen der beiden anderen Opfer wurden nie gefunden.
Anfrage unbeantwortet
Bereits im Jahr 2018 versprach Bürgermeister Peter Palme, die inzwischen unleserliche Granittafel am Ehrenmal restaurieren zu lassen – doch bis heute ist nichts geschehen. Im Juli 2024 wurde eine Presseanfrage zur Akteneinsicht im Stadtarchiv gestellt, um Hinweise zur Identität der „Drei Unbekannten“ zu erhalten. Trotz mehrfacher Erinnerungen blieb die Anfrage lange unbeantwortet. Erst Ende Mai 2025, nach massivem Druck, wurde einem Pressevertreter Zugang gewährt – mit ernüchterndem Ergebnis: Wichtige Unterlagen wie Gräber- und Totenlisten sind nicht mehr vorhanden.
Derzeit läuft noch eine Anfrage beim französischen Militärarchiv in La Courneuve. Es bleibt die Hoffnung, dass durch internationale Zusammenarbeit und das beharrliche Engagement Einzelner die Namen der „Drei Unbekannten“ doch noch ans Licht kommen – und ihnen endlich die Würde zurückgegeben wird, die ihnen zusteht.